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Schur im Minutentakt: Dany Harper hat sich bereits das nächste Schaf vorgenommen und befreit es von der langen Wolle. Foto: be

Akkordarbeit im Schafstall

Schneverdingen/Tütsberg. Keinen Tag zu früh kommen die Heidschnucken der Stiftung des Vereins Naturschutzpark Lüneburger Heide (VNP) unters (Frisier-)Messer: 32 Grad zeigt das Thermometer in Lüneburg und Umgebung an. Temperaturen, bei denen sich Schafe alles andere als wohl in ihrem Winterpelz fühlen. „Anfang Juni ist der traditionelle Termin für die jährliche Schur, weil es dann schnell sehr warm werden kann, so wie heute“, erklärt Dr. Barbara Guckes, die Leiterin der Heidschnuckenhaltung des VNP. „Schert man die Schafe nicht, siedeln sich Parasiten in der Wolle an, ihnen brennt der Pelz und die Wolle verfilzt. Die Tiere nehmen dann nicht mehr zu, weil ihre ganze Energie in die Wolle geht. So würde ihnen dann auch die Kraft fehlen, sich um ihre Jungen zu kümmern.“ Die Wolle wird in diesem Jahr an eine Firma in der Nähe verkauft, die Düngepellets daraus herstellt.

Dass die Schur nur ihrem Besten dient, wollen die Schnucken aber zunächst nicht glauben, sie blicken nervös drein. „Das ist für sie Stress pur“, bestätigt Schäfer Uwe Storm, der in seinen 37 Jahren als Schäfer bei der Prozedur schon oft dabei gewesen ist. „Die Tiere sind ja nur an mich gewöhnt, jetzt kommen heute wildfremde Leute, die an ihnen rumzerren, und ihr ganzer Tagesablauf gerät durcheinander.“ Auch für ihn bedeute der Schurtag immer Anspannung, so Storm.

Kuscheln bringt Heidschnucken ins Schwitzen

„Die Tiere werden vor dem Scheren in ein enges Gatter gepfercht. Da muss ich akribisch die Lämmer raussortieren, denn die könnten sonst zwischen den größeren Tieren leicht ersticken.“ Das Kuscheln, etwa eine Stunde bevor es losgeht, soll die Heidschnucken ins Schwitzen bringen. Durch den Schweiß entsteht Lanolin, Wollfett mit einer ölähnlichen Konsistenz. „Dann geht das Scheren leichter, das kann man sich vorstellen wie eine Nassrasur“, weiß Storm.

Beim Scheren selbst ist er aber nur Statist: „Das sind meist Neuseeländer und Australier, weil sie am schnellsten sind. Letztes Jahr hat einer ein Schaf in 30 Sekunden geschoren.“ Die Durchschnittsrasur dauert zwei bis drei Minuten. Erstmals dabei ist der Neuseeländer Andrew King. Auf der Südhalbkugel ist gerade Winterzeit, tote Hose für Schafscherer. Den Flug hat er selbst bezahlt, von Mai bis August ist er in Europa im Einsatz. Bezahlt wird er pro Schaf, die Menge macht die Knochenarbeit lohnenswert. Allein in Tütsberg gilt es, mehr als 2000 Tiere zu scheren.

Viele Scherer kommen aus Neuseeland und Australien

Viel gesehen von der Gegend hat King bislang noch nicht, drei freie Tage hatte er im letzten Monat. „Und an denen war ich ganz schön kaputt.“ Dass die Arbeit körperlich sehr anstrengend ist, sieht man an den muskulösen Armen der männlichen und weiblichen Akkordarbeiter aus Übersee. Es gehört viel Kraft dazu, die Schnucken, die nicht eben Leichtgewichte sind, während des Scherens zu bändigen, ohne Pausen. Ein Tier nach dem anderen hüpft, von zehn oder sogar zwanzig Kilo Wolle befreit, beschwingt zurück zu seinen Artgenossen in den Stall.

Nach der Schur sind die Tiere besonders sensibel, bei zuviel Sonne besteht die Gefahr von Verbrennungen, ist es kalt oder regnerisch, drohen Lungenentzündungen. Ausnahmsweise wird sich diesmal nicht Uwe Storm darum kümmern, dass die Tütsberger Heidschnuckenherde in den nächsten Tagen im Schatten gehütet wird und sich dabei nicht verkühlt, denn mit dem Abschluss der Schur wird er seinen verdienten Urlaub einläuten– Zuhause. „Warum in die Ferne schweifen“, sagt Storm und zeigt auf das Häuschen gegenüber, in das er vor 26 Jahren mit Familie einzog. „Ich habe meine Sitzecke, von der aus ich auf die Schafe blicke, was will ich mehr?“

Von Lea Schulze