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Siegfried Berneis pflegt den Friedhof und sorgt für Sauberkeit zwischen den Rhododendron-Büschen. Foto: t&w

Eine Frage der Würde

Lüneburg. Lange hat es gedauert, aber bald ist es soweit: Im Herbst soll der Umbau des KZ-Friedhofs im Tiergarten starten. Die Planungen begannen bereits 2013, wurden aber bis dato nicht umgesetzt. Der seit Anfang dieses Jahres neu angestellte Friedhofsleiter Hans Hockemeyer legt nun vor, wie die Gedenksstätte ein neues, würdiges Aussehen bekommen soll.

Früher war der Weg mal drei Meter breit

Heute erkennt man den Friedhof im Tiergarten nicht auf den ersten Blick: Rhododendron-Büsche wachsen auf den Gräbern, Begrenzungssteine zur Kennzeichnung der Gräber fehlen, Beschilderungen mit den Namen der Verstorbenen gibt es nicht. „Für mich sieht das aus wie ein Rhododendronpark“, sagt Hans-Jürgen Brennecke, der sich mit der Aufarbeitung der Lüneburger Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Er kritisiert außerdem, dass Angehörige nicht direkt an die Gräber ihrer Verwandten treten können, weil Grabbeschriftungen fehlen. Mit seiner Kritik ist er nicht allein. Siegfried Berneis aus der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) ärgert sich über den schmalen Weg durch den Friedhof: „Zum Volkstrauertag im November kommen hier fünfzig bis sechzig Menschen her, aber sie können auf dem engen Weg nicht anständig nebeneinander gehen – früher war der Weg mal drei Meter breit.“

Hockemeyer ist sich der Probleme bewusst, sie sollen bald ein Ende haben. Im September wird er die Umgestaltung des Friedhofs in die Tat umsetzen. Den Beschluss fassten bereits im Januar 2018 der Kultur- und Partnerschaftsausschuss des Stadtrates und der Ausschuss für Umwelt, Verbraucherschutz, Grünflächen und Forsten. Der Plan sieht so aus: Gräberreihen mit Wegen sollen entstehen; für jede Reihe soll es Betonstelen geben, die – falls vorhanden – mit Namen beschriftet werden oder Häftlingsnummern. Außerdem sollen die Rhododendronbüsche auf fünfzig Zentimeter zurückgeschnitten werden; ausgegraben werden sie nicht, damit die Totenruhe gewahrt bleibe.

Bald mehr Platz zwischen den Gräbern

Außerdem will die Stadt eine größere freie Fläche schaffen: Der Mittelweg werde wieder seine ursprüngliche Breite von drei Metern erhalten, und der Platz zwischen Gräbern und Stelen soll vergrößert werden. Finanziert werde der Umbau vollständig vom Innenministerium des Landes, Hockemeyer rechnet mit einer Förderung von etwa 100.000 Euro. Acht bis zwölf Wochen soll der Umbau dauern – optimal wäre es nach Ansicht Hockemeyers, wenn alles zum Volkstrauertag am 17. November fertig ist.

Auf dem Friedhof ruhen 167 KZ-Häftlinge, vor allem politische Gefangene, darunter viele Widerstandskämpfer aus Frankreich und Belgien. Ein Teil von ihnen starb am 7. April 1945 bei einem Bombenangriff der US-Luftwaffe am Lüneburger Güterbahnhof, weitere wurden von SS-Männern ermordet. Auf Willen der britischen Besatzung hin wurden sie im damals neu angelegten Friedhof im Tiergarten in Einzelgräbern beerdigt. Insgesamt wurden dort 256 Menschen begraben, etwa 100 von ihnen wurden später exhumiert und in ihre Heimatländer zurückgebracht.

Mit der neuen Gestaltung des Friedhofs will Hockemeyer wieder eine würdige Anlage schaffen, um den Opfern des Nationalsozialismus gedenken zu können.

Von Franziska Ruf