Aktuell
Home | Lokales | Die Trecker haben ausgedient
Lukas Heidelberg (32, vorne) und Fionn Ziegler (32) arbeiten im Gewächshaus. Der im Hintergrund zu sehende Einachsschlepper wird bald das größte Gerät auf den WirGarten-Flächen sein. (Foto: t&w)

Die Trecker haben ausgedient

Lüneburg. Ihre Mitglieder mit lokalem Gemüse aus der nahen Umgebung zu versorgen ist das oberste Ziel der Gemüse-Genossenschaft „WirGarten“. Nun haben sich die jungen Betreiber noch eine weitere Aufgabe gestellt: Biointensive Landwirtschaft soll das Gemüse liefern. „Wir wollen mit lebendigem Boden arbeiten, nur dann können wir die Qualität unserer Ernte auch auf Dauer gewährleisten“, sagt Lukas Heidelberg, der für die Kommunikation der Genossenschaft verantwortlich ist.

„Biointensive Landwirtschaft, auch Market Gardening genannt, bedeutet, dass die Gartenarbeit hauptsächlich mit der Hand erledigt wird“, erklärt der 32-Jährige. Die schweren landwirtschaftlichen Maschinen, die sie im Jahr 2017 durch die Genossenschaftsanteile kaufen konnten, seien schädlich für den Boden, da sie die Verdichtung fördern. Deshalb will die Genossenschaft in diesem Jahr erstmals fast vollständig auf den Einsatz der Maschinen verzichten. „Nur der Kartoffelanbau und die Ernte auf einer Fläche von einem Hektar sind zu aufwendig, um sie allein mit der Hand zu erledigen“, sagt Heidelberg.

Erntepakete in den Größen S, M, L oder XL

Ansonsten sei der Verzicht aber kein Problem, im Gegenteil: „Dadurch, dass wir keine breite Treckerspur mehr brauchen, können wir das Gemüse mehrreihig pflanzen“, sagt Heidelberg. Die 80 Zentimeter breiten, permanenten Beete werden in diesem Jahr zunächst vierreihig bepflanzt, „wenn wir sehen, dass das gut funktioniert, können wir nächstes Jahr noch eine Reihe mehr pflanzen“. Außerdem könne auch nach schweren Regenfällen problemlos gearbeitet werden. Das sei mit Treckern nicht immer möglich.

„Durch die biointensive Landwirtschaft können wir auf weniger Platz mehr Gemüse anbauen“ – Lukas Heidelberg , „WirGarten“

Wichtig ist der Genossenschaft, dass sie sich nicht verantwortungslos in ein neues Konzept stürzt, sondern stets die Belange der 425 Mitglieder im Hinterkopf hat. „Wir sammeln in diesem Jahr Erfahrungen, erst wenn das funktioniert, werden wir uns von unseren Treckern verabschieden“, verdeutlicht Heidelberg. Schließlich müssen sie gewährleisten, dass alle Ernteverträge eingehalten werden können. Zur Erklärung: Jedes Mitglied hat die Wahl zwischen einem Erntepaket in der Größe S, M, L oder XL. „Wir kalkulieren mit 250 M-Anteilen“, erklärt Heidelberg. Aufgeteilt auf die vier verschiedenen Größen, könne so die gesamte Ernte verkauft werden.

Lastenrad bringt die Kisten zu Abholstationen

Einmal in der Woche werden die Kisten mit dem Lastenrad an fünf Abholstationen in Lüneburg verteilt. Dort stehen auch Tausch- und Geschenkkisten bereit, falls ein Mitglied eine Gemüsesorte nicht mit nach Hause nehmen möchte. Meistens sind alle verfügbaren Ernteverträge vergeben. Mitglied werden kann man aber jederzeit und dann einsteigen, wenn jemand kündigt. „Durch die biointensive Landwirtschaft können wir auf weniger Platz mehr Gemüse anbauen“, sagt Heidelberg und fügt hinzu: „Wenn der Bedarf weiter steigen sollte, können wir also auch mehr anbieten.“

Das Market Gardening Konzept stammt ursprünglich aus Paris, hatte sich dann aber vor allem in den USA und Kanada weiterentwickelt und durchgesetzt. „In Niedersachsen gibt es zwei Betriebe, die biointensive Landwirtschaft betreiben“, sagt Heidelberg. Sie hätten die Inspiration für das Konzept jedoch von einem Hof in Baden-Württemberg, bei dem sie auch einen Kursus zum Thema absolviert haben.

Während „WirGarten“ noch gut 200 000 Euro zum Aufbau des Unternehmens benötigte, kann ein Betrieb mit Market Gardening deutlich günstiger entstehen, da keine Kosten für teure Maschinen anfallen. Deshalb hofft Heidelberg, dass sich in der Lüneburger Umgebung ein paar Nachahmer finden werden.

Von Lilly von Consbruch