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Rebecca von Brockhusen leitet den Dienst und hat selbst eine schwere Krankheit durchleben müssen. (Foto: t&w)

Damit niemand alleine sterben muss

Lüneburg. Der Tod gehört zu Rebecca von Brockhusens Leben. Sie ist die Vorsitzende des ambulanten Hospizdienstes Lüneburg und begleitet selbst Menschen beim Sterben. Bekannte glauben oft nicht, dass sie das macht. Der quirligen, lebensbejahenden Frau trauen sie das nicht zu. „Wer das glaubt, kennt mich nicht gut“, sagt Rebecca von Brockhusen. Sie hat eine Krankheit mit zwei schweren Phasen durchlebt. So schwer, dass sie befürchtete, sterben zu müssen. Daher weiß sie genau, was die Menschen durchmachen, denen sie zur Seite steht. „Ich mag diese Arbeit“, sagt sie über die Sterbebegleitung. Dass die Menschen ihr und allen anderen, die sich im ambulanten Hospizdienst engagieren, Dankbarkeit entgegenbringen und sich über die Hilfe freuen: das sei der schönste Dank.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Rebecca von Brockhu-sen die Vereinsvorsitzende. „Ich trete in große Fußstapfen“, sagt sie. Der Verein gründete sich 1994 aus dem Kreis der „grünen Damen“ unter dem Namen Freundeskreis ambulanter Hospizdienst. Irene von Oertzen war damals die erste Vorsitzende. „Sie hat die Kiste zum Fliegen gebracht“, sagt die aktuelle Vorsitzende. Nach ihr leitete Manon von Flotow viele Jahre den Verein. Rebecca von Brockhusen kann ihre Vorgängerin heute jederzeit noch ansprechen bei Fragen und Problemen, erzählt sie. Der Verein, der sich vor Kurzem in ambulanter Hospizdienst Lüneburg umbenannt hat, feiert nun am heutigen Freitag sein 25-jähriges Bestehen.

Landesweit der größte Hospizdienst

Rebecca von Brockhusen zufolge sind aktuell über 500 Menschen Mitglied im Verein. Der ambulante Hospizdienst Lüneburg sei damit der größte ambulante Hospizdienst Niedersachsens. 83 Frauen und Männer begleiten in ihrer Freizeit Schwerstkranke. Die Vorsitzende sagt: „Einige der Ehrenamtlichen sind seit 20 Jahren dabei.“ Rebecca von Brockhusen lobt sie alle in den höchsten Tönen, auch das Vorstandsteam, das sie unterstützt. „Ich bin stolz, einen solchen Verein zu leiten“, sagt sie.

Zwei hauptamtliche Koordinatorinnen organisieren die Einsätze der Ehrenamtlichen. Da eine Koordinatorin kürzlich den Verein verlassen hat, ist der ambulante Hospizdienst derzeit auf der Suche nach Ersatz. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Für diejenigen, die der Verein begleitet, sind die Einsätze kostenlos. „Viele wissen das nicht“, sagt Rebecca von Brockhusen. Die Ehrenamtlichen kommen zu den Patienten nach Hause, begleiten sie auf der vereinseigenen Palliativstation oder besuchen sie im Seniorenheim.

„Aber das Lachen bringt ein kleines bisschen Leichtigkeit in schweren Momenten.“ – Rebecca von Brockhusen, Vereinsvorsitzende

Das Angebot des Vereins umfasst neben der Begleitung Schwerstkranker und ihrer Angehörigen unter anderem auch Hilfe für Trauernde. Dazu gehören Gesprächskreise, aber zum Beispiel auch ein Kochkurs für trauernde Männer. Der Letzte-Hilfe-Kurs soll Angehörigen Sicherheit geben. Der Verein organisiert öffentliche Vortragsreihen und die Aus- und Fortbildung der Ehrenamtlichen. Ein neuer sogenannter Befähigungskurs, der Ehrenamtliche auf die Begleitung vorbereitet, startet in Kürze. Informationen dazu gibt es beim Verein unter Tel. (04131) 731500.

Unter den 83 Ehrenamtlichen, die sich im Moment engagieren, sind der Vorsitzenden zufolge Menschen aus ganz verschiedenen Berufsgruppen und jeden Alters. Wer eine Begleitung übernimmt, verbringe ein bis zwei Stunden pro Woche mit einem Schwerstkranken. Daher sei das Engagement für Berufstätige möglich. Die Begleitung eines Patienten richtet sich immer nach seinen Bedürfnissen, erläutert Rebecca von Brockhusen. Manchmal kann ein Patient nicht mehr sprechen. „Dann ist Kommunikation auf andere Art möglich, etwa über Berührungen“, sagt die Vereinsvorsitzende. Manchmal möchte ein Schwerstkranker vielleicht nicht sprechen. Dann reicht es, da zu sein. Die, die reden können und möchten, wollen nicht immer und ausschließlich über den Tod sprechen, sondern oft lieber Abstand davon gewinnen, manchmal nur ein ganz alltägliches Gespräch führen, vorgelesen bekommen oder Karten spielen. „Alles ist möglich bei einer Begleitung“, sagt von Brockhusen. Nur pflegerische und medizinische Dienste übernehmen die Ehrenamtlichen nicht.

Rettungsanker für die Angehörigen

Die Vorsitzende erinnert sich an eine junge Mutter, deren letzter Wunsch es war, dass ihre Tochter, die damals in der 4. Klasse war, es auf das Gymnasium schafft. „Das hätte sie ohnehin geschafft“, sagt Rebecca von Brockhusen. Aber der ambulante Hospizdienst organisierte, dass ein Lehrer, der sich im Verein engagiert, mit dem Mädchen Schularbeiten machte. Für die Mutter war das eine große Beruhigung. Die Vorsitzende spricht gar von einem „Rettungsanker“. Bei einer Begleitung darf auch gelacht werden. „Das hat nichts damit zu tun, dass wir unsere Arbeit nicht ernst nehmen“, sagt Rebecca von Brockhusen. „Aber das Lachen bringt ein kleines bisschen Leichtigkeit in schweren Momenten.“

Von Katharina Scholz