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Auf dem Grundstück, auf dem einst Kurt-Werner Wichmann wohnte, hat die Polizei aufwendig nach Hinweisen gesucht. Foto: be

30 Jahre Ermittlungen zu Göhrde-Morden

Lüneburg. Spielte ein Bundeswehr-Messer eine Rolle bei einem Mord? Dieser Frage geht die Ermittlungsgruppe Göhrde nach, die ein Verfahren um den mutmaßlichen Serienmörder Kurt-Werner Wichmann führt. Auf Wichmanns Grundstück bei Vrestorf stellte die Polizei bei einer umfangreichen Suche im vergangenen Jahr mehr als 400 Asservate sicher, darunter eben auch dieses Messer. Gestern hieß es: „In einem Fall konnte ein Hinweis zu einem Messer möglicherweise einem Tötungsdelikt zugeordnet werden.“

Dieses Messer könnte eine Rolle bei einem Mord gespielt haben. Es stammt vom Grundstück Kurt-Werner Wichmanns. Foto: Polizei

Zu Einzelheiten hielt sich Polizeisprecher Mathias Fossenberger zurück. Denkbar wären zwei Mordfälle: Im August 1984 wurde eine Frau bei Zardau im Kreis Lüchow-Dannenberg erdrosselt und erstochen, im April 1989 starb eine Frau durch Messerstiche in den Hals. Polizeiintern heißt es, diese Morde verbinde man nicht mit dem Messer, aber ein anderes Tötungsdelikt im Bereich der Polizeidirektion.

Ungeklärte Tötungsdelikte auch im Raum Karlsruhe

Ebenso vage bleibt noch ein Satz der Pressemitteilung: „Bei einem weiteren Gegenstand liegen für die Ermittler ebenfalls neue Ansatzpunkte vor.“ Welcher Gegenstand und welcher Hinweis? Keine Auskunft. Nach LZ-Recherchen soll sich eine Frau aus dem Großraum Karlsruhe gemeldet haben, dort lebte Wichmann zeitweilig, auch dort gibt es ungeklärte Tötungsdelikte.

Wichmann gilt als verantwortlich an dem Mord an Birgit Meier, die im Sommer 1989 spurlos verschwand und deren Überreste im September 2017 durch ihren Bruder Wolfgang Sielaff und eine Expertenrunde von Kriminalisten und Gerichtsmedizinern unter der Garage Wichmanns gefunden wurden. Wichmann hatte sich 1993 das Leben genommen. Eine DNA-Spur verbindet ihn mit den sogenannten Göhrde-Morden im Sommer 1989. Damals wurden binnen Wochen zwei Paare nahe dem Forsthaus Röthen getötet.

Clearingstelle soll Hinweise bündeln

Sielaff, ehemaliger Chef des Landeskriminalamtes in Hamburg, hatte nach seiner Pensionierung angefangen, dem Schicksal seiner Schwester nachzuforschen. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten den Fall Meier zu den Akten gelegt. Sielaff listete mehr als 20 ungeklärte Mord- und Vermisstenfälle auf, bei denen Wichmann eine Rolle gespielt haben könnte. Es dauerte, bis die Polizei die Sache aufgriff. Inzwischen besteht eine Clearingstelle: Polizeidienststellen können Informationen abrufen beziehungsweise einstellen. So wird Wichmann bundesweit mit mehr als 230 Morden in Verbindung gebracht.

Die Polizei hat am 7. Mai Bilder von Asservaten ins Internet gestellt, um so Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten. Laut Polizei gab es in den darauf folgenden zwei Tagen mehr als 22 500 Zugriffe auf die Seite. Danach pendelten sich die Zugriffszahlen auf 200 bis 650 Zugriffe pro Tag ein.

Bedeutsamer Tag: 12. Juli 1989

Das Leben hält merkwürdige Zufälle parat: Heute vor 30 Jahren, am 12. Juli 1989, wurden die Leichen des Hamburger Ehepaars Reinold in der Göhrde gefunden. Zum gleichen Zeitpunkt schlug der Täter ein zweites Mal zu: Das Liebespaar Ingrid Warmbier aus Uelzen und Bernd Köpping aus Hannover wurden nur wenige Hundert Meter entfernt ermordet. Am selben Tag berichtet die Landeszeitung von einem Spitzentreffen der norddeutschen Kripochefs an der Ilme­nau. Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg sind vertreten. Von der Alster ist Wolfgang Sielaff gekommen. Er ist der Mann, der Jahrzehnte später die Ermittlungen zu den Göhrde-Morden wieder anstößt und als mutmaßlichen Täter Kurt-Werner Wichmann ins Spiel bringt.

Die neue Einheit

Polizei baut eine Cold-Case-Truppe auf

Die Ermittlungsgruppe Göhrde geht in einer Cold-Case-Einheit auf: Sie soll sich um ungeklärte Vermissten- und Mordfälle kümmern. Jürgen Schubbert leitet das aktuell siebenköpfige Team, das bei der für acht Landkreise zuständigen Polizeidirektion angesiedelt ist.

Die Polizeiinspektion Lüneburg hat zwei weitere Ermittlungsgruppen eingesetzt, auch bei diesen Morden könnte Wichmann als Täter infrage kommen: Die Hausfrau Ilse Gerkens wurde am 11. April 1968 im Tiergarten erschossen, als sie nach Hause radelte. Die Schülerin Ulrike Burmester wurde am 14. Mai 1969 vergewaltigt und getötet, ihre Leiche wurde später an der Elbe entdeckt. Kripo-Chef Steffen Grimme sagt: „Wir haben in beiden Fällen neue Hinweise.“

von Carlo Eggeling

 

Göhrde-Morde: Die Ereignisse in den Ermittlungen der letzten Monate:

Funde im Garten des Serienmörders

Neuer Chef, neue Strategie

Der Nachlass des mutmaßlichen Serienmörders

Dem mutmaßlichen Serienmörder auf der Spur

Polizei hofft auf Blutspritzer

Jeder Stein wird umgedreht

Welche Geheimnisse verbirgt das Haus?

Wieder ein Treffer bei den Göhrde-Morden

Gut ein Dutzend Hinweise für Lüneburger Polizei

Die Frage nach dem Warum bleibt

Birgit Meier wurde erschossen

Das lange Zögern der Ermittler bei den Göhrde-Morden

Der Trophäen-Sammler

Ein Serienmörder aus Lüneburg