Dienstag , 17. September 2019
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Lena Pudritz, Mitgründerin und Designerin des Fair-Fashion-Labels Kluntje, zeigt den Schülerinnen, wie man ein Haargummi einfach selbst nähen kann Foto: Wabnitz

Glücksgefühl des Kaufs hält nicht lange an

Lüneburg. „Schönheit und Grausamkeit liegen oft dicht beieinander.“ Mit diesen Worten erinnert Paula Reuber an den Fabrikeinsturz in Bangladesch, der 2013 die W elt erschütterte. Zum sechsten Jahrestag des Unglücks organisierte die 22-jährige Studentin eine Konferenz zum Thema Mode und bewussten Kleiderkonsum in Lüneburg. Bei einer Diskussion und Workshops machten Experten des Vereins 23 Grad auf Missstände in der Modeindustrie aufmerksam. Der Verein zählt 400 ehemalige Studenten der Leuphana, die sich mit Forschung und Lehre im Bereich der Nachhaltigkeitswissenschaft und Umweltwissenschaften auseinandersetzen.

„Wir müssen aufhören, die Umwelt für Mode zu zerstören“, beginnt Blogger und Filmemacher Norian Schneider. Diese große Aufgabe lasse sich nur gemeinsam bewältigen, jeder kleine Schritt helfe bereits. „Man muss auch nicht sofort alles richtig machen“, stimmt ihm Laura Drzymalla zu, die als Händlerbetreuerin bei Deutschlands größtem Marktplatz für Eco-Fashion arbeitet. Sie wendet sich ans Publikum: „Fangt klein an. Um das eigene Konsumverhalten zu regulieren, gibt es einen ganz einfachen Trick. Stellt Euch folgende Frage: Brauche ich das wirklich?“ Auch sei es hilfreich, Kaufentscheidungen nicht spontan zu treffen, sondern „eine Nacht drüber zu schlafen“.

Vertrauenswürdige Siegel

„Das kurze Glück des Impulskaufs hält nicht lange an“, pflichtet ihr Designerin Lena Pudritz bei. Im Schnitt werde ein Kleidungsstück nur vier Mal getragen, das sei deutlich zu wenig. „Ich entscheide mich nur noch für Stücke, die lange halten und die ich auch reparieren würde, wenn sie mir kaputt gingen.“

Um den Konsumenten beim bewussten Einkaufen zu unterstützen, gebe es Gütesiegel. „Solche Siegel sind praktisch, wenn man sich auf sie verlassen kann“, findet Business Developerin Thekla Wilkening. Als Beispiel für ein vertrauenswürdiges Siegel nennt sie „Fair Trade“.

Bei „Made in Bangladesh“ lieber zwei Mal überlegen

„Leider nutzen Firmen die Unsicherheit der Kunden auch aus“, gibt Norian Schneider zu bedenken. „Theoretisch kann sich jede große Firma ein Gütesiegel entwerfen lassen, ohne dass da viel hinter stecken muss.“ Wichtig sei deshalb, dass man sich darüber im Vorfeld informiere. „Alternativ kann man auch bei jedem Kleidungsstück schauen, wo es hergestellt wurde“, rät Laura Drzymalla. „Wenn auf dem Schildchen zum Beispiel ,Made in Bangladesch‘ steht, sollte man sich zwei Mal überlegen, ob man das kaufen möchte.“

Die Konzerne müssten ebenfalls Einsatz zeigen: „Wir brauchen eine viel höhere Transparenz über die Herstellung unserer Konsumgüter“, sagt Ariane Piper, Länderkoordinatorin für Fashion Revolution Deutschland. „Dafür sind firmeninterne Änderungen notwendig, die in den Chefbüros erst langsam ankommen.“

Spaß an der Mode haben

Auch solle man neuen Kampagnen gegenüber misstrauisch sein, sagt Laura Drzymalla. „H&M wirbt jetzt damit, dass sie eine neue Reihe recycelter Kleidung auf den Markt bringen wollen, allerdings sind davon nur wenige Prozent wiederverwertet.“

Der einzige nachhaltige Ausweg sei, sich bewusst für faire Kleidung zu entscheiden. „Wichtig ist es, dass diese Diskussion weiter in den Mittelpunkt gerückt wird. Jede Unterhaltung über ein Umdenken beim Einkaufen bringt uns nach vorne“, betont Ariana Piper. „Aber bitte vergesst dabei nicht, auch Spaß an der Mode zu haben“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Denn Kleidung sei im Endeffekt eine Art des Selbstausdrucks, den wolle man nicht kaputtreden.

Von Josephine Wabnitz