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In seiner syrischen Heimat Aleppo arbeitete Archäologe Omar Sarhan im Nationalmuseum. Nun macht er in Deutschland eine Ausbildung zum Grabungstechniker. (Foto: Behns)

Archäologe aus Aleppo gräbt in Bardowick

Bardowick. Münzen, Knochen, Eisenschlacke und Holzkohle gräbt Omar Sarhan aus dem Bardowicker Boden. „Und viel Keramik. Die ist aber ganz anders als die Scherben, die ich früher in Aleppo gefunden habe. Die hatten eine bessere Qualität aufgrund einer anderen Brenntechnik und sie waren außerdem verziert und hübsch bemalt“, erzählt der 36-jährige in einer Baugrube im Altdorf des Domfleckens an der St.-Johannisstraße. Die kleinen Bruchstücke aus Ton im Untergrund, die er in Bardowick zutage bringt, sind dagegen schlicht und spröde.

Archäologe floh vor dem Krieg

Omar Sarhan ist Archäologe. Vor drei Jahren flüchtete er vor dem Krieg in Syrien aus seiner Heimatstadt Aleppo, wo er als Archäologe im Nationalmuseum arbeitete, das zahlreiche Funde beherbergt, von denen mehr als 24 000 Objekte 2015 zur Sicherheit nach Damaskus gebracht wurden.

In Sicherheit sind jetzt auch Omar Sarhan und seine Familie. Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern hat er ein neues Zuhause in Verden fernab des Bürgerkrieges in seiner Heimat gefunden. Und nicht nur das: Der studierte Archäologe steckt zwar noch mittendrin in seinem Deutschkurs, hat aber schon einen Job gefunden.

Arbeit als Grabungstechniker

Beim niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege macht er eine Fortbildung zum Grabungstechniker. Sein syrisches Archäologie-Studium wurde als Grundlage dafür anerkannt. „Ziel ist es, dass er nach drei Jahren Weiterbildung alleine Grabungen durchführen und diese auch leiten kann“, berichtet der Lüneburger Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow, mit dem Omar Sarhan die Baugrube im Bardowicker Altdorf genauer unter die Lupe genommen hat. „Er wird am Ende der Fortbildung eine in der Archäologie dringend gesuchte Fachkraft sein. Mit guten Jobaussichten, denn wir suchen händeringend Grabungstechniker“, sagt Pahlow.

„In Aleppo hat er ganze Steinmauern von Tempeln freigelegt, hier freuen wir uns über Verfärbungen im Boden.“
Dr. Mario Pahlow, Lüneburger Bezirksarchäologe

Seit vier Monaten gräbt der Syrer sich durch die Geschichte verschiedener Orte in Niedersachsen. Vorgesehen ist, dass er unter anderem noch bei Höhlengrabungen im Harz und bei Moorgrabungen im Emsland mitwirkt. Angefangen hatte er bei der Kreisarchäologie in Verden. Als Freiwilliger sondierte er vier Monate lang den Untergrund im Landkreis Verden und suchte historische Überbleibsel. „Die Idee ist, dass er die große Bandbreite an Grabungen in Niedersachsen kennenlernt“, so der Bezirksarchäologe.

Und jetzt Bardowick. Die für Archäologen und Historiker spannende Geschichte des Domfleckens ist Omar Sarhan vertraut. „Ich habe viel darüber gelesen und die Kollegen haben mir auch einiges darüber erzählt. Ich weiß, dass es für Archäologen einer der spannendsten Orte in der Region ist“, sagt er.

Auch wenn die Methodik bei der Grabung gleich ist, lernt der Syrer seinen Beruf nun ganz neu. „Weil es eine andere Welt und eine andere Kultur ist, die ich erforsche. Und weil der Boden, in dem ich grabe, völlig anders ist als der felsige, steinige und sandige in Aleppo“, erzählt Omar Sarhan. Dort hatte er an zahlreichen Grabungen teilgenommen und etwa Paläste, Häuser und unzählige Münzen entdeckt und zugänglich gemacht.

Einst Paläste, nun Scherben

Aleppo war einst ein wichtiger Handelsort der Römer, während der römischen Kaiserzeit eine reiche Gegend. Im Boden der einstigen römischen Kolonie Syrien finden sich daher unzählige Schätze. Den Unterschied zu den Grabungen in Bardowick macht Pahlow deutlich: „Kollege Omar Sarhan macht bei uns nun gänzlich andere Funde als in seiner Heimat. In Aleppo hatte er ganze Steinmauern von Tempeln freigelegt, hier freuen wir uns über Bodenverfärbungen.“ Doch am Ende ist es egal, wo er gräbt, meinen der Syrer und der Bezirksarchäologe. Denn das Ziel ist immer gleich, ob in Aleppo oder Bardowick: „Wir Archäologen wollen Licht in die Geschichte der Menschheit bringen“, sind sich die beiden einig.

Von Stefan Bohlmann