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Alexander Schuris (v.l.), Doris Falinski und Sabine Wolf sind im Februrar gemeinsam ins Schuljahr gestartet und fühlen sich nun im Stich gelassen. (Foto: t&w)

Verkalkuliert?

Lüneburg. Kurz nachdem Doris Falinski ihren Schulvertrag in den Händen hielt, beantragte sie bei der Landesschulbehörde das Fördergeld, das angehenden Sozialpädagogischen Assistenten wie auch Erziehern in Aussicht gestellt wurde. Gesehen hat die 54-Jährige davon bislang nichts. Damit ist sie nicht allein: All ihren Mitschülern geht es so, das sind neun Frauen und Männer, die an der Grone-Schule in Lüneburg ihre Ausbildung absolvieren und sich unter der Voraussetzung, dass sie vom Land finanziell unterstützt werden, für diesen Weg entschieden haben.

Inzwischen hat Falinski, Mutter von zwei Kindern, ernsthafte Zweifel, ob sie und ihr Mann es sich leisten können, die 18-monatige Ausbildung zu finanzieren, um dann nochmal weitere drei Jahre für den Erzieher zu zahlen.

300

Tausend zusätzliche Erzieher werden nach Einschätzung der Bildungsgewerkschaft GEW bis 2025 bundesweit gebraucht.

„Ich habe das Gefühl, dass wir mit dem Geld gelockt wurden, weil viele Erzieher benötigt werden“, sagt sie und verweist darauf, dass Schätzungen zufolge in Niedersachsens Kitas Tausende Sozialassistenten und Erzieher fehlen. Sabine Wolf (38), sie pendelt aus Stöckte, und der Lüneburger Alexander Schuris (28) nicken, sie sind gemeinsam mit Doris Falinski im Februar ins Schuljahr gestartet. „Wir fühlen uns ziemlich hängen gelassen.“ Erst vor kurzem seien zwei Klassen entlassen worden – mit acht Monaten Wartezeit auf das Fördergeld, erzählt die Frau, die aus Stelle kommt und 32 Stunden in der Woche in einem Kindergarten in Winsen arbeitet.

Weil weder sie noch andere in ihrem Kurs eine Eingangsbestätigung oder eine Information über den Sachstand der beantragten Förderung erhalten haben, hat Falinski sich von einem Anwalt beraten lassen und mit seiner Hilfe Druck bei der Landesschulbehörde gemacht. Sie legt die Antwort des zuständigen Sachbearbeiters vor: Darin heißt es, dass die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel zu diesem Zeitpunkt bereits für ältere Anträge gebunden und daher weitestgehend ausgeschöpft seien. „Sollten jedoch Zuwendungsempfänger die Ausbildung abbrechen, würden so wieder Finanzmittel zur Verfügung stehen. Eventuelle so freiwerdende Mittel werden dann auf die vorliegenden Anträge verteilt.“ Und weiter: Mit einer Entscheidung, ob zusätzliche Haushaltsmittel bereitgestellt werden, sei spätestens bis zum Jahresende zu rechnen. Falinski sagt, dass den neuen Bewerbern für die Ausbildung zum Erzieher, die im August starten sollen, bereits mitgeteilt worden sei, dass keine Fördermittel mehr zur Verfügung stünden.

Die Grundvoraussetzung für die Unterstützung ist die, eine bezahlte Anstellung in einer entsprechenden Einrichtung mit mindestens zehn Stunden zu haben. Dann können die Sachausgaben, also zum Beispiel die Anschaffung von Büchern und Lehrmaterial, und das Schulgeld geltend gemacht werden. Zahlen müssen das all jene, die an einer Schule in freier Trägerschaft lernen. Eine solche ist die Grone-Schule, dort sind es insgesamt 317 Euro, die monatlich anfallen.

Was Falinski Sorgen bereitet: In der Richtlinie zur Ausbildungsförderung, erlassen wurde diese Ende Dezember 2017, heißt es: „Ein Anspruch auf Gewährung einer Zuwendung besteht nicht, vielmehr entscheidet die Bewilligungsbehörde aufgrund ihres pflichtgemäßen Ermessens im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel.“ Die scheinen nun ausgeschöpft zu sein.

Das möchten Falinski, Wolf und Schuris so nicht akzeptieren, sie haben ihre Kritik in einem offenen Brief niedergeschrieben und an Kultusminister Grand Hendrik Tonne (SPD) adressiert: Darin stellen sie die Frage, wieso Angebote der Förderung überhaupt unterbreitet werden, wenn sie doch nicht gewährleistet werden können. „Wir sind alle bereit, uns dieser Aufgabe zu stellen und haben uns entschieden, einen Berufswechsel zu wagen. Wir machen diese Ausbildung berufsbegleitend und haben uns für eine Fachschule in freier Trägerschaft mit Abendschule entschieden, um durch die bezahlte Arbeitszeit und mit Hilfe von Fördergeldern die Grundversorgung unserer Familien gewährleisten zu können“, ist darin zu lesen. Dieser Weg sei für viele kein leichter, „wir sind auf die Förderung angewiesen“.

Das sagt das Ministerium

Kein Geld mehr da

Das Kultusministerium hat auf Anfrage der LZ Stellung genommen. Darin heißt es unter anderem: „Nach der Richtlinie Ausbildungsförderung Kindertagesbetreuung wird die tätigkeitsbegleitende Ausbildung von Sozialpädagogischen Assistentinnen und Erzieherinnen gefördert. Gefördert werden Sachausgaben, die im Zusammenhang mit der Teilnahme an der Ausbildung entstehen.

Diese Förderung stellt eine freiwillige Leistung des Landes dar. Daraus folgt, dass ein Anspruch auf eine Bewilligung des gestellten Antrags nicht bestehte, sondern eine Bewilligung bisher nur dann möglich ist, wenn noch Haushaltsmittel zur Verfügung stehen. Derzeit liegen 1003 Anträge auf Gewährung einer Zuwendung vor. 523 wurden bewilligt, 61 Anträge abgelehnt, 63 Anträge zurückgezogen. Aufgrund der hohen Anzahl der Anträgen sind die bislang zur Verfügung gestellten Haushaltsmittel bedauerlicherweise verbraucht.“ Das Land wolle aber weitere Mittel im Rahmen des Etats 2020 bereitstellen.

Von Anna Paarmann