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Renate und Hans Röhr haben für das Alter vorgesorgt, sie vermieten insgesamt drei Wohnungen: Mittlerweile bereut das Ehepaar diese Entscheidung, so groß ist der Ärger mit einem der Mieter. Foto: t&w

„Ich kann und ich will nicht mehr“

Barförde. Renate Röhr ist am Ende mit ihren Kräften, körperlich und psychisch. Sie sitzt in einem großen, ledernen Sessel, neben ihr steht ihr Rollator, auf dem Wohnzimmertisch stapeln sich Aktenordner. Sie sind gefüllt mit Protokollen, Anwalts- und Gerichtsschreiben, mit Briefen an die Politik, die die 63-Jährige verfasst hat, weil sie sich mehr Rechte für Vermieter wünscht und allein auf weiter Flur sieht.

Ihr Leben lang hat die Frau, die mit ihrem Mann Hans auf einem Bauernhof in Barförde lebt, auf ihr Rentner-Dasein hingearbeitet. „Ich habe 45 Jahre auf alles verzichtet, um mir das aufzubauen, was ich jetzt habe“, sagt sie und blickt hinaus in den Garten. „Zweimal haben wir Urlaub gemacht, einmal ging es zwei Tage zur Bundesgartenschau, das zweite Mal haben wir eine achttägige Reise nach Spanien gewonnen.“ Hans Röhr, der neben ihr auf dem Sofa Platz genommen hat, nickt. Auch er sieht mitgenommen aus.

Hohe Anwalts- und Gerichtskosten

Was als Altersvorsorge gedacht war, hat sich inzwischen zum reinen Wahnsinn entwickelt. Seit zweieinhalb Jahren streitet das Ehepaar mit einem ihrer Mieter. Die Anwalts- und Gerichtskosten gehen in die Tausende. Obwohl sich die Röhrs der Tatsache bewusst sind, dass günstiger Wohnraum heiß begehrt und schwer zu finden ist, sind sie mittlerweile so weit, dass sie Verständnis haben mit Eigentümern, die Wohnungen leerstehen lassen, um sich den Ärger zu ersparen. Sie finden: „Der Staat lässt die Vermieter im Regen stehen.“

250 Euro Rente erhält Renate Röhr im Monat, ihr Mann 500 Euro. In dem Wissen, dass es im Alter eng werden kann, haben die beiden vorgesorgt und aus dem im Jahr 1922 erbauten Haus, in dem die Barförderin einst mit ihrer Familie gelebt hat, eines für zwei Parteien gemacht und beide Wohnungen vermietet. Auf dem großen, idyllisch gelegenen Grundstück mit Wald, das sich in einem Ortsteil von Echem befindet, haben die Röhrs vor 20 Jahren dann noch einen Neubau hingesetzt – und ihn ebenfalls in die Vermietung gegeben.

Mieteinnahmen sollten Kredit schmälern

Abbezahlt sind die Grundschulden längst noch nicht. Die Mieteinnahmen sollten dazu beitragen, den Kredit Monat für Monat zu schmälern. Die Rechnung geht längst nicht mehr auf. „Wir drehen momentan jeden Cent um“, sagt Renate Röhr, der es aber auch wichtig ist, zu betonen, dass sie viele tolle Mieter hatte und auch immer noch hat.

Mieter, die ihr nicht vorgeworfen haben, die Wasserleitung manipuliert und Abrechnungen verfälscht zu haben. Mieter, die sie ins Haus gelassen haben, um Wasserstände abzulesen, die ihr nicht gedroht haben, sie anzuzeigen, oder sie nicht vor Gericht gebracht haben, weil sie nach 10 Jahren die Kaltmiete der 100 Quadratmeter großen Wohnung erhöhen wollte. „Gescheitert ist das Verlangen, weil es im Landkreis Lüneburg keinen Mietspiegel gibt. So hat es der Richter begründet.“

Einsatz für die Mieter

Renate Röhr hat danach nochmal versucht, zu erhöhen – von 500 auf 560 Euro. „Das hat mein Mieter abgelehnt, das wird wohl wieder vor Gericht gehen.“

Wer mit der Rentnerin spricht, sich die Belege ansieht, die sie in all den Jahren gesammelt hat, bekommt schnell ein Bild von ihr: Sie macht und tut für ihre Mieter. Für eine 70-Quadratmeter-Wohnung nimmt sie nicht mehr als 330 Euro, sie zückt das Portemonnaie, wenn die Küche nicht gefällt und der neue Mieter sich eine andere wünscht. Möchte ein junges Paar ein Kinderzimmer ausbauen, kauft sie das Material und schreibt der Familie monatlich einen Betrag gut. Und wird einer älteren Mieterin die Gartenarbeit zu viel, verleiht sie dauerhaft ihren Rasenmähertraktor.

Alle Vorfälle auf acht Seiten festgehalten

Ihr Credo: „Ich möchte mit meinen Mietern klarkommen, das habe ich mit viel Entgegenkommen immer geschafft. Wenn jemand mal die Miete nicht pünktlich zahlen kann, muss er mir das nur sagen. Dann kommt sie eben im nächsten Monat.“

Die „Problemwohnung“, wie Renate Röhr sie nennt, hat sie all das überdenken lassen. Auf acht Seiten hat sie die Vorfälle dokumentiert: Aufforderungen, Rechnungen zu begleichen und einen ungenehmigten Hühnerstall zu entfernen, Vermerke über auf dem Rasen entsorgte Asche oder einen Trecker, der so unter der Gemeinschaftswäscheleine abgestellt wurde, dass niemand mehr etwas aufhängen konnte.

Mieter droht mit Anzeige

Der Mieter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, widerspricht all dem auf Nachfrage. Einer Mieterhöhung stimme er nicht zu, „weil in den 13 Jahren, in denen wir hier wohnen, nichts gemacht worden ist in der Wohnung“. Dass diese vor dem Einzug grundsaniert, mit neuen Treppen und Bädern, einer neuen Küche, einer neuen Raumverteilung im Obergeschoss, Laminat und Fliesen ausgestattet wurde, erwähnt er nicht. Auch nicht, dass seine Familie unentgeltlich Wintergarten, Waschküche, Gemüsegarten, Garage, Autostellplätze und einen großen Keller nutzen darf.

Dass er nun angekündigt hat, Renate Röhr wegen Betrugs anzuzeigen, begründet er damit, dass sie ihm eine Nebenkostenabrechnung zugeschickt habe, die auf alten Wasserwerten basiere. „Sie mahnt immer wieder diese unkorrigierte Rechnung an und zeigt keine Belege vor. “ Dass sein Anwalt es der Vermieterin ausdrücklich gestattet hat, Garage, Keller und Waschküche zu besichtigen, um „technische Einrichtungen“ zu fotografieren, bestreitet er. Der LZ liegt das Schreiben vor. Der Mieter bleibt dabei: „Sie hätte die Räume betreten können, aber ohne Fotoapparat.“ Renate Röhr fragt sich derweil, wie sie ohne Fotos von den aktuellen Wasserwerten dem Wunsch ihres Mieters nachkommen soll.

Renate Röhr weiß sich nicht mehr zu helfen

Gefragt danach, ob er glaubt, etwas zu dem schlechten Verhältnis beigetragen zu haben, sagt er: „Ich bin der letzte, der Streit haben will. Ich habe nichts gemacht.“ Seine Sicht der Dinge: „Was die Vermieterin sich hier rausnimmt, ist unmöglich.“

Renate Röhr ist am Ende mit ihrem Latein. Sie sei es leid, „seine Unwahrheiten zu schlucken“. All ihre Versuche, sich von ihm zu trennen, seien gescheitert. „Was soll ich machen? Mit dem Rollator in Lüneburg demonstrieren gehen? Ich kann und will nicht mehr. Wenn all das ein Vermieter erdulden muss, dann kann ich jeden verstehen, der sich das nicht antun möchte. Diese paar schwarzen Schafe vermiesen den anderen Mietern das Image. Das ist schade.“

Verband gibt Tipps

Versicherung ist sinnvoll

Mieter sorgfältig auszuwählen und auf rechtlich geprüfte Verträge zurückzugreifen, das empfiehlt Peter Wegner. Der Landesvorsitzende des Verbands Wohneigentum, der in der Region Lüneburg 1900 Mitglieder hat, hört regelmäßig von Probleme, die Vermieter mit ihren Mietern haben. „Rechtsstreitigkeiten sind sehr oft die Zahlung der Miete, Kündigung des Mietverhältnisses, Mieter, die die Wohnung in einem Sauzustand verlassen, und das Rausklagen von Mietnomaden.“ Häufigster Grund einer Kündigung sei der Mietrückstand, sagt er. Weil solche Verfahren oft auch ins Geld gehen können, rät Wegner jedem Vermieter dazu, eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen.

von Anna Paarmann

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