Donnerstag , 19. September 2019
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Nachdem Tobias und Stefanie Nicklaus das Wohnen in der Stadt Lüneburg zu teuer wurde, haben sie jetzt in Soderstorf gebaut – mit Stroh. (Foto: t&w)

Die eigenen vier Wände aus Lehm und Stroh

Soderstorf. Fest gemauert in der Erden, steht das Haus aus Lehm und Stroh gebaut. Frei nach Friedrich von Schiller lässt sich so das ökologische Eigenheim der Eheleute Stefanie und Tobias Nicklaus (beide 45) beschreiben, das sie jüngst im Neubaugebiet „Hinter den Höfen“ in Soderstorf errichtet haben. Gewissermaßen haben sie aus der Not eine Tugend gemacht: Da sie in der Stadt Lüneburg für sich keine Wohnung zu vertretbaren Preisen fanden, zogen sie nicht nur raus auf‘s Dorf, sondern bauten auch derart umweltverträglich und energieeffizient, dass sie für ihr Haus aus Holz, Strohballen und Lehm zu den nächsten Preisträgern der „Grünen Hausnummer“ zählen werden, die als Auszeichnung von der Klimaschutzleitstelle von Stadt und Landkreis Lüneburg verliehen wird. Und dabei sei das Öko-Haus noch nicht einmal teurer gewesen als ein konventioneller Bau, sagt Stefanie Nicklaus.

Wie die Wände mit Stroh gefüllt wurden ist auch Thema des privaten Bautagebuchs, das Ehepaar Nicklaus online geführt hat, nachzulesen im Internet unter www.strohschlaubau.de.

Die 2,5-Zimmer-Wohnung in Lüneburg war dem Ehepaar irgendwann zu klein geworden. Lange hatten sie in der Salzstadt nach einer Alternative gesucht, bis die Verwaltungsfachwirtin Stefanie Nicklaus, die im Fachbereich Umwelt der Stadt Lüneburg arbeitet, zu dem Schluss kam: „Anstatt monatlich 1000 Euro Kaltmiete zu bezahlen, kann ich auch ein eigenes Haus abbezahlen.“ Durch ihre frühere Arbeit bei der Klimaschutzleitstelle war ihr das Konzept nahe, ein Haus aus natürlichen Rohstoffen zu bauen. Ihren Mann, von Beruf Prozessleitelektroniker, überzeugte sie schnell.

„Unser Einfamilienhaus erfüllt den KfW- 40-Standard. Wir sind sogar nur knapp am Passivhaus vorbei“, sagt Tobias Nicklaus ein bisschen stolz. Und das mit Baumaterialien, die seit dem späten 19. Jahrhundert für den Hausbau eingesetzt werden. Laut des Fachverbands Strohballenbau Deutschland e.V. (Fasba) begann das Bauen mit den Resten der Getreideernte damals in den USA nach der Erfindung der Strohballenpressen. „Die ersten Strohballenhäuser entstanden in Nebraska, einem holzarmen Gebiet mit großen Getreidefeldern“, heißt es zur Baugeschichte auf der Internetseite des Verbands unter www.fasba.de.

Überschüssiges Material als Einstreu im Kuhstall

Rund 600 kleinere Strohballen seien in dem Eigenheim verbaut worden, schätzen die beiden Bauherren. Holzarmut war jetzt aber nicht der ausschlaggebende Punkt, weshalb die beiden Neu-Soderstorfer auf Stroh gesetzt haben. Vielmehr trieb sie das ökologische Gewissen. Sie sagt: „Wenn unser Haus irgendwann einmal abgerissen werden müsste, dann kann man beispielsweise die Leitungen recyclen und den Rest zum Verrotten einfach zusammenschieben.“ Es entstehe kein Sondermüll. Schon das übriggebliebene Stroh aus der Bauphase, lockere zwölf Kubikmeter, so Tobias Nicklaus, habe ein benachbarter Landwirt dankend als Stalleinstreu für seine Kühe genommen.

Die Hauskonstruktion basiert auf einer Holzrahmenbauweise. Die Rahmen aus Fichtenholz wurden dabei mit zertifizierten, gepressten Strohballen verfüllt. An den Innenwänden wurde Lehmputz aufgetragen und an den Außenwänden ein Kalksandsteinputz, der hier teilweise mit einer zusätzlichen Holzverkleidung verblendet wurde. Innen hat Ehepaar Nicklaus die Wände zudem mit einer speziellen Lehmputzfarbe gestaltet.

Augenfällig ist im Hausinneren, dass sämtliche Wand-Ecken abgerundet sind. Das ist den Weichfasermatten geschuldet, die zuvor auf die Holzrahmen getackert werden musste, um einen geeigneten Haftgrund für den Lehmputz herzustellen. Die Eigenschaft der Lehmwände, Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben, sorge für ein angenehmes Raumklima – neben der zentralen Belüftungsanlage. Das Haus mit 127 Quadratmetern Nutzfläche hat das Ehepaar mit einem Architekten realisiert, der bereits ähnliche Bauten in Adendorf und Lüneburg („Am Speicherbogen“) umgesetzt hat.

So sah die offene Außenfassase während des Baus aus. (Foto: privat)
Eigenleistungen miteingerechnet habe Ehepaar Nicklaus das Eigenheim eigenen Angaben zufolge für „unter 2300 Euro pro Quadratmeter“ gebaut. Zum Vergleich: Laut des Immobilienportals „Immowelt.de“ lag der Kaufpreis einer Wohnung in Lüneburg 2018 im Mittel bei 2750 Euro pro Quadratmeter.

Die „Grüne Hausnummer“

Noch bis zum 15. August 2019 können sich Gebäudeeigentümer bei der gemeinsamen Klimaschutzleitstelle für Stadt und Landkreis Lüneburg um die „Grüne Hausnummer“ bewerben. Erhalten können sie Eigentümer, die ihren Neubau mindestens als Effizienzhaus 55 fertiggestellt oder ihren Altbau energieeffizient saniert haben, heißt es. Im Landkreis setzt die „Grüne Hausnummer“ laut Klimaschutzleitstelle inzwischen an rund 100 Gebäuden ein Zeichen für Klimaschutz.

Die „Grüne Hausnummer“ ist eine Auszeichnung der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen sowie der Klimaschutzleitstelle und des Verbands Wohneigentum Niedersachsen e.V.. Weitere Infos unter dem Suchwort „Grüne Hausnummer“ auf www.landkreis-lueneburg.de.

Von Dennis Thomas