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Dr. Rolf-Harald Krause lebt in Vögelsen: Aus dem Blick in die Ferne wurde ein Blick ins Baugebiet. (Foto: t&w)

…und dann kam das Nachbarhaus

Vögelsen. Bedächtig läutet die Standuhr im Wohnzimmer von Dr. Rolf-Harald Krause zur vollen Stunde. Von hier aus schaut man geradewegs auf den kleinen Garten und das angrenzende Feld. Von der neuen Wohnsiedlung, nur wenige Meter weiter, ist nichts zu sehen, vom Rattern und Jaulen der Maschinen nur wenig zu hören.

Vor fünf Jahren haben die Krauses ihre Doppelhaushälfte in Vögelsen bezogen. Sie haben sich verkleinern, weniger Gartenarbeit haben wollen, sagt der 75-Jährige. Da kam das Wohnprojekt „Generation 50 plus“ gerade recht. Wohnen ohne Barrieren, mit einer pflegeleichten Einrichtung und dem Blick ins Grüne – so lässt es sich alt werden. Doch das mit dem Blick ins Grüne dürfte sich schon bald ändern. Denn Vögelsen wächst und zwar um die Krauses herum. Und so wird aus dem Ortsrand bald ein Ortskern und aus dem Feld von gegenüber eine Wohnbausiedlung.

Stadtplaner horchen auf, Umweltaktivisten stöhnen auf

Nachverdichtung heißt das Zauberwort, dass Stadtplaner aufhorchen und Umweltaktivisten nicht selten aufstöhnen lässt. Damit wird die Erweiterung oder der Lückenschluss in bereits bebautem Gebiet beschrieben: auf Baulücken, großen Grundstücken, bereits bestehenden Gebäuden oder Abrissflächen. Zwar spricht man in Vögelsen nicht von Nachverdichtung im klassischen Sinne, doch der Effekt für die Anwohner ist ähnlich: aus dem Blick in die Ferne wird ein Blick ins Baugebiet. Die Krauses sehen es gelassen: „Wir wussten, dass hier gebaut werden würde. Allerdings hieß es, hier würde zehn Jahre lang nichts passieren“, sagt Rolf-Harald Krause und ärgert sich höchstens über diese Falschinformation.

In Lüneburg spielt das Thema Nachverdichtung immer wieder eine Rolle. Die Vorteile liegen auf der Hand: Eine bessere ökonomische Nutzung von Grundstücken und Ausnutzung bestehender Infrastruktur, kürzere Wege und damit weniger Verkehr sowie die Vermeidung der Inanspruchnahme bisher unbebauter Flächen, nennt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck als Vorteile. Demgegenüber stünden jedoch auch Nachteile und Hindernisse, wie etwa der zusätzliche Bedarf an Flächen für Stellplätze und Zuwegungen, zu schützende Bäume und Artenschutzrichtlinien, eine höhere Belastung der Infrastruktur und gegebenenfalls Veränderungen im Kleinklima.

Vor allem das Thema Stadtklima sorgt für Diskussionsstoff, aber auch Unverständnis und Enttäuschung wie bei Franziska Hapke vom BUND Regionalverband Elbe-Heide, Annegret Kühne und Gisela Kindler von der Bürgerinitiative Grüngürtel West.

In grellen Bunttönen liegt der Stadtplan Lüneburgs auf dem Tisch des BUND-Büros in Lüneburg. Kleine blaue Pfeile zeigen die Frischluftströme in der Stadt, gelbe, rote und violette Flächen zeigen Hitzestauungen. Der Plan ist Teil eines 2018 erstellten Entwurfs zur Stadtklimaanalyse. Untersucht wurde dabei, wie es um die klimatische Entwicklung in Lüneburg bestellt ist.

Denn mit zunehmender Bebauung besteht in Städten und Gemeinden die Gefahr einer Überhitzung. So können sich an heißen Sommertagen Asphalt, Backsteine und Co. derart aufheizen, dass die Stadt und ihre Bewohner ohne genügend Frischluftzufuhr eine Art Hitzekoller erleiden können. Das kann nicht nur schädlich für das Wohlbefinden der Menschen, sondern auch für ihre Gesundheit sein.

Potenziale in Form von freien Lücken sind gering

Wenn Franziska Hapke mit den Fingern erklärend über den bunten Stadtplan fährt, wird schnell klar: Innerorts gibt es kaum noch Flächen, die sich zur Nachverdichtung eignen. Hier ein Park, dort eine unerlässliche Kaltluftschneise, dort Kleingärten – „wenn man das bebauen würde, kämen entscheidende Beeinträchtigungen zustande“, sagt sie.

Auch Suzanne Moenck bestätigt, die Potentiale in Form von freien Lücken und Bauflächen in der Stadt seien sehr gering. Weit mehr Potential gebe es auf bereits bebauten, aber gering genutzten Flächen, wie etwa in Ebensberg. „Durch den gegenwärtigen Nachfragedruck suchen und finden Bauwillige Grundstücke mit Erweiterungspotentialen im Bestand. Hier ist gegenwärtig der Marktmechanismus effektiv“, erklärt sie. Und auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge bestätigte zuletzt in einem LZ-Interview: „Wenn wir Naturschutz, Erholungsflächen, Nachverdichtung, Klima, Verkehr ernst nehmen, gibt es diese natürlichen Grenzen im Wachstum der Stadt“. 80 000 Einwohner ist die Zahl, die im Raum steht, dann soll Schluss sein mit dem Wachstum in Lüneburg.

„Wir können nicht einfach wie Trump die Augen schließen. Wir brauchen frische Winde, die uns belüften, sonst ersticken wir.“ – Franziska Hapke, BUND

Aber auch ohne Großbauprojekte fehlt es Lüneburg früher oder später an frischer Luft, sagt Franziska Hapke. „In der Analyse ist der Klimawandel noch gar nicht berücksichtigt. Wir können nicht einfach wie Trump die Augen schließen. Wir brauchen frische Winde, die uns belüften, sonst ersticken wir.“

Doch die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum in und um Lüneburg ist groß, das Angebot viel zu gering. Ein selbstgemachtes Problem, findet Gisela Kindler : „Je mehr Wohnangebot vorhanden ist, desto mehr Leute ziehen auch zu. Der Zuzugszwang steigt, das ist ein Kreislauf.“

Und so fordern Hapke, Kindler und Kühne, dass die Stadt Leerstände besser nutzt, Anreize für kleinfächigeres Wohnen schafft und etwa Genossenschaften fördert, die Infrastruktur außerhalb des Zentrums verbessert und vor allem die Versiegelung weiterer Flächen aussetzt, bis ein Stadtentwicklungsplan beziehungsweise ein Nachhaltigkeitskonzept erstellt wurde.

Das Umland für Bauherren und Wohnungssuchende interessanter zu machen, dazu gibt es bereits Pläne und Gespräche, sagt Ulrich Mädge im Interview. Auch auf Nachverdichtung, im Sinne eines kleinflächigeren Wohnens, beispielsweise durch den Bau von Mehrfamilienhäusern anstelle von Einfamilienhäusern werde bereits Wert gelegt.

„Insgesamt ist die Lage in Lüneburg nicht kritisch“

Die Wohnungsnot jedoch komplett zu ignorieren, solange es keinen konkreten Stadtentwicklungsplan gibt, das kommt für die Verantwortlichen nicht infrage. „Es ist denjenigen, die eine Wohnung oder ein Haus in Lüneburg suchen, nicht zuzumuten, erst ein Planungsmoratorium von 3, 4, 5 oder noch mehreren Jahren abzuwarten“, sagt Suzanne Moenck.

Nichtsdestotrotz seien Klima und Nachhaltigkeit immer ein bedeutender Bestandteil der planerischen Abwägung. Bei größeren Bauvorhaben finde zudem eine klimatische Überprüfung statt. „Insgesamt ist nach Aussage des Klimagutachters die Situation in Lüneburg nicht kritisch, so dass grundsätzlich Nachverdichtungen erwägenswert und im Einzelfall zu überprüfen sind,“ so Moenck.

Und so rollen die Bagger zumindest erstmal weiter, wie auch in Vögelsen. Denn eines darf man auch nicht vergessen, findet Rolf-Harald Krause: „Wer meint, dass das völlig unmöglich sei, hat vielleicht vergessen, dass er selbst auch mal gebaut hat.“

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Von Anke Dankers