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Hier läuft‘s gleich doppelt falsch: Der Autofahrer in der Schießgrabenstraße parkt auf dem Radweg, zwei Radler fahren zudem auf der falschen Seite. Foto: t&w

Vorbild als Überlebensstrategie

Lüneburg. Da standen sie sich gegenüber, Radfahrer, Autofahrer, Fußgänger und Busfahrer, diejenigen also, die auf Lüneburgs Straßen immer häufiger aneinandergeraten, mitunter auch mal körperlich. Doch wer gehofft hatte, am Dienstagabend im Glockenhaus ähnlich turbulente Szenen zu erleben, kam nicht auf seine Kosten – es ging zivilisiert zu. Schlagende Argumente hatten die Vertreter ihrer Gattung bei der ersten Veranstaltung von „Lüneburg spricht!“ dennoch zu bieten. Und auch manch persönliches Eingeständnis.

„Ich habe gemerkt, dass ich militanter wurde“, gestand Miriam Ihnen vor den rund 50 Teilnehmern ein, die gekommen waren. Mehr als 3000 Kilometer ist sie mit ihrem Lastenfahrrad pro Jahr unterwegs, pendelt nahezu täglich zwischen Vögelsen und der Uni Lüneburg. Allmählich aber sei ihr klar geworden: Es bringe nichts, jedes Mal laut „hey!“ zu rufen, um andere Verkehrsteilnehmer auf deren Fehlverhalten hinzuweisen. Sie hat die Überzeugung gewonnen: „Es muss sich in den Köpfen und Herzen etwas ändern.“

Miriam Ihnen war eine von acht geladenen Gästen, die an dem Abend ihre Sicht der Dinge darlegten. Eingeladen zur Veranstaltung hatten der Evangelische Kirchenkreis und die LZ, das Thema lautete „Wer hat Vorfahrt?“. Gleich zu Beginn machte Superintendentin Christine Schmid deutlich, warum die Organisatoren sich dieses Konfliktthema vorgenommen hatte: „Wenn sich der Raum verdichtet in Lüneburg, müssen wir das Gespräch intensivieren.“

Mehr Unfälle durch zunehmende Aggressivität

Das wollte auch Lukas Domaschke nicht infrage stellen, doch nicht immer seien die Ergebnisse messbar, sagte der Abteilungsleiter vom Hamburger Landesbetrieb Verkehr. Seine Behörde hat gemeinsam mit anderen die Kampagne „Hamburg gibt Acht!“ ins Leben gerufen, mit der Hamburger aufgerufen wurden, Vorschläge für ein besseres Miteinander auf den Straßen der Elbmetropole zu machen. „Hauptgrund für die 69.000 Unfälle in Hamburg ist fehlende Rücksichtnahme mit zunehmender Aggressivität“, sagte Domaschke. Seine Kampagne war Mit-Ideengeber für das neue Veranstaltungsformat „Lüneburg spricht!“, wie Pastorin Dr. Barbara Hanusa erläuterte, die als Moderatorin durch den Abend führte.

Für die Autofahrer war Karl-Peter Plaschka angetreten. „Es gibt von allen zu viele“, ist er überzeugt. Die Stadt brauche ein besseres Verkehrskonzept, denn Konflikte zeigten sich meist dort, wo sich die Wege der verschiedenen Verkehrsteilnehmer kreuzten.

Auch wenn Busfahren in Lüneburg nicht einfach sei, „in Hamburg ist es schlimmer“, befand Carsten Becker, der seit 30 Jahren als Busfahrer auf allen Strecken in Stadt und Kreis unterwegs ist. Ob er jungen Menschen empfehlen könne, selbst Busfahrer zu werden, wollte die Moderatorin wissen. Becker: „Nein, die fahren ja eh bald autonom.“

Appell für mehr gegenseitige Rücksichtnahme

Für mehr Rücksicht plädierte Renate Rudolph. Die Seniorin ist bekennende Fußgängerin und machte deutlich, dass rücksichtsloses Verhalten von Radfahrern gerade Ältere unter Stress setze. Sie nahm aber auch ihre eigene „Klientel“ in den Blick: „Jüngere Fußgänger dürfen Entgegenkommenden auch mal Platz machen.“

Er habe für sich als Radfahrer eine eigene „Überlebensstrategie“ entwickelt, erklärte Dr. Karl-Heinz Rehbein, viele Jahre Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stadt. Sein Konzept: langsam fahren, auf Senioren und Autofahrer achten.
Dass sich selbst Verkehrsdezernent Markus Moßmann im Straßenverkehr schon mal „nicht ganz fair“ verhalten hat, konnten die Teilnehmer ebenfalls erfahren. Er hatte aber auch einen Vorschlag für mehr Entspannung auf Lüneburgs parat: „Sei Vorbild!“

Eine überzeugende Antwort auf die Frage des Abends hatte Verkehrserzieher Martin Schwanitz mitgebracht: „Einfach an die Straßenverkehrsordnung halten.“ Heiko Meyer bat als Anlieger und Gastronom um mehr Rücksicht für die Fußgänger, „denn sie sind die Schwächsten“.

„Mehr Zeit nehmen“

Bei „Inselgesprächen“ kamen die Gäste schließlich mit den Diskutanten zusammen. Schnell bildeten sich an den acht Einzeltischen intensive Gespräche, auffallend häufig wurde dabei die Spannungsbeziehung Autofahrer/Radfahrer deutlich.

LZ-Chefredakteur Marc Rath ließ die geladenen Gäste in einer Podiumsdiskussion noch einmal Bilanz ziehen. Das Ergebnis reichte von „mehr Zeit nehmen“ bis zu einem neuen Mobilitätskonzept, aber auch, „sich immer auch in die Rolle des Anderen hineinzuversetzen“, wie Renate Rudolph empfahl.

Einen solchen „Perspektivwechsel“ erfahren zu haben, war auch für Teilnehmerin Rosemarie Schmitz ein „spannendes Ergebnis“ des Abends.

Von Ulf Stüwe