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Immer mehr Hausärztepraxen schließen. Die Allgemeinmediziner fordern ein Umsteuern, da andernfalls die Versorgung nicht gesichert sei. (Foto: dpa/rnd)

Hausärzte hängen am Tropf

Lüneburg. Mehr als 1250 Allgemeinmediziner und ihre Praxis­teams aus ganz Norddeutschland nahmen am vergangenen Wochenende am 35. Seminarkong ress für Hausärzte in Lüneburg teil. Zum Auftakt ging es auch um die Frage „Wie versorgen wir die Bevölkerung 2030 in Niedersachsen?“. Dazu gab es ein Podium mit den Landtagspolitikern Volker Meyer (CDU), Stefan Wenzel (Grüne), Sylvia Bruns (FDP) und Stephan Bothe (AfD). Die LZ sprach am Rande des Kongresses mit Dr. Matthias Berndt, Landesvorsitzender des Hausärzteverbandes Niedersachsen.

Herr Dr. Berndt, beim Politikforum blicken Sie mit Landespolitikern auf das Jahr 2030. Dabei ist vielerorts das Thema Hausärzte-Mangel schon heute immer wieder Thema. Ist die Situation wirklich so dramatisch?

Dr. Matthias Berndt: Ja, ich schätze es als dramatisch ein, weil in den nächsten Jahren viele Hausärzte in den Ruhestand gehen werden. Bereits jetzt sind schon rund 330 Hausarztsitze nicht besetzt. Wir bilden in Niedersachsen statt der erforderlichen 25 Prozent Fachärzte für Allgemeinmedizin nur zirka zehn Prozent aus. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN, Anm. der Redaktion) kann diesen Mangel dann nur verwalten.

Wie kann man erreichen, dass wir mehr Fachärzte für Allgemeinmedizin bekommen?

Hier gibt es keine Pauschallösung. Zum einen brauchen wir mehr Studienplätze, und wir müssen durch Anreizsysteme dafür sorgen, dass die zusätzlich ausgebildeten Studenten auch überwiegend Hausärzte werden. Daneben muss der vorliegende Masterplan 2020, der sinnvolle Maßnahmen zur Förderung der Allgemeinmedizin und ambulanten Medizin beinhaltet, endlich umgesetzt werden. Bereits in acht Monaten haben wir das Jahr 2020 erreicht! Durch eine ambulante Pflichtzeit im letzten Jahr des Studiums, die der Masterplan fordert, wird die Patientenversorgung vor Ort stärker ins Bewusstsein treten. Des Weiteren müssen Anreizsysteme für bereits fertige Ärzte geschaffen werden, die dazu führen, dass ausgebildete Ärzte sich für eine Tätigkeit als Hausarzt entscheiden.

Wie können diese Anreize aussehen?

Wichtig wäre in jedem Fall eine komplette Abschaffung von diversen Regressarten durch die Krankenkassen. In diesem Punkt stimmten uns die Politiker des Politikforums zu und erklärten sich bereit, den Hausärzteverband bei der Aufarbeitung dieses Problems zu unterstützen. Wenn Ärzte Jahre nach der Verordnung eines Medikamentes von den Krankenkassen aufgefordert werden, die Kosten dafür zu übernehmen, ist dieses in der heutigen Zeit einfach nicht mehr vermittelbar. Hier fordern wir Rechtssicherheit bei der Verordnung und Abrechnung. Das heißt auch, dass Honorarsysteme so einfach sind, dass sie auch von den handelnden Personen verstanden werden können.

Sie haben jetzt einen negativen Anreiz angesprochen. Gibt es auch positive Anreize?

Ja, wir haben in Niedersachsen sehr gute Erfahrung mit der Hausarztzentrierten Versorgung HzV gemacht, bei der mehr als eine Million Versicherte eingeschrieben sind. Patienten melden sich beim Hausarzt, und von diesem wird auch die weitere Versorgung koordiniert. Solche Honorarsysteme sorgen dafür, dass die hausärztliche Vergütung am Behandlungsbedarf des Patienten orientiert ist. Aus den bisherigen Erfahrungen kann ich nur jedem Patienten in Niedersachsen empfehlen, sich für die HzV anzumelden. Mit der Einschreibung kann sich der Patient quasi seinen Hausarzt „sichern“.

Aufgrund der demographischen Entwicklung nimmt der Anteil von alten Patienten zu, die auch per Hausbesuch versorgt werden müssen. Erläutern Sie uns, welche Alternativen beziehungsweise Möglichkeiten da die Telemedizin bietet, und was ist das überhaupt?

Die Telemedizin ist gut geeignet, um die Kommunikation zwischen Praxismitarbeitern, wie zum Beispiel den Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (VERAH), beim Hausbesuch und dem Arzt in der Praxis zu unterstützen. So können beispielweise Wundkontrollen durchgeführt werden, die dann von der VERAH auch gleich vor Ort versorgt werden. Allerdings ist es eine Illusion zu glauben, dass durch eine telemedizinische Anwendung einer 80-jährigen, mehrfach erkrankten Patientin zu Hause beim Kreislaufkollaps weitergeholfen werden kann. In solchen Situationen ist es richtig, den Patienten zu fühlen, anzufassen und ihm im direkten Gespräch zuzuhören. Nur dann ist eine gute Medizin möglich. In hochtechnisierten Fachdisziplinen wie zum Beispiel der Radiologie oder der Pathologie werden viele Auffälligkeiten durch künstliche Intelligenz und Bilderkennungsprogramme besser erkannt als durchs menschliche Auge.

Immer wieder klagen Patienten, dass es Wochen oder Monate dauert, um einen Facharzt-Termin zu bekommen. Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sieht nun vor, dass über die Terminservicestellen nicht nur Termine bei Fachärzten, sondern auch bei Hausärzten zügiger vermittelt werden. Der Hausärzteverband lehnt in diesem Zusammenhang die Erhöhung der Mindestsprechstunden für Kassenpatienten von 20 auf 25 Stunden ab. Warum das, wenn Sie sich doch gleichzeitig als erste Anlaufstelle im Gesundheitswesen für Patienten sehen?

Wir Hausärzte arbeiten als Primärversorger sowieso schon im Durchschnitt rund 53 Stunden in der Woche, und viele Mitglieder haben uns bei den Diskussionen um das TSVG berichtet, dass sie schon seit Jahren ganzjährig zusätzliche Sprechstunden und Zeitpuffer für die Behandlung von akut erkrankten Patientinnen und Patienten einplanen. Unser Grundsatz heißt: Wer Hilfe benötigt, der wird von den Hausärzten auch im Notfall in der Regel ohne Termin behandelt. Um noch mehr Zeit den Patienten widmen zu können, sollte uns die Politik stattdessen von bürokratischen Aufgaben entlasten.
Die Terminvermittlung über die Terminservicestellen ist nach unserer Einschätzung eine Katastrophe. Zum einen wird dadurch die unkoordinierte Inanspruchnahme von spezialisierten Fachärzten gefördert. In einem Gesundheitswesen mit immer mehr Spezialisierung, Komplexität und Kommerzialisierung benötigen Patienten jedoch feste Bezugspunkte, die ihnen bei Diagnostik und Therapie Orientierung geben. Wir prognostizieren, dass bei Vermittlungen, in denen der Hausarzt nicht eingebunden ist, absurde Konstellationen entstehen werden. So wird es zum Beispiel passieren, dass Patienten mit Knieproblemen zu Schulterspezialisten geschickt werden, da Call-Center-Mitarbeiter nicht wissen, welcher orthopädische Facharzt für welches Spezialgebiet am besten geeignet ist.

Gesundheitsminister Jens Spahn fordert die Impfpflicht. Was halten Sie davon?

Ganz ehrlich: Unter unseren Mitgliedern gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Ich persönlich lehne eine Impfpflicht ab. Als Hausarzt liegt es mir am Herzen, Eltern aufzuklären und ihnen mit auf den Weg zu geben, dass Vorbeugen besser ist und sich und die Kinder impfen zu lassen.

Von Antje Schäfer