Dienstag , 17. September 2019
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Andreas Gensch ist mit seinen Kutschen täglich in der Stadt. Ab 30 Grad gewährt er den Tieren hitzefrei, sagte er im Juni. Dennoch war er an dem sehr heißen Mittwoch unterwegs. Foto: A/jj

Hitzefrei für Pferde

Lüneburg. Es ist ein bisschen wie beim Fußball: Bei Länderspielen sitzen Abertausende von Bundestrainern vorm Fernseher, die alles besser wissen und dazu eine deftige Meinung haben. In diesem Fall sind es die Pferdekutschen, die bei sommerlicher Hitze durch die Stadt fahren.

Wenn Andreas Gensch und Jens Bußmann sowie ihre Mitarbeiter derzeit mit ihren Tieren und Wagen unterwegs sind, werden sie von manchem übel beschimpft. „Wir müssen uns anhören, wir seien Tierquäler“, sagt Gensch. Er und sein Kollege betonen, dass sie sich selbstverständlich um die Pferde kümmern, mit denen sie eng zusammen leben. Sie haben sich selber eine Beschränkung auferlegt, obwohl sie es rechtlich nicht müssten: Bei 30 Grad und mehr stellen sie die Fahrten ein. Bußmann sagt: „Wir machen hitzefrei.“

Bei 30 Grad ist Schluss

Beim Landkreis stellen die Veterinäre den beiden in Rettmer beziehungsweise Mechtersen beheimateten Betrieb ein tadelloses Zeugnis aus: „Unsere Ärzte kennen die Unternehmen seit Jahren. Sie gehen gut mit den Tieren um, es gibt keine Beanstandungen“, sagt im Kreishaus Sprecherin Urte Modlich. Entsprechende Ratschläge, wie man bei Hitze mit den Pferden arbeitet, würden berücksichtigt.

Sowohl Bußmann als auch Gensch erleben, dass gegen sie von vermeintlichen Tierschützern regelrechte Kampagnen gefahren werden, die ihnen unterstellen, sie würden nur auf ihr Geschäft, nicht aber auch ihre Tiere achten. Für beide sind das üble und geschäftsschädigende Unterstellungen, die sie auf mangelndes Wissen zurückführen. Daher überlegt Bußmann, einen Verein mit dem Titel „Reintegration von Arbeitspferden“ zu gründen.

Beide geben ihren Zugtieren ausreichend Wasser, reiben sie im Zweifel mit feuchten Schwämmen ab. Sie sehen zu, dass sie von „Schattenplatz zu Schattenplatz fahren“, wenn sie Touristen Sehenswürdigkeiten zeigen. Das gehe nur für ein paar Minuten am Sand und auf der Kaufhaus-Brücke nicht. In der dicksten Hitze fahre man nicht, aber eher weil es für den Kutscher in seiner Montur kaum auszuhalten ist.

„Pferde sind ja Steppentiere“

Bußmann macht auf den wirtschaftlichen Aspekt aufmerksam. Jetzt sei Saison, die Unternehmen fahren Urlauber durch die Straßen. Da zähle im Prinzip jeder Tag: „Es gibt einige Anlässe, wo wir nicht raus können: Stadtfest, Sülfmeistertage, jetzt das Entenrennen im Wasserviertel. Und auch im Winter bestehen Einschränkungen.“ Gleichwohl seien die Pferde eben auch die Basis der Unternehmen: Es würde keinen Sinn machen, schlecht mit ihnen umzugehen.

Auch in der Heide sind Pferd und Wagen unterwegs. Einer der größten Anbieter ist Kutschen-Meyer in Schneverdingen. Juniorchef Steffen Meyer sagt, dass man 22 Gespanne besitze. Inklusive der Therapieangebote nutze man rund 70 Pferde. Er sagt: „Zwei, drei Rundfahrten sind kein Problem für die Pferde, wenn man sich um sie kümmert. Es ist für sie auch angenehmer, wenn sie draußen als im Stall stehen. Und Pferde sind vor 50 Jahren mit Kutschen zum Heumachen auf den Acker gefahren. Das war selbstverständlich.“

Auch Gensch berichtet, dass seine sechs Tiere, die er in einem rollierenden System einsetzt, sodass immer ein Paar mindestens einen Tag frei hat, von selber mitten auf die Weide und damit in die pralle Hitze laufen: „Pferde sind ja Steppentiere.“

Die Kutscher in Stadt und Heide plagt eher ein anderes Problem. Steffen Meyer sagt: „Bei 35 Grad kommen keine Gäste mehr, es ist ihnen zu heiß.“

Von Carlo Eggeling

Hitze-Tipps

Was Amtstierärzte empfehlen

  • Wasser rund um die Uhr
  • Pferde spätestens alle vier Stunden mit Raufutter füttern, Kraftfutter reduzieren, Schatten anbieten,
  • Bei vermehrter starker Atmung und bei starkem Schwitzen Pferde mit Wasser kühlen und in den Schatten bringen und ruhen lassen.