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Erst schnippeln, dann rühren: Ministerpräsident Stephan Weil in der Show-Küche. Foto: t&w

Rezepte gegen den Niedergang

Bienenbüttel. Was macht ein sozialdemokratischer Ministerpräsident, um sich vom Kampf gegen den Niedergang der SPD zu erholen? Er versucht sich als Lokführer – das wollen derzeit fast so wenige Menschen werden wie SPD-Vorsitzender. Und er besucht Bürger, die sich mit Einfallsreichtum und Einsatz gegen den Niedergang des ländlichen Raumes stemmen. Vielleicht lassen sich ja Konzepte finden, die man in die SPD-Baracke nach Berlin tragen kann.

Lokführer Weil kam pünktlich an

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) machte am Dienstag zum Auftakt seiner Sommerreise in Bienenbüttel Station. Vorab durfte sich Weil in dem Metronom aus Hannover in ungewohnten Rollen erproben: als Schaffner und – nach einer Einweisung – auch als Lokführer. Es ging gut. Allerdings gibt es im Zug auch kein Juso-Abteil, das dauernd ausschert.

Nur wenige Schritte vom Bahnhof Bienenbüttel entfernt betrat Weil die „Markthalle Bienenbüttel“. Ungefähr so dürfte sich der Landesvater seinen idealen Dorfmittelpunkt erträumen: Großzügige Räumlichkeiten, edle Weine und Mode zum Kaufen, eine Kinderecke für die Kleinen. Im Restaurant „Dorfgespräch“ gilt der Name als Programm. Hier trifft man sich bei regionalen Speisen zum Klönen.

„Erste Sahne!“ Der Ministerpräsident ist beeindruckt. „Etwas Vergleichbares habe ich in einem Ort dieser Größe noch nicht gesehen.“ Ein Lob, das Loni Franke, die Initiatorin der Markthalle freut. „Bienenbüttel ist eine Pendlergemeinde. Wer in Hannover oder Hamburg arbeitet, hat gestiegene Ansprüche.“

Straffes Management

Erst am Sonntag hat sie die Leitung des Restaurants in jüngere Hände gelegt. Froh, dass sie das Projekt durch schwierige Phasen bewahren konnte. Selbstverständlich war das nicht. In den Räumlichkeiten der „Markthalle“ war bis 2010 ein Edeka. Als der schloss, stand das Gebäude zwei Jahre lang leer. An dieser Stelle erleben viele Gemeinden den Dominoeffekt des Niedergangs: ein Laden nach dem anderen schließt. Bienenbüttel erlebte Loni Franke. Die Journalistin gestaltete die Räume um und setzte ihr Konzept um – Härten inklusive: „2014 konnten wir einmal die Löhne nicht pünktlich zahlen. Doch seitdem geht es aufwärts.“

Das blieb auch in Hannover nicht unbemerkt. „Im Februar bekam ich einen Anruf aus der Staatskanzlei.“ Ein halbes Jahr später konnte sie den Ministerpräsidenten von Bleckeder Bier und glutenfreiem Brot aus Edendorf kosten lassen. Und vermitteln, wie straffes Management funktioniert: So erfuhr der staunende Weil, dass der Hegering Bienenbüttel frisches Wildbret für das Restaurant quasi auf Bestellung schießt.

Mit dem Gemüsemesser in der Show-Küche

Waren der Rundgang und der Smalltalk mit Bürgern noch Politiker-Kerngeschäft, musste Stephan Weil abschließend auf ungewohntes Terrain: in der Show-Küche des Restaurants hieß es Porree, Thymian und Basilikum für eine Gemüsepfanne zu schnippeln. Dabei hatte Weil vorher noch lobheischend erwähnt, dass er zuhause die Sonntagsbrötchen aufbackt.

„In der Küche wird geduzt“, sagte Loni Franke streng, bevor sie Weil eine Schürze mit dem Namenszug „Stephan“ umhängte. Dem gelang unter der Anleitung der Profi-Köche Jan und Philipp dann auch das Abschmecken. „Es fehlt das Salz!“, sagte Weil, bevor er zum Streuer griff. Ein Rezept für den Neustart der SPD?

Von Joachim Zießler