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Die Ärztliche Direktorin der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, Dr. Angela Schürmann, geht in Rente. (Foto: t&w)

Eine Zeit massiver Veränderungen

Lüneburg. Fusionen, Modernisierung, Strukturförderung – Dr. Angela Schürmann blickt auf neun ereignisreiche Jahre als Chefärztin der Psychiatrischen Klinik Lüneburg zurück. Ende Mai geht die 65-Jährige, die in den letzten drei Jahren auch Ärztliche Direktorin war, in Rente. Nun habe sie mehr Zeit für ihre Familie, zudem will sie eine ehrenamtliche Aufgabe im Kirchenvorstand von St. Nicolai übernehmen.

Keine geschlossenen Stationen mehr

Seit dem Studium habe es ihr Freude bereitet, Menschen und deren Familien durch schwere Zeiten zu begleiten. „Ein großer Teil meiner Arbeit liegt darin, das Gegenüber zu verstehen und zu erfassen, warum es ihm schlecht geht. Das ist nicht immer einfach, weil es auch Patienten gibt, die mir das nicht sagen können.“ Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zum Patienten sei Grundlage für eine erfolgreiche Behandlung. „Darüber hinaus muss man sich immer bewusst sein, dass nicht alles geheilt werden kann. Der Ansatz, dass man jedem kranken Menschen ein Heilmittel oder eine Operation anbieten kann, die ihn vollständig kuriert, ist nicht richtig. Da müssen wir bescheiden und demütig bleiben und uns dessen bewusst sein, was wir ausrichten können und dürfen.“

Nach dem Medizinstudium trat sie 1980 ihre erste Stelle als Assistenzärztin in der Klinik für Psychiatrie der Universität Lübeck an. Nach Lüneburg kam sie 2010. „Der frühere Chef der Klinik ist ein Studienkollege von mir, dadurch kam der Kontakt zustande“, erzählt Schürmann.

Keine dauerhaft geschlossenen Stationen mehr

Zu ihren Kernaufgaben gehörte die Stärkung der Zusammenarbeit untereinander. Mit der Fusion der bis dahin zwei Kliniken für Erwachsenenpsychiatrie zur Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie habe man 2017 einen großen Schritt zur Realisierung dieses Ziels getan. Ebenso wichtig sei die enge Vernetzung mit den übrigen Versorgungseinrichtungen der Region. „Wir stehen immer in Kontakt zu ambulanten Hilfen, Beratungsstellen und Heimen, dem sogenannten sozialpsychiatrischen Verbund.“

Seit einigen Monaten gebe es außerdem in der Erwachsenenpsychiatrie keine dauerhaft geschlossenen Stationen mehr. Diese Veränderung sei eine große Herausforderung gewesen, immerhin gebe es Menschen, die zum Selbstschutz oder zum Schutz anderer festgehalten werden müssten. Die Klinik folgt damit dem Beispiel vieler anderer Psychiatrien, weiß aber auch, dass die Umsetzung eine große Herausforderung für die Stationsteams ist. „Wir haben viele Mitarbeitergespräche geführt, um die Vorbehalte einiger Kollegen abzubauen“, versichert Angela Schürmann.

Eine Station ohne Betten

Vor dem Hintergrund der Modernisierung hätten sich neben Hürden auch Möglichkeiten geboten: 2014 sei ein Modellprojekt mit der AOK zur bedarfsorientierten Behandlung ins Rollen gekommen. Das in Niedersachsen einzigartige Konzept ermögliche es schwer kranken Menschen, die eigentlich in die Klinik aufgenommen werden müssten, zu Hause behandelt zu werden. „Seit einem Jahr haben wir ein multiprofessionelles Team, das sich ausschließlich um Patienten kümmert, die nicht aus ihrem privaten Umfeld gerissen werden sollten. Eine Station ohne Betten, wenn man so will.“

Zur Philosophie der Chefärztin gehört auch, stets die optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten: „Bei gewinn-orientierten Kliniken geht die Tendenz zu immer größeren Dimensionen, Erweiterung der Platzzahl – die Nachfrage ist hoch. Wir distanzieren uns davon, haben beschlossen, unsere stationären Kapazitäten nicht zu erhöhen, weil es für die Menschen hier nicht sinnvoll ist.“

Planungen für Teilneubau

Aber es gebe Renovierungsbedarf: „Das Hauptgelände ist von 1901, und selbst der neuere Bau stammt aus den Siebzigern. Demnach haben wir keine zeitgemäß angemessenen räumlichen Bedingungen für die stationäre Versorgung.“ Inzwischen stehe fest, dass es einen Teilneubau geben werde, die Planung dafür sei bereits im Gange.

„In meinem fast vierzigjährigen Berufsleben als Psychiaterin habe ich viele herausfordernde Erfahrungen gemacht und konnte die Versorgungsbedingungen für psychisch erkrankte Menschen ein wenig mitgestalten. Einen anderen Beruf habe ich mir nie gewünscht.“

Für die Zukunft wünsche sie sich, dass der Neubau der Psychiatrie möglichst bald realisiert werde, die begonnenen Veränderungen erfolgreich weitergeführt würden und dass ihr Nachfolger einen guten Start finde.

Von Josephine Wabnitz