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Karl Wurm liebt die Natur, auch mitten in der Stadt. Hier schlendert der BUND-Vorsitzende vorbei an den mächtigen Bäumen Am Graalwall. Wurm übt scharfe Kritik an der Stadt, denn aus seiner Sicht laufe – gerade was den Erhalt von Natur und Umwelt angeht – einiges schief in Lüneburg. Foto: t&w

Lüneburg längst über dem Limit?

Lüneburg. Mit Sorge blicken die Mitglieder des BUND, Regionalverband Elbe-Heide, auf die Entwicklungen in Lüneburg, die den Umweltschutz betreffen. Der neue Vorsitzende Karl Wurm sieht die Grenzen der Bebauung längst überschritten, die Menge des Verkehrs am Limit. Er spricht von einer ungesunde Entwicklung, der Einhalt geboten werden müsse. Die Kritikpunkte im Einzelnen – und was Oberbürgermeister Ulrich Mädge dazu sagt.

Immer mehr Baugebiete

In den vergangenen fünf Jahren seien 11 Bauvorhaben umgesetzt worden oder kurz davor. Dazu gehörten unter anderem das Hanseviertel und den Ilmenaugarten. „Weit vorangeschritten sind aber auch die Bauleitplanungen für das Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg und den Digital-Campus. Dabei ist davon auszugehen, dass diese trotz des Bürgerprotests umgesetzt werden.“

Treibende Kraft aus Sicht des BUND-Vorsitzende ist Oberbürgermeister Ulrich Mädge im Zusammenspiel mit Teilen der Politik sowie Investoren. Als Argument bringe die Stadt immer wieder vor, dringend benötigte Wohnungen schaffen zu wollen. Die ungebremste Bautätigkeit führt aus BUND-Sicht aber dazu, dass die Freiflächen für Natur, Umwelt und Landwirtschaft immer weniger werden.

Mädge sagt: „Wir bewegen uns hier, wie andere Zuzugsgebiete auch, im Spannungsfeld zwischen dem Erhalt von Bestehendem sowie der Notwendigkeit des Wandels. Wir wollen Natur erhalten und das Klima schützen, aber wir müssen auch Wohnraum und Arbeitsplätze schaffen. Hier spielen auch möglichst kurze Arbeitswege – auch mit Blick auf das Klima – eine Rolle. Bei der Schaffung von Wohnraum setzen wir auf Innenverdichtung und Konversion, aber auch auf Neubaugebiete, dort wo es machbar und sinnvoll ist. Mit Blick auf Klima und Landschaftsschutz sehe auch ich die Wachstumsgrenzen der Stadt bei rund 85 000 Einwohnern erreicht. Am Rande sei mir die Anmerkung erlaubt, dass Mitglieder aus dem BUND-Vorstand erst in jüngster Vergangenheit in die Stadt Lüneburg gezogen sind – als Zugezogene suchten auch sie Wohnraum in einer attraktiven Stadt. Sollten wir dahinter die Tür schließen?“

Flächen für Natur und Tiere

Als Fläche für ein Gewebegebiet hat die Stadt bekanntlich den Flugplatz ins Visier genommen. Das kritisiert der BUND scharf. „Der ist als Freifläche und Besiedlungsfläche für Pflanzen und Tiere zu erhalten. Da sich dort schon Biotope entwickelt haben, gibt es keinen Grund, dass der Luftsportverein weg muss. Eine Bebauung kommt aus naturschutzfachlichen Gründen nicht infrage“, macht Wurm deutlich, der sich aber eine Verringerung der Motorflüge vorstellen könnte. Eine Absage aus Naturschutzgründen erteilt er den Überlegungen des Luftsportvereins, dass alternativ zum jetzigen Standort ein Flugplatz im Bilmer Strauch entstehen könnte.

Dazu sagt Mädge: „Es verwundert schon sehr, wenn sich der BUND zum Schutz von Pflanzen und Tierwelt für den Erhalt eines Flugplatzes mit all seinen negativen Umweltauswirkungen ausspricht. Vielmehr sollte es doch darum gehen, dieses Gebiet für die Schaffung von Arbeitsplätzen zu nutzen und dennoch das, was dort schützenswert ist, in Teilen zu erhalten. Hierfür werden aktuell bereits Gutachten erstellt. Neben dem Schutz von Tier- und Pflanzenwelt geht es vor allem auch um den Schutz von Menschen. Im Einzugsgebiet der Landebahn leben mittlerweile cirka 20 000 Menschen. Durch den Start von einmotorigen Flugzeugen ist die Gefahr von Abstützen immer gegeben. Im Übrigen hat der Rat die Vertragsverlängerung mehrheitlich abgelehnt.“

Plastikmüll reduzieren

Bereits im vergangenen November habe er appelliert, gelbe Säcke durch die gelbe Tonne zu ersetzen, sagt Wurm. Denn gelbe Säcke seien aus Plastik und würden zudem zweckentfremdet verwandt. Im Umweltausschuss des Rates sei das abgelehnt worden mit dem Argument, dass die gelbe Tonne nicht in allen Haushalten Platz fänden. „Inzwischen ist das Thema ‚Plastikmüll reduzieren‘ auch im Rat angekommen mit der Forderung, wenig Plastik-Geschirr bei Veranstaltungen in der Stadt zu zu lassen. Dabei hätte man mit der gelben Tonne schon einen großen Schritt machen können.“ Zu diesem Punkt nimmt die Stadt keine Stellung.

Alternative Messstation

Nachdrücklich fordert Wurm auch, dass die Stadt eine Messstelle für Luftschadstoffe und Ozonwerte an verkehrsreichen Straßen im Stadtgebiet installiert. Für den BUND sei nicht nachvollziehbar, dass es nur eine im Industriegebiet Hafen gebe. Mädge äußert sich zu dieser Forderung nicht.

Baumschutz

Die Satzung der Stadt sei viel zu großzügig gehalten, findet Wurm. „Pappeln, Weiden oder auch Obstbäume sind zum Beispiel herausgenommen.“ Dabei trügen diese wie andere Bäume zur Klimaregulierung und ästhetischen Raumgestaltung bei. Ausnahmegenehmigungen im öffentlichen wie auch privaten Bereich seien für den BUND nicht akzeptabel. Als Erfolg schreibt sich der Verein im Zusammenspiel mit den Grünen auf die Fahnen, dass die Baumfällliste früher veröffentlicht wird, „sodass man mehr Bäume beizeiten in Augenschein nehmen kann und so Fällungen verhindert werden können“. Grundsätzlich stehe der BUND dafür: Weniger Fällungen, mehr Anpflanzungen.

Mädge sagt: „Die städtische Baumschutzsatzung ist aus unserer Sicht zeitgemäß, die Inhalte sind vergleichbar mit denen vieler anderer Baumschutzsatzungen in anderen Gemeinden. Natürlich kann man immer mehr Kriterien aufnehmen. Das bedeutet aber auch immer größere Eingriffe und immer weniger Akzeptanz beim Bürger.“

von Antje Schäfer