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Diesen jungen Waschbären hat eine Spaziergängerin nahe Bienenbüttel gefunden. Im Tierheim Uelzen wird er aufgepäppelt. Foto: ape

„Waschbären hoch stapeln“

Bienenbüttel. Hätte Hund Ajax nicht Alarm geschlagen, vielleicht hätte bis heute niemand etwas von dem „waschechten“ Drama mitbekommen, das sich Ende letzter Woche am Bienenbütteler Mühlenteich abgespielt haben muss. „Wir gingen unsere Mittagsrunde, da fing er plötzlich an zu bellen“, berichtet Frauchen Inka Kriegel. Der Grund: ein Waschbärenjunges, das scheinbar einsam und verlassen am Ufer wimmerte.

Erst später stellte sich heraus, dass sich noch drei weitere Welpen im Gras versteckten. Ein Fünfter soll tot im Wasser gesichtet worden sein, berichtet Kriegel, und von der Mutter sei bis zum Abend keine Spur gewesen. In ihrer Not hätten Nachbarn bei der Wildtierhilfe Lüneburger Heide in Soltau angerufen, so Kriegel, doch dort habe man ihnen erklärt, die Einrichtung verfüge über keinerlei Kapazitäten mehr für weitere Waschbären.

In der Wildnis werden sie nie wieder leben

Und so landeten die Welpen bei der Uelzener Tierheim-Mitarbeiterin Hanna Verch, wo sie nun mit fachlicher Unterstützung aus Soltau wieder aufgepäppelt werden. Wo die Reise dann hingeht, ist noch unklar. Fest steht nur: In der Wildnis werden sie nie wieder leben.

Eigentlich hätte Kriegel zunächst den zuständigen Jagdpächter informieren müssen. Das hat das Tierheim inzwischen nachgeholt, doch die Situation bleibt verzwickt. Denn der Waschbär gelangte erst nach 1920 aus Nordamerika für die Pelztierzucht nach Deutschland und zählt hierzulande heute zu den sogenannten invasiven Tierarten, die mit ihrer Ausbreitung Lebensräume andere Tiere oder Ökosysteme beeinträchtigen und daher der biologischen Vielfalt schaden könnten. Der Allesfresser sucht nämlich nicht nur in Mülltonnen nach Nahrung, sondern hat zum Beispiel auch mal Appetit auf bedrohte Vögel.

Abgabe an Privatleute nur unter strengsten Auflagen

Wieder auswildern darf man die vier Welpen aus Bienenbüttel darum nicht – und die Wildtierauffangstation in Soltau platzt inzwischen tatsächlich aus allen Nähten. 15 Waschbären leben dort nach Angaben von Leiterin Diana Erdmann, und die könnten in menschlicher Obhut mitunter bis zu 20 Jahre alt werden. An Privatleute vermitteln dürfe die Einrichtung die Tiere nur unter strengsten Auflagen. „Das heißt im Klartext: Waschbären hoch stapeln.“

Das war nicht immer so: „Vor 20 Jahren hatten wir das erste Mal einen Waschbären – da war das noch eine Sensation“, erinnert sich Erdmann, die Tiere hätten sich in Deutschland inzwischen rasant vermehrt. Das beobachtet auch Kreisjägermeister Hans-Christoph Cohrs für die Lüneburger Region: „Die Population nimmt zu“, sagt er. Und das sei alles andere als unproblematisch. Nicht nur, weil der Waschbär Schäden an Häusern verursache oder Müllsäcke plündere – er gilt auch als ein zusätzlicher Fressfeind für Bodenbrüter, erklärt Cohrs. Daher versuche man der Situation durch intensive Bejagung Herr zu werden (siehe Info-Box).

„Denen wird ganz schnell langweilig“

Unterdessen haben sich die vier Waschbärwelpen aus Bienenbüttel inzwischen gut an ihre menschliche Ersatzmutter gewöhnt. Alle drei Stunden muss Hanna Verch den kleinen Rackern ihre Aufzuchtmilch füttern – sonst werden sie quengelig. Dabei vollführen sie bereits waghalsige Kletterübungen auf ihren Schultern – und gedenken nicht, freiwillig ihre spitzen Krallen wieder aus ihrem Pullover zu lösen.

Noch geben sie sich mit einer Katzentransportbox zufrieden, aber schon bald werden die Ansprüche steigen, weiß Diana Erdmann, denn Waschbären sind intelligente Wesen. „Denen wird ganz schnell langweilig. Sie brauchen Klettermöglichkeiten und Spielzeug im Gehege, sonst werden sie sehr, sehr unleidlich.“ Zwar habe sie durchaus schon zahme Vertreter der Spezies kennengelernt, trotzdem blieben sie Wildtiere – und seien als solche eben nicht vergleichbar mit einem Hund.

Von Anna Petersen

Hintergrund

Deutlicher Anstieg

Aus dem aktuellen Landesjagdbericht geht hervor, dass im Jagdjahr 2017/2018 rund 15 800 Waschbären (inklusive Fallwild) in Niedersachsen zur Strecke kamen – das bedeutet einen Anstieg von 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den Landkreisen Göttingen und Northeim wurden die meisten Waschbären erlegt (2858 und 1932), dicht gefolgt vom Nachbarkreis Lüchow-Dannenberg mit mehr als 1600 Tieren. Zum Vergleich: Auf dem Gebiet des Landkreises Lüneburg kamen zuletzt 427 Waschbären zur Strecke.