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Mit einem Spaziergang startet die „Mittwochsgruppe“ des Demenzstützpunktes Scharnebeck in den Nachmittag. Foto: t&w

Gemeinsam alt werden

Scharnebeck. Das Lachen hört man schon von fern – das Singen und die Plaudereien. Wenn die Frauen und Männer der „Mittwochsgruppe“ durch Scharnebecks Straßen ziehen, wirken sie fast wie eine Jugendgang von einst. Gut, sie sind keine Teenager mehr, haben Moped und Fahrrad gegen den Rollator, Rockmusik gegen Volkslieder und Bier gegen Kaffee getauscht – und trotzdem liegt dieses Knistern in der Luft; etwas Rebellisches, ein Wir-Gefühl.

Jeden Mittwoch um 15 Uhr treffen sich die Senioren, um gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern wie Margarete Wick oder Ilse Hansen spazieren zu gehen, zu singen, Gesellschaftsspiele zu spielen oder zu basteln. Organisiert wird der Mitmachnachmittag vom Demenzstützpunkt in Scharnebeck.

Hartmut Sannemann ist fast jedes Mal dabei – seit vier Jahren. „Die Gemeinschaft ist mittlerweile gut gewachsen“, sagt der 70-Jährige, der sich trotzdem noch mehr Gäste wünscht, vor allem Männer. „Ich weiß nicht, was die Männer daran stört. Ich bin der Meinung, dass der Begriff „Demenzgruppe“ vielleicht abstößt“, sagt Sannemann. „Demenzgruppe“ – diesen Begriff hört keiner der Senioren gerne, und passen will er auch nicht. Denn seit Kurzem richten sich die Angebote des Scharnebecker Demenzstützpunktes nicht mehr nur an alzheimerkranke Patienten, sondern an alle Männer und Frauen der Region, die pflegebedürftig sind.

„Lebensraum Diakonie“ hat die Trägerschaft übernommen.

Und noch etwas ist neu: statt der Kirchengemeinde hat seit 2019 der „Lebensraum Diakonie“ die Trägerschaft für das Angebot übernommen. „Die Diakonie ist ja die gelebte Nächstenliebe. Als die Kirchengemeinde an uns heran trat und sagte, es wird ihnen alles zu viel all das im Ehrenamt zu betreuen, man braucht jemanden, der das auch kaufmännisch und professionell begleitet, fanden wir das eine super Idee. Es ist genau das, wofür wir einstehen“, sagt Holger Henning, Leiter der Kirchenkreissozialarbeit in der Region Lüneburg.

Nächstenliebe – die leisten die ehrenamtlichen Helfer in Form des Mitmachtages oder auch in häuslicher Betreuung. Eine von ihnen ist Ilse Hansen. Die 82-Jährige ist seit sechs Jahren beim Scharnebecker Demenzstützpunkt engagiert. „Ich will auf keinen Fall zu Hause sitzen, das hier macht mir viel Spaß“, sagt sie. Früher habe sie eine Firma gehabt und voll im Büro gearbeitet. Ein Leben ohne das bisschen Trubel kommt für Hansen nicht in Frage. „Es tut mir einfach gut“, sagt sie.

Kleine Auszeit mit Spaziergängen

Wie ihr geht es insgesamt etwa 30 ehrenamtlichen Helfern. Regelmäßig bieten sie Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen eine kleine Auszeit mit Spaziergängen, Gespräche oder Lesestunden. „Das deckt eine Nische ab, für Menschen, die zwar noch zu Hause leben, aber Unterstützung gebrauchen können“, sagt Holger Henning.

Die Pflegekasse unterstützt Betreuungsangebote wie dieses mit etwa 125 Euro pro Monat. Das sind bereits etwa drei Stunden Betreuung pro Woche, legt man die Aufwandsentschädigung zu Grunde, die die Helfer erhalten. „Die Angehörigen wissen von dieser finanziellen Leistung der Pflegekassen kaum etwas – viele, viele Gelder werden nicht abgerufen und verfallen“, sagt Margret Gellersen, die die Betreuungsangebote in Scharnebeck koordiniert.

Sie wünscht sich ein entsprechendes Angebot auch für andere Regionen und Kirchengemeinden. „Unser Bestreben ist zu wachsen und wir würden das unterstützen, überall wo Menschen sind, die helfen wollen“, sagt sie.

„Es gefällt mir, weil es so abwechslungsreich ist“

Die „Mittwochsgruppe“, wie sich die Senioren vom Mitmachnachmittag kurzerhand genannt haben, hat den Spaziergang beendet. Kaffee und Kuchen stehen schon bereit, die Stimmbänder sind gelockert und gleich gibt es Akkordeonmusik auf die Ohren. „Es gefällt mir, weil es so abwechslungsreich ist. Wir singen, basteln und quatschen“, sagt Melitta Breitenhagen. Die 77-Jährige liebt das Miteinander in der Mittwochsgruppe. Noch einen Schluck Kaffee, dann wird gemeinsam gesungen. Und irgendwann, zwei oder drei Stunden später werden sie zusammensitzen und Hartmut Sannemann wird alle mit einer kleinen Weisheit verabschieden. Rund 100 Sprüche hängen an seiner Pinnwand sagt der Senior, ein bisschen stolz.

Das sollte reichen für viele weitere Nachmittage mit der „Mittwochsgruppe“ – die wirkt wie eine Jugendgang von einst, auch ohne Krawall und Remmidemmi aber mit etwas, das vermutlich mehr Bestand hat – etwas, wie Freundschaft.

Von Anke Dankers