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In der Nacht zum 9. Mai brennen Täter im Fahrradparkhaus am Bahnhof Schlösser auf, zu erkennen oben links. Es ist eine neue Masche. (Quelle: ca)

Es wird reichlich gestohlen

Lüneburg. Der Anstieg ist gewaltig: In der Stadt wurden in den ersten fünf Monaten 2019 rund 70 Prozent mehr Fahrräder gestohlen als im Vergleichszeitraum 2018. Eine griffige Erklärung für diesen Trend hat die Polizei nicht. „Wir beobachten keine großen zusammenhängenden Serien“, sagt Polizeisprecher Kai Richter. „Das verteilt sich über das gesamte Stadtgebiet, aber ein Schwerpunkt liegt rund um den Bahnhof.“ Das bestätigen der Betreiber des Fahrradparkhauses, Malte Meyners, und seine Mitarbeiter. Regelmäßig melden sich Kunden, deren Rad gestohlen wurde. Nach ihren Beobachtungen kommen die Täter gerade nachts. Eine neue Masche: das Aufbrennen der Schlösser.

Polizei fasst Trio aus Bleckede

Über Jahre nannte die Statistik der Polizei für Stadt und Kreis rund 1000 gestohlene Räder im Jahr. Die Zahl schwankte grob betrachtet mal um 100 nach oben beziehungsweise nach unten. Doch in in den ersten fünf Monaten 2019 lag der Wert nur in Lüneburg selbst bei gut 450. „Und die Saison beginnt erst“, sagt Hauptkommissar Richter. In der Vergangenheit beobachtete die Polizei Serien. So wurden zum Beispiel in Häcklingen und Rettmer Räder zum Teil sogar aus Garagen und Schuppen gestohlen. Am Bahnhof ging im Sommer 2016 ein rumänisches Trio aus dem Raum Bleckede ins Netz, das mit einem Lkw vorgefahren war, um Fahrräder im großen Stil abzuräumen.

„Doch solche Fälle haben wir im Moment nicht“, sagt Richter. Wie seit Jahren benennt die Polizei im Prinzip drei Tätergruppen: Es gebe diejenigen, die sich ein Rad nur „borgen“, das meint sie nehmen es sich, fahren nach Hause und schmeißen es ins Gebüsch. Dann gibt es Drogenabhängige, für die zum Beispiel ein Mountainbike als Bezahlung für neuen Stoff dient. Darüber hinaus agieren überörtliche professionelle Gruppen. Bei denen dauert es nur Sekunden, bis sie ein Schloss mit einer Akku-Flex geknackt haben.

Vorgehen der Diebe auf Video festgehalten

Anfang Mai schlug ein Duo im Fahrradparkhaus zu. Ihr Vorgehen hat die Videoüberwachung festgehalten: Die beiden jungen Männer überschütteten Schlösser mit einer Flüssigkeit und zündeten sie an. Überdies brachen sie in die Werkstatt des Radladens und deren Räume ein. Nach Einschätzung von Fachleuten gingen sie dabei äußerst dilettantisch vor. Am Ende wurden die beiden polizeibekannten 14-Jährigen geschnappt, weil sie ein zweites Mal kamen.

Meyners und die Verwaltung plädieren seit gut drei Jahren dafür, den Radspeicher besser zu sichern. Rund 300 000 Euro hätte es gekostet, die ersten Pläne umzusetzen. Das Konzept scheiterte in der Politik mit der Begründung „zu teuer“ an dem gemeinhin fahrradbegeisterten Grünen und Linken. Ebenfalls erfolglos blieb im vergangenen Jahr eine Bewerbung beim Bundeswettbewerb Klimaschutz. Der große Wurf sollte bessere Zufahrten und Sicherungssysteme für beide Parkhäuser mit ihren rund 2000 Plätzen bringen. 1,5 Millionen Euro waren veranschlagt. Es wurde nichts. Nun soll ein neuer Anlauf folgen.

Im Verkehrsausschus diskutieren heute die Mitglieder im Huldigungssaal von 16 Uhr an eine mögliche neue Konzeption. Die Verwaltung will nun, da sie zuvor mit ihren Ideen in der Politik nicht die nötige Unterstützung fand, ein gemeinsames Vorgehen vorschlagen. Vorgeschlagen wird ein modernes Diebstahlschutzsystem für den Radspeicher sowie neu einzurichtende Schließfachanlagen. Zudem sollen die Abstellkapazitäten massiv erhöht werden, unter anderem auf der Ostseite der Gleisanlagen und in den beiden Fahrrad-Parkhäusern. Und auch ein drittes Fahrrad-Parkhaus ist Thema.

Radspeicher-Betreiber Meyners hatte in der Vergangenheit betont, er arbeite im Auftrag der Stadt, sei für den Ticketverkauf zuständig. Seine Leute könnten nicht ständig auf die Fahrräder aufpassen. Die eingesetzte elektronische Überwachung habe überdies ihre Schwachpunkte: So zeichnen Kameras zwar das Geschehen auf. Doch nachts blickt niemand auf die Bildschirme. Wer schon einmal weit nach Mitternacht am Bahnhof war, weiß: Da ist niemand mehr, der auf irgendetwas aufpassen könnte. So dürfte es kein Zufall sein, dass die Täter, die Schlösser aufbrennen wollten, nach 2 Uhr kamen.

Aufklärungsquote liegt bei unter zehn Prozent

Die Aufklärungsquote beim Fahrraddiebstahl liege bei unter zehn Prozent, sagt Polizeisprecher Richter. Zwei Beamtinnen, angesiedelt im 2. Fachkommissariat, das für Eigentumsdelikte zuständig ist, kümmern sich um die Fälle. Es waren einmal mehr Kollegen. Doch die Polizei hat an vielen Stellen viel zu tun und zu wenig Personal. Das räumen hochrangige Beamte unter der Hand ein.

So bleiben Appelle. Richter empfiehlt, sein Rad codieren zu lassen und es gut abzuschließen.

Von Carlo Eggeling