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Dietlind Kemmler (l.) fehlen die Worte angesichts der riesigen Jeans-Decke, die Irina Tipke, Ana Lena Eckhardt und Praktikantin Denisa Haxhoviq (v.l.) für den guten Zweck genäht haben. Foto: ada

Zehn Jahre für mehr Zusammenhalt

Bardowick. Einmal die Pieperstraße hinauf und wieder hinab – fast 500 Meter war der Stoffstreifen lang, den Ana Lena Eckhardt, Irina Tipke und weitere Mitstreiter genäht haben. Nicht irgendein Stoff sondern alte Jeans, denen die Frauen von „LeFil-Design“ nun ein zweites Leben schenken möchten: als Decke für den guten Zweck.

Ana Lena Eckhardt sitzt in ihrem Nähatelier und lacht. Vier große Decken aus Jeansstoff liegen neben ihr auf dem Tisch, Tüten mit vielen weiteren Hosen und Stoffresten stehen darunter. „Nein“, sagt sie, „mit dieser Masse an Jeanshosen haben wir nicht gerechnet“. Eigentlich wollten Eckhardt und Tipke nur eine Decke zum „Tag der Umwelt“ gestalten. Aussortierten Hosen neues Leben einhauchen und „den Leuten zeigen, was man aus alten Sachen machen kann“. Doch die Resonanz war riesig und bald war die Idee geboren, die Decken für einen sozialen Zweck zu versteigern.

Neues Leben für alte Jeans

Ein paar Meter entfernt hat es sich Dietlind Kemmler in „Lydias Haus“ gemütlich gemacht. „Omas gute Stube“ steht auf dem kleinen Schild, das über dem Wohnzimmer hängt, in dem Kemmler erzählt, wie sie das Bardowicker Mehrgenerationenhaus vor 10 Jahren eröffnete. „Ich war viel im Ausland, in Afrika, England, Peru. Dort haben mich die Charity-Projekte am meisten fasziniert.“ So etwas könnte man auch hier machen, in Bardowick, dachte sich die heute 75-Jährige.

Ein Jahrzehnt später ist Lydias Haus ein Mehrgenerationen-Haus, ein Spendenladen und Begegnungsort, der für viele Bardowicker nicht mehr wegzudenken ist. Rund 30 ehrenamtliche und seit Kurzem auch eine hauptamtliche Helferin setzen sich hier für die Bedürfnisse der Menschen vor Ort, aber auch in der Ferne, ein. Ob Hochzeitskleid, Kinderwagen oder Teddybär – im Spendenladen gibt es Kleidung, Spiele oder Bücher aus zweiter Hand zu kaufen. In den Gemeinschaftsräumen lernen Senioren den Umgang mit PC und Handy, werden Englischkurse gegeben oder Bibelstunden. Und überall dort, wo sich ein Plätzchen finden lässt, bekommen Kinder Hausaufgabenhilfe, spielen mit Senioren und Gleichaltrigen und lernen häkeln, malen oder basteln.

Treffpunkt in Bardowick

Und so sind die Räume in der Pieperstraße 11, die eigentlich zu einer ganz normalen Wohnung gehören längst zu einem Ort des Miteinanders geworden. „Wir wollen, dass ältere Leute etwas zum Gemeinwohl beitragen können“, sagt Dietlind Kemmler. Voller Stolz blättert sie dabei durch ein Buch mit 50 Zeichnungen von Kindern, die hier im Lydia Haus, zusammen mit den Omas aus der Nachbarschaft das Markusevangelium gemalt haben.

9 Jahre ist der Künstler dieses Bildes alt. Es zeigt „Ostern“ aus dem Markusevangelium und wird im Dom zu Bardowick ausgestellt. Foto: privat

Einen Raum weiter, im Badezimmer, werden die Sach- und Kleiderspenden sortiert. „Hier ist unser Umschlagplatz“, sagt Kemmler. Sauber, heil und möglichst noch in Mode sollen die Klamotten sein, die später an den Kleiderstangen des Spendenladens hängen. Früher hätte keine Hausfrau aus Bardowick second-hand gekauft, glaubt Kemmler, aber das ändere sich gerade.

Spenden für hauptamtliche Stelle

„Inzwischen sind wir hier sehr akzeptiert, die Idee hat sich durchgesetzt“, sagt Dietlind Kemmler. Dass das nicht immer so war, daran erinnern sich noch viele der Helferinnen. „Wir dachten auch schon mal, wir müssten aufgeben“, sagt Lieselotte Hentschel. Denn um das Haus der Begegnung am Laufen zu halten, sind die Helfer auf Spenden angewiesen. Der Erlös aus dem Verkauf der Second-Hand-Kleidung fließt in Miete und Versicherungen der Räumlichkeiten. Jeder Cent, der übrig bleibt, wird wohltätigen Zwecken gespendet nach Malawi, in den Jemen oder dorthin, wo die Not gerade am größten ist. Zur Finanzierung der eigenen Arbeit sind die Einnahmen nicht gedacht, und doch brauchen die Helfer an genau dieser Stelle Rückenwind. „Unsere Ehrenamtlichen werden langsam älter und wir finden keine jüngere Kraft. Alle müssen noch für ihre Rente arbeiten“, sagt Dietlind Kemmler und erklärt, dass sich die Frauen deshalb dafür entschieden haben, eine hauptamtliche Stelle für die Arbeit zu schaffen. „Wir sind auf Spenden angewiesen, um diese Stelle zu finanzieren“, so Kemmler.

Versteigerung findet am Samstag, 29. Juni, statt

Stolz und glücklich stemmen Ana Lena Eckardt und Irina Tipke die zwei Meter mal zwei Meter siebzig große Jeans-Decke in die Höhe. Die Rückseite aus Stoff hat das Hanseatische Polsterkontor gespendet, gewaschen und aufbereitet wird die Decke von der Wäscherei Jess in Bardowick. Ein echt regionales Schmuckstück, dass bei der Jubiläumsfeier des Lydia Hauses am Samstag zu Gunsten des guten Zweckes versteigert werden soll. Wie viel die Decken bringen sollen? Darüber sind sich die Frauen selbst nicht ganz einig. Bei einem Arbeitsaufwand von etwa 50 Stunden, darf für die kleinen Decken aber mindestens ein dreistelliger Betrag in die Spendenkasse kommen, finden Eckardt und Tipke.

Die Versteigerung findet am Samstag, 29. Juni, im Hof des Lydia Hauses statt. Ab 13 Uhr sind außerdem eine große Tombola, ein Kindertheaterstück und ab 16.30 Uhr ein Gesangsauftritt. Einen Tag später, am Sonntag, 30. Juni, werden die Kinderbilder zum Markusevangelium im Bardowicker Dom ausgestellt. Dort werden sie vier Wochen lang zu sehen sein.

Von Anke Dankers