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Veränderungen sind keine Frage von Geschlecht und Alter, sondern von Mut und Willen, Dinge anders zu machen, sagt Claudia Kalisch im LZ-Interview Foto: privat

„Veränderungen sind keine Frage von Geschlecht und Alter“

Amelinghausen. Was ist los in Amelinghausen? Diese Frage stellte sich in den vergangenen Monaten nicht nur so manch politisch Interessierter in der Heidegemeinde. Von schlechter Stimmung im Rathaus ist hinter vorgehaltener Hand die Rede, leitende Mitarbeiter seien auf der Suche nach neuen Jobs. Die Schuld dafür wird Bürgermeisterin Claudia Kalisch (Grüne) gegeben, die ihr Haus nicht im Griff haben soll. Doch die Bürgermeisterin wehrt sich gegen diese anonym geäußerten Angriffe. „Die Mitarbeiter im Rathaus stehen hinter mir!“, betont sie. Zweieinhalb Jahre ist die Rathauschefin jetzt im Amt. Im LZ-,,Halbzeit“-Interview nimmt sie Stellung, spricht über unterschiedliche Führungsstile, die Haushaltsproblematik der Samtgemeinde, aber auch über die Zusammenarbeit mit dem Rat .

Drei führende Mitarbeiter des Rathauses haben, beziehungsweise werden das Rathaus in nächster Zeit verlassen. Was ist los in Amelinghausen?
Claudia Kalisch: Wir stecken in einem großen Veränderungsprozess. Der macht sich natürlich auch im Rathaus bei den Mitarbeitern bemerkbar….

Mit Ihrem Vorgänger im Amt, Herrn Völker, führte fast 30 Jahre lang ein Mann das Rathaus. Jetzt sitzt mit Ihnen eine Frau als Bürgermeisterin auf dem Chefsessel der Verwaltung. Müssen sich die Rathausmitarbeiter da erst noch an einen neuen Führungsstil gewöhnen?
Kalisch: Veränderungen sind keine Frage von Geschlecht und Alter, sondern von Mut und Willen, Dinge anders zu machen. Aber sicherlich – es ist gibt Veränderung: Ich bin eine Frau, deutlich jünger, bringe einen anderen Hintergrund, einen anderen Kommunikations- und Führungsstil mit und natürlich auch andere Erwartungen an die Mitarbeiter. Im Übrigen ist es nicht ungewöhnlich – auch in Verwaltungen – wenn mit der Führung auch die Führungsmannschaft wechselt. Das ist bei uns gerade der Fall. Ich bedaure das sehr, da geht langjähriges Wissen und Erfahrung verloren, aber jetzt müssen wir noch vorne blicken. Ich sehe darin auch eine Chance, uns neu auszurichten.

Wie stellt sich denn die aktuelle Zusammenarbeit mit den Ratsgremien aus Ihrer Sicht dar?
Kalisch: Ich war drei Monate krankheitsbedingt nicht im Haus. Das war nicht gut! Das weiß ich auch. Wenn man als Führungskraft nicht da ist, wird viel über und wenig mit einem gesprochen. Aber jetzt bin ich wieder an Bord. Was ich sagen will ist: Es geht jetzt wieder mit voller Kraft voraus. Außerdem habe ich eine starke Mannschaft, die sich sehr engangiert und viel aufgefangen hat, wofür ich ihr wirklich dankbar bin. Wir haben große Entscheidungen vor uns. Die wollen wir gemeinsam angehen und dafür weiß ich die große Ratsmehrheit hinter mir.

Vor zweieinhalb Jahren traten Sie mit einer ambitionierten Agenda das Amt an. Was konnten Sie bislang umsetzen?
Kalisch: Nun, da hat sich einiges anders entwickelt, als ursprünglich geplant. Dem Großteil des Rates und mir waren damals die Haushaltssituation nicht in dieser Dramatik bekannt. Da blieb plötzlich nur noch wenig Spielraum, die eigenen Themen umzusetzen. Trotzdem haben wir einiges geschafft: Da zum Beispiel die Mitgliedsgemeinden die Kindergarten-Trägerschaft an die Samtgemeinde übertragen haben, können wir mit den Kitas nun flexibler agieren. Und dieser Schritt zeigt das neu gewonnene Vertrauensverhältnis zwischen den Gemeinden und der Samtgemeinde. Wir reden auf Augenhöhe miteinander. Das war in der Vergangenheit wohl nicht immer der Fall. Und auch im Tourismus geht es voran. Es ist gelungen, uns attraktiv aufzustellen, mit neuen Medien, mit einem engagierten, ambitionierten Team. Das wurde sogar extern geprüft und besiegelt.
Wir haben die Ganztagsschule in Amelinghausen eingeführt, ein nicht ganz einfacher Prozess, aber mit einem Ergebnis, das wir nun nach vorne bringen werden.

Es gibt Stimmen, die meinen, dass Sie keine Konzepte oder Visionen für das Amt entwickeln, die Ratsarbeit sei ergebnislos. Was sagen Sie dazu?
Kalisch: Aufgabe der Verwaltung ist, die politischen Beschlüsse des Rates umzusetzen. Zugleich fehlen die finanziellen Mittel für gestaltende Beschlüsse. Wir legen jetzt den Fokus darauf, den Haushalt aufzuräumen, um als erstes die alles entscheidende Frage zu beantworten: Können wir selbstgesteuert aus der Finanzkrise herauskommen oder werden wir möglicherweise eine Gemeinde mit Bedarfszuweisung? Diese Frage ist zu klären, bevor wir überhaupt wissen, welche Sachthemen da noch wie umzusetzen sind. Dabei dürfen wir aber auch nicht Gefahr laufen, uns kaputtzusparen. Zum Beispiel muss die Feuerwehr in der Lage sein, mit der vorgeschriebenen adäquaten Ausrüstung ihre Einsätze abzuarbeiten. Um attraktiv zu bleiben und nicht in eine Negativ-Abwärts-Spirale zu kommen, ist es zum Beispiel wichtig, auch künftig freiwillige Einrichtungen wie das Waldbad oder die Tourist-Info aufrechtzuerhalten.

Wer trägt denn aus Ihrer Sicht die Verantwortung für die desolate Haushaltslage? Der vorherige Rat? Die alte Verwaltungsspitze? Die Verwaltung? Sie?
Kalisch: Wir haben ein Haushaltsvolumen von rund 10 Millionen Euro und dabei rund 20 Millionen Euro Kreditschulden. Zudem ist absehbar, dass wir in den kommenden Jahren den Haushalt nicht ausgleichen und vermutlich weitere Defizite und Schulden anhäufen werden. So eine prekäre Haushaltssituation fällt nicht einfach vom Himmel. Diese Defizite sind über Jahre gewachsen, die Entscheidungen dazu in der Vergangenheit getroffen worden. Doch Schuldzuweisungen helfen uns nicht, das Problem zu lösen! Ich möchte vielmehr gemeinsam und mit ganzer Energie nach vorne schauen.

Sie waren gesundheitlich längere Zeit außer Gefecht gesetzt. Offensichtlich gibt es ein paar Kritiker, die genau diese Situation nutzen wollten, um Ihre Position in der Verwaltung und in der Politik zu schwächen?
Kalisch: Hinterher ist man oft schlauer. Rückblickend würde ich heute vielleicht auch ein paar Dinge anders machen. Und in einem solchen Amt kann ich es nicht allen Recht machen. Dass es Störfeuer gibt, spüre ich durchaus. Das ist aber auch Teil eines gravierenden Veränderungsprozesses. Den haben wir nach 30 Jahren. Im Haus wechseln Teile der Führungsmannschaft, in der Politik werden Spielräume enger. Veränderungen aber verlangen, sich von alten Gewohnheiten zu trennen. Und wir wissen alle, wie schwer es ist, alte Gewohnheiten aufzugeben. Je länger diese bestehen, umso schwieriger. Das kann zu Verunsicherung und Widerstand führen und ist Teil des Prozesses. Gerade in der aktuellen Situation sind wir alle gefordert, unsere Energie darauf zu verwenden, gemeinsam nach vorne zu sehen.

Schönes Stichwort. Blicken wir also nach vorne: Welche Projekte stehen in den nächsten Jahren ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste?
Kalisch: Die größte Aufgabe sehe ich zurzeit darin, das kompetente Rathaus-Team zu stärken und nun rasch eine neue Führungsmannschaft zu gewinnen. Eine offene Gesprächskultur im Haus ist mir wichtig. Es wurde unter anderem eine Organisationsuntersuchung durchgeführt. Die Umsetzung der Ergebnisse steht oben auf meiner Agenda. Das ist die Basis, um überhaupt dazu zu kommen, die großen Themen anzugehen, Visionen und Konzepte zu entwickeln. Aber auch hier lautet letztlich die Kernfrage: Wie viel Geld steht zur Verfügung, welche Spielräume sind noch vorhanden, um zu gestalten.

Spüren Sie denn eine Aufbruchstimmung? Und wenn ja, was nehmen Sie davon wahr?
Kalisch: Ja, diese Stimmung ist für mich deutlich spürbar. So erhalte ich sehr viel Zuspruch von Bürgern, aus der Politik und der Belegschaft, was mich freut und zusätzlich motiviert, mich den Herausforderungen zu stellen.

Würden Sie für das Bürgermeisteramt in Amelinghausen noch einmal kandidieren?
Kalisch: Auf alle Fälle. Das Amt bereitet mir unglaublich viel Freude. Es fordert und motiviert mich. Amelinghausen ist meine Samtgemeinde – mit allem, was dazu gehört!
Im Übrigen: Ich liebe Herausforderungen und die besonderen Herausforderungen eben besonders.

Von Klaus Reschke