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Die Geburt des eigenen Kindes ist einer der schönsten Momente im Leben. Für Kliniken ist es aber nicht so einfach, die medizinische Betreuung sicherzustellen, denn die ist teuer. Foto: Grand

Damit der Kreißsaal nicht verschlossen bleibt

Lüneburg. Der Kreißsaal voll, das Personal überlastet, kurz vor der Geburt des Nachwuchses an der Tür abgewiesen: So kann es schwangeren Frauen auf dem Land ergehen, aber auch in Großstädten wie Berlin. Die prekäre Situation der klinischen Geburtshilfe in Deutschland ist eines der Themen bei der 133. Tagung der Norddeutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (NGGG) in Lüneburg. 250 Ärzte, Hebammen und Studenten informierten sich jetzt über neue medizinische Entwicklungen der Gynäkologie und Geburtshilfe.

Was kann man gegen eine Verschlechterung des Angebots der Geburtshilfe tun und warum ist die Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV) so wichtig? Besonders was die Finanzierung der Spontangeburten angeht, schlägt Prof. Dr. Peter Dall, Chefarzt der Frauenklinik des Klinikums Lüneburg und Vorsitzender der NGGG, Alarm. Er vergleicht die Vergütung der normal verlaufenden Entbindung mit einer Blinddarm-Operation: Während ersteres acht bis zehn Stunden dauere und letzteres eine knappe halbe Stunde, zahle die deutsche Krankenhausfinanzierung für das eine 1800 Euro und das andere 2800 Euro,„obwohl für die Blinddarm-Operation weniger Personal gebraucht wird“.

Geburtshilfe ist für Kliniken kostspielig

Für die Geburtshilfe müsse rund um die Uhr Personal zur Verfügung stehen: Hebammen, Geburtshelfer, Ärzte – für den Fall, dass es Komplikationen gibt. Das kostet viel Geld, hinzu kommen hohe Versicherungsprämien. Kliniken mit weniger als 600 Geburten pro Jahr können sich die Abteilung kaum noch leisten; 30 Prozent der Kreißsäle wurden in den vergangenen 15 Jahren geschlossen.

Den Beschluss von Gesundheitsminister Spahn, den Hebammenberuf zu akademisieren, halten die Mitglieder der NGGG grundsätzlich für richtig. Prof. Dr. Achim Rody, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, berichtet von einem „hervorragenden Anlauf“ des ersten Studiengangs für Hebammen in Lübeck, warnt aber auch vor falschen Hoffnungen: „Dadurch wird der Hebammenmangel nicht kleiner. Wir müssen den Beruf an sich attraktiver machen.“

Gute Ergebnisse

Die Lage in Lüneburg sei noch nicht so drastisch wie anderswo, erklärt Dall: „Wir betreiben einen hohen Aufwand und haben gute Ergebnisse.“ Im Lüneburger Klinikum kamen vergangenes Jahr 1734 Kinder zur Welt, es gebe hier weniger Probleme als bei kleinen Kliniken. Tag und Nacht stünden zwei bis drei Hebammen bereit, dazu drei Frauenärzte, drei Kinderärzte sowie Schwestern der Wochenbett- und Kinderstation und der Intensivstation.

Ziel der NGGG ist eine flächendeckend gute Versorgung und eine gerechtere Bezahlung aller beteiligten Berufsgruppen. Darum fordert sie eine Zukunftssicherung und eine Verbesserung der Vergütung: Für eine Spontangeburt solle zum Beispiel genauso viel gezahlt werden wie für einen Kaiserschnitt.

HPV-Impfung gilt als sichere Impfung

Das zweite große Thema der Tagung ist die HPV-Impfung. HPV sind Krankheitserreger, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden. In Deutschland erkranken jährlich etwa 6250 Frauen und 1600 Männer an Krebs durch HPV, bei Frauen zum Großteil an Gebärmutterhalskrebs. Gegen die Krankheit können sich sowohl Mädchen zwischen 9 und 18 Jahren als auch Jungen zwischen 9 und 17 Jahren impfen lassen, die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Beginnt der Impfserie im Alter von 9 bis 14 Jahren, genügen dem Robert-Koch-Institut zufolge zwei Impfungen, ab 15 Jahren sind drei Impfstoffdosen notwendig.

„Die HPV-Impfung gilt als sichere Impfung, weltweit gibt es darüber keine Diskussion“, sagt Prof. Dr. Peter Hillemanns, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mit einem Impfstoff kann man sich gegen neun der HPV-Typen impfen lassen. Bislang muss man zweimal zum Arzt gehen, dann schütze der Impfstoff zu hundert Prozent. Bei einer Impfquote von 80 Prozent sei laut Hillemann der „Herdenschutz“ erreicht und die Krankheit könne eliminiert werden. Allerdings ist Deutschland davon noch entfernt: Nicht mehr als 45 Prozent der 17-jährigen Mädchen sei bisher geimpft.

Der einzige Weg, das Ziel zu erreichen, sei laut NGGG eine Schulimpfung. Außerdem fordert sie, dass die Europäische Zulassungsbehörde eine einmalige Impfung anerkenne, da einer Analyse zufolge eine zweite Impfung nicht nötig sei. Damit könne ein Mangel an dem Impfstoff vermieden, die Impfrate stark gesteigert und Kosten in Milliardenhöhe gespart werden.

Von Franziska Ruf