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Wahlkampf auf engstem Raum: Kurz vor den Wahlen präsentieren sich die Parteien dicht an dicht in der Bäckerstraße. Foto: t&w

Es zieht nur langsam an

Lüneburg. „Besser Böther“ steht auf dem Flyer des CDU-Landratskandidaten. „Der gefällt mir, den wähle ich“, bekennt die rüstige Seniorin. Über eine solche Aussage strahlen die Wahlkämpfer am CDU-Stand wie die Sonne über ihnen. „Und den Ulrich Mädge auch“, schiebt die Dame hinterher. Der stehe aber nicht zur Wahl und könne auch 2021 aus Altersgründen nicht mehr antreten, wird sie aufgeklärt. „Wie schade, der ist immer so nett“, ist die Gesprächspartnerin etwas enttäuscht. Das sieht man bei den Christdemokraten eigentlich etwas anders und wechselt lieber das Thema: „Gehen Sie auf jeden Fall auch zur Europawahl“, lautet die freundliche Bitte. Europa – da wirkt die Frau etwas ratlos: „Wenn es doch nur endlich wieder Zinsen für unser Erspartes geben würde“, ist ihr Wunsch an die „große Politik“.

Es sind Szenen wie diese, die am Sonnabend die Bäckerstraße prägen. Jedenfalls an den Ständen der Parteien auf der „Wahlkampfmeile“. Eine Woche vor der Wahl sind erstmals alle da. Das CDU-Team steht noch ganz unter dem Eindruck des Besuchs von ihrer Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer am Abend zuvor. „Neuen Schwung“ hat Eckhard Pols ausgemacht. Die Flüchtlingspolitik spiele keine große Rolle mehr, die Menschen interessierten sich vielmehr für die aktuelle Kreispolitik, freut sich der Bundestagsabgeordnete.

Verwechselungsgefahr bei der Gewürzmischung

Die größte Herausforderung am CDU-Stand ist wohl, die Gewürzmischung zu erklären, die es als Dreingabe gibt. „Nicht rauchen und auch nicht als Tee benutzen“, gibt Pols mit auf den Weg. Da haben es die Sozialdemokraten wenige Meter weiter etwas einfacher. Die Grillzange, die sie unters Volks bringen, steht für sich. „Es gab sicherlich schon heißere Wahlkämpfe“, fasst Ex-Bundestagsabgeordnete Hiltrud Lotze die Stimmung zusammen. Die Menschen sind freundlich, aber nicht jeder nimmt die angebotenen Flyer auch.

„Es läuft ganz gut“, findet Lotta Löwe von den Grünen. Sie steht mit einem Hoodie in der Parteifarbe am Stand. „Die Jüngeren interessieren sich mehr für Europa, die Älteren für die Landratswahl.“ Über „gute Diskussionen“ freut sie sich und wer mag, bekommt auch ein veganes Weingummi. Die Linken bieten Pfefferminz auf. Auch hier werde gerne diskutiert, berichtet Lisa Apking erfreut. Sie stellt zudem fest, dass die „feindliche Atmosphäre von früher“ mittlerweile Geschichte ist.

Etwas zu ruhig ist dieser Wahlkampf für den Liberalen Edzard Schmidt-Jorzig. Am FDP-Stand gibt es keinen Schnickschnack, sieht man mal von den Bananen ab, die zumindest farblich zu der Partei passen. Der FDP-Kreisvorsitzende registriert eine „verhaltene Stimmung“ und findet diese für die Zukunft Europas durchaus „gefährlich“: „Dann können Extremisten wichtige Vorhaben blockieren.“

Spontane Europa-Aktion mit Flaggen, Liedern und Plakaten

Die politischen Extreme begegnen sich aus Sicherheitsgründen auch in diesem Jahr am Sand. Hier hat die AfD in gleißender Sonne ihren Stand aufgebaut. Flankiert von Aktivisten der Antifa. AfD-Kreischef Stephan Bothe verhehlt seinen Unmut über „diese Ungleichbehandlung“ nicht, da hier deutlich weniger Publikum entlang flaniert, betont aber: „Es werden mehr, die zu uns kommen.“ Die Antifa bilanziert hingegen, das Publikum weitgehend abgehalten zu haben.

Die größte Aufmerksamkeit ziehen an diesem Vormittag aber mehr als 30 Lüneburgerinnen und Lüneburger „im besten Alter“ auf sich, die sich in Europa-Flaggen eingehüllt und mit selbst erstellten Plakaten internationale Friedens- und Freiheitslieder singend durch die Innenstadt schlängeln. Angelika Becher und Maria Wesselmann hatten dazu spontan in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis mobilisiert. „Wir wollen für Europa kämpfen“, erklärt Michael Perschmann am Rande der Aktion. Er hatte zwei Pappschilder beschriftet: „Mehr Demokratie für Europa“ und „Europa den Bürgern, nicht den Banken“, lauten seine Slogans.

Von Marc Rath