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Mit 300 ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern hat der Historiker Nils Köhler für ein Buch Kontakt aufgenommen. Einer - in der Bildmitte - schickte ihm dieses Foto von Polen in der Lüneburger Scheidemandel-Motard-Werke AG zu, wo unter anderem Glycerin hergestellt wurde. (Foto: privat/Nils Köhler)

Die lange abgewehrte Erinnerung

Lüneburg/Lüdershausen. Kein Lüdershausener konnte beim Kriegsende sagen, er hätte nichts davon gewusst. Denn im Gegensatz zur Vernichtung der europäischen Juden, die die Nationalsozialisten geheim halten wollten, wurden die Zwangsarbeiter vor aller Augen ausgebeutet. Und hingerichtet. So wie der polnische Zwangsarbeiter Marjan Kacz­marek, der – kaum 18-jährig – am späten Nachmittag des 15. Oktober 1942, einem Donnerstag, im Eichhagen, einem Wäldchen am Stadtrand an einem Baum aufgeknüpft worden war. Täter waren die Männer eines Exekutionskommandos aus dem KZ Neuengamme. Doch an den Strick hatten den jungen Mann Lüdershausener Bürger gebracht. Eine schmerzende Erinnerung, die in dem Elbmarschdorf beinahe verdrängt worden wäre. Dagegen stemmt sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) mit einer neuen Broschüre.

„Tod durch Erhängen durch die Staatspolizei“ arbeitet das kurze Leben des aus seinem Heimatort Rebieske, 50 Kilometer westlich von Lodz, verschleppten Jugendlichen und seine Hinrichtung auf. Die Publikation ist zugleich eine flammende Anklageschrift gegen die Jahrzehnte währende „Abwehr der Erinnerung“ in Lüdershausen.

40 Zwangsarbeiter auf 186 Einwohner

Eine Verdrängungsleistung, die nur als Kraftakt möglich war. Schon zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen plante das Arbeitsamt Lüneburg die Errichtung von 19 Lagern für je 50 polnische Kriegsgefangene. Im „Reichsgau Wartheland“ wurden polnische Familien vertrieben, ihre Söhne und Töchter bei Razzien gefangen und nach Deutschland deportiert. So wie der damals 15-jährige Marjan. Das aufgenähte „P“ auf der Kleidung für die polnischen Zwangsarbeiter war damals ein alltäglicher Anblick. Anfang 1945 arbeiteten 3200 Zwangsarbeiter in Lüneburg. In Lüdershausen, das 1938 insgesamt 186 Einwohner hatte, mussten 40 Zwangsarbeiter in die „Ernteschlacht“, darunter 14 Polen.

Exekution vor Zwangsarbeitern

Die Hinrichtung von Marjan Kaczmarek geschah nicht heimlich, sondern wurde sogar öffentlich zelebriert, um 50 andere, in der Umgebung knechtende Polen davon abzuschrecken, gegen das Sklavendasein aufzubegehren, das die Nationalsozialisten für sie vorgesehen hatten. Eigentlich sollte Marjan nach Informationen von Zeitzeugen unmittelbar vor dem Hof Dittmer, seinem Arbeitsplatz, aufgeknüpft werden. Das verhinderten Proteste. Hingegen war der Protest des Landwirtes Dittmer gegen die Verhaftung seines Arbeiters am 1. August 1942 verhallt.

Dann griff Kacz­marek nach einer Mistforke

Kaczmareks vermeintliches Vergehen war, wie es sich aus den Akten rekonstruieren lässt, dass er sich nicht wie ein „Untermensch“ herumschubsen lassen wollte, zu dem ihn die NS-Ideologie machte. Ende Juli 1942 gingen die Lüdershausener Feuerwehrleute Friedrich Kloodt und Gustav Riecken in ihrer Funktion als Hilfspolizisten Streife, als sich gegen 21 Uhr den Jugendlichen vor dem Hof Dittmer entdeckten – also zu einer Tageszeit, an der die Zwangsarbeiter sich nicht mehr außerhalb ihrer Unterkünfte aufhalten durften. Als die Deutschen ihn mit körperlicher Gewalt drängten, griff Kacz­marek nach einer an der Wand angelehnten Mistforke.

Das erzürnte die beiden Hilfspolizisten so sehr, dass sie den Fall meldeten. Lüneburgs Gestapo-Chef Westermann beantragte daraufhin die „Sonderbehandlung“, also den Tod durch den Strang. Mit auf den Rücken gefesselten Händen wurde der 18-Jährige auf einen Schlitten gestellt, der unter dem Strick stand, der an einem Ast befestigt war. Zwei polnische KZ-Häftlinge aus Neuengamme legten ihm den Strick um und zogen den Schlitten weg. Gegen 17.30 Uhr stellte der anwesende KZ-Arzt den Tod von Marjan Kaczmarek fest.

Versickernde Ermittlungen

1947 wurde der Fall eher zufällig aktenkundig. Doch die Ermittlungen dienten eher der Vernebelung und endeten früh – „Kameraderie ehemaliger Parteigenossen“ konstatieren die Autoren der Broschüre. Die Dorfgemeinschaft verriet Riecken und Kloodt nicht. Vielleicht hatte sich in dem Ort die Meinung gebildet, man habe mit der zwangsweisen Einquartierung ehemaliger polnischer KZ-Häftlinge bei Kriegsende schon genug gesühnt, spekulieren die Autoren. Der Fall sank in den Nebel des Vergessens, auch, weil vermutlich niemand aus der Familie des Polen die nationalsozialistische Terrorherrschaft überlebt hat. Erst der Anruf eines Mannes, der von seinem Vater von der Exekution erfahren hatte, brachte die VVN-BdA auf die Spur.

Am Ende ihrer mehrjährigen Recherchearbeit stellen sie ernüchtert fest, dass im Ort – von Ausnahmen abgesehen – wenig Bereitschaft bestehe, dem erhängten Polen ein ehrendes Andenken zu bewahren. Kritik äußern sie auch an der Einstellung der Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Lüneburg, weil sämtliche in Betracht kommenden Verantwortlichen mittlerweile tot sind.

So bleibt es den Hobbyhistorikern der VVN-BdA vorbehalten, die Erinnerung an das schreiende Unrecht wachzuhalten.

Die Broschüre ist für 5 Euro bestellbar: vvn-bda-lg@web.de

Von Joachim Zießler