Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Die Vermieter von Nadine Gertz haben vieles möglich gemacht: Die Wohnung wurde nach ihren Wünschen modernisiert, auch bei der Miete sind sie ihr entgegengekommen. Foto: t&w

Wenn Vermieter zu Freunden werden

Brietlingen. Die Türklingel läutet, als das schrille „Nadiiiiine“ einer Zweijährigen durch den Garten klingt und der neunjährige Linus seine Mutter ruft: „Mama, ich will Dir mal was zeigen.“ Es ist ein normaler Mittwochnachmittag im Leben von Nadine Gertz. Ein Nachmittag voller Trubel, mitten im Leben – so, wie es die 44-Jährige mag. Doch genau das war vor etwa zwei Jahren der Grund dafür, dass die Brietlingerin keine Wohnung fand.

Alleinerziehend mit einem schulpflichtigen Kind, tätig als Tagesmutter, Halterin von einem Hund, drei Katzen, ein paar Fischen und einem Bienenschwarm – das waren die Voraussetzungen, mit denen Nadine Gertz nach einer Trennung auf Wohnungssuche ging. Und damit entsprach sie nicht den Wunschvorstellungen der meisten Vermieter. „Entweder waren die Kinder oder die Tiere das Problem. Die Vermieter hatten immer Angst, dass alles kaputt geht oder sich die Nachbarn beschweren. Ich kam mir vor wie ein Vollhonk und hatte schon aufgegeben“, sagt sie beim Rückblick darauf, wie eine Absage nach der nächsten ins Haus flatterte. Aufgeben, das hätte bedeutet, den Beruf zu wechseln, die Tiere abzugeben oder so lange zu warten, bis der Sohn erwachsen wäre, um dann in eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu ziehen.

Funke der Sympathie sprang sofort über

Der Mann, der eben an der Tür klingelte, hat es sich auf der Terrasse gemütlich gemacht und fachsimpelt mit Linus über die alten Bienenwaben, die der Junge gerade inspiziert. Der Familie des Mannes gehört die Bleibe, in der Nadine Gertz seit Anfang 2018 ein neues Zuhause gefunden hat. Seinen Namen möchte der Vermieter nicht in der Zeitung lesen, erzählt aber gern. Einst war dies sein Elternhaus, Mutter und Vater wohnten hier. „Ich finde es lustig – hier haben zuletzt nur alte Leute gewohnt und jetzt tobt hier das Leben“, sagt er und schmunzelt, während er dem Hund Lucky die Ohren krault und eines der Tageskinder lauthals juchzt. Es war das erste Mal, dass die Familie ein Mietverhältnis eingehen wollte, entsprechend groß waren die Sorgen. Ein Online-Inserat brachte damals keinen Erfolg: „Da kamen komische Sachen, klar hatten wir auch Schiss“, sagt der Vermieter.

Und dann passierte das, was Dörfer ausmacht: man kommt ins Gespräch, erst übereinander, dann miteinander. Gemeinsame Bekannte brachten Nadine Gertz und den Mann auf ihrer Terrasse zueinander – und der Funke der Sympathie sprang sofort über. „Als wir wussten, dass Nadine hier einzieht, war es ein Selbstläufer“, sagt der Mann und ergänzt, „ich hab ja gesehen, wie sie ihr altes Haus behandelt hat“. So war die Sache für ihn schnell klar.

Lieber weniger Geld, aber dafür fließt es auch sicher

„Ich konnte es gar nicht glauben. Bis zur Unterschrift dachte ich, die sagen mir wieder ab“, gesteht Nadine Gertz. Denn sie bekam nicht nur den Zuschlag, die Wohnung mieten zu dürfen. Der alte 70er-Jahre-Bau wurde auch speziell auf ihre Wünsche hin modernisiert. „Wir haben zusammen die Bodenbeläge ausgesucht und gekauft. Ich konnte überall meine Vorstellungen einbringen. Das hast Du sonst nicht, und ich habe schon in vielen Mietverhältnissen gewohnt“, sagt die 44-Jährige, als könne sie ihr Glück noch immer nicht fassen.

Sogar beim Mietpreis sind die Vermieter Gertz entgegengekommen. „Die Wohnung mit ihren Räumlichkeiten war für uns optimal, aber die Miete war zu hoch“, sagt die Tagesmutter. Also schlug sie den Vermietern vor – jeder für sich – nochmal den Taschenrechner in die Hand zu nehmen und nachzurechnen, wie viel Miete wirklich möglich und nötig sei. „Im Nachhinein dachte ich, vielleicht habe ich eine zu große Klappe gehabt“, sagt sie. Aber auch hier zeigten die Vermieter Herz. „Mir ist es lieber, ein bisschen weniger Miete zu bekommen, aber dann bekomme ich sie wenigstens auch. Ich habe ihr gesagt, sie kann hier machen, was sie will. Nur nichts kaputt machen“, sagt der Mann auf der Terrasse trocken.

„Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich hier wohnen kann“

Schnell noch die Wäsche reinbringen, dem Kleinen auf der Schaukel Anschwung geben und Linus eine Frage zu den Bienen beantworten. Während Nadine Gertz zwischen Wohnung und Terrasse hin und her wirbelt, ruft sie, mit gespielter Empörung ein schnelles „Ich mach‘ ja auch nichts kaputt“ herüber, als wäre das nicht längst klar. Ehrlichkeit empfindet sie als eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für ein gutes Mieter-Vermieter-Verhältnis: „Dass man sagt, wenn etwas nicht stimmt.“

„Und ich dachte, dass wir Dich in Ruhe lassen“, sagt der Mann auf der Terrasse mit einem versteckten Lächeln. Dann hebt er die Hand zum Abschiedsgruß und geht, so leise und unauffällig, wie er gekommen war. Sie werden sich wiedersehen, sehr bald, beim nächsten Geburtstag vielleicht, auf der Straße oder auf einen Plausch bei Kaffee. Für Nadine Gertz sind ihre Vermieter nicht nur Vermieter, sondern längst so etwas wie Freunde.

Die Tageskinder werden abgeholt. Gleich noch eine Gassi-Runde mit Lucky, dann ist Feierabend. Ob sie sich hier wohl fühlt? Die Frage ist überflüssig. „Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich hier wohnen kann“, sagt sie.

Von Anke Dankers

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