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Die „Mut zu Reden Tour“ der beiden Wittinger Schüler Mark Bialas und Merlin Meyer (l., beide mit Helm) hat auch in Lüneburg einen Halt eingelegt. Darüber freuen sich (v.l.) Bürgermeisterin Christel John, Reiko Marx, Ulrike Naumann, Peter Schorn, Dr. Alexander Naumann und Ergotherapeut Shane Downs mit Hündin Minna. Foto: tonwert21.de

Mehr Mut zum Reden

Lüneburg. „Es ist Zeit, dass die Menschen offen sprechen und den Mut aufbringen, das Schweigen zu brechen.“ Mit diesem Appell wandten sich Mark Bialas und Merlin Meyer an die Gäste, vor denen sie in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) sprachen. Die beiden 14-Jährigen waren eingeladen, von ihrer Beteiligung an dem Projekt „Mut zu reden“ zu berichten. Seit Tagen sind sie dafür mit dem Fahrrad in Niedersachsen unterwegs, jetzt machten sie Station in Lüneburg.

Junge Menschen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen, das ist das Ziel, mit dem sich die beiden Schüler aus Wittingen sprichwörtlich auf den Weg gemacht haben. Vor knapp zwei Wochen starteten die beiden Jungs in Goslar, von dort ging es über Wolfenbüttel, Braunschweig und Wolfsburg zunächst nach Gifhorn. Am Tag ihrer Ankunft in Lüneburg waren sie am Morgen in Uelzen gestartet und hatten den Weg über Melbeck gewählt – wie immer mit dem Fahrrad.

Schüler konnten Jury überzeugen

Die Idee zu ihrer „Mut zu reden Tour“, wie sie ihr Projekt nennen, haben sie von dem Wolfsburger Verein World Youth Expedition übernommen. Kern der Arbeit des Vereins ist es, Schüler zu Eigenverantwortung, Mut und Kreativität zu bewegen und sich mit einem eigenen Projekt zu engagieren. Eine Jury bewertete die eingereichten Projekte, aus dem die beiden Wittinger Schüler letztlich als Sieger hevorgingen. Sich daran zu beteiligen, diesen Entschluss hatten Mark und Merlin gefasst, nachdem Joachim Franz, Vorsitzender des Vereins, die Schule in Wittingen besucht und die Schüler zum Mitmachen eingeladen hatte.

Im Rahmen eines viertägigen Workshops kristallisierte sich schnell heraus, welchem Thema sie sich mit ihrem Projekt widmen wollen: Depression. Beide waren selbst davon im familiären Umfeld betroffen, Familienangehörige seien wegen Depressionen sogar freiwillig aus dem Leben geschieden. „Wir haben uns die Frage gestellt, ob wir mit diesen Erfahrungen allein sind“, berichteten die beiden vor ihrem Lüneburger Publikum. Doch beiden sei schnell klar geworden, „dass wir es definitv nicht sind“.

„Oft vorherrschenden Leistungsdruck“

Intensiv recherchierten sie zu dem Thema, stellten fest, dass jeder aus verschiedensten Gründen davon betroffen sein könne. Schnell sei ihnen daher klar geworden, selbst etwas zu unternehmen. „Reden hilft“ war die wesentliche Erkenntnis, die sie gewannen, „doch dazu braucht man Mut“. Damit war für beide auch der Name der Tour gefunden: „Mut zu reden“.

Bürgermeisterin Christel John würdigte den Einsatz der beiden Schüler. In ihrer Rede bezog sie auch die Gesellschaft und den „oft vorherrschenden Leistungsdruck“ mit ein. Vielen falle es schwer, Schwächen offen zu zeigen und Hilfe anzunehmen. Mark und Merlin hätten genau aus diesem Grunde agiert und durch ihre Tour Stärke gezeigt und ein wichtiges Zeichen gesetzt, lobte John.

„Schulbildung ist wichtig, während der Pubertät ist aber noch mehr zu tun“, sagte Reiko Marx vom Verein World Youth Expedition, der ebenfalls nach Lüneburg gekommen war. Er hob hervor, dass Mark und Merlin das Projekt ganz allein auf die Beine gestellt hätten. Sein Vorstandkollege Peter Schorn fügte hinzu, dass der Verein neben der finanziellen Unterstützung die beiden auch als Art Coaches begleitet, Merlin und Mark aber die Hauptakteure seien.

Auch Schulen sind gefordert

„Der Verein hat uns das Grundgerüst zur Verfügung gestellt, und wir konnten die Mauersteine ausbauen“, erklärten die beiden Schüler. Aufmerksamkeit, Vorbildfunktion, Öffentlichkeitsarbeit und Offenheit seien vier dieser Mauersteine in dem Gerüst, sie beschreiben, was die beiden Jungs antreibt.

Merlin, der in seiner Freizeit zahlreiche Aktivitäten betreibt, und der vor allem an Politik und Technik interessierte Mark haben nach eigenen Aussagen viel Zeit in ihr Projekt gesteckt, dabei aber auch zahlreiche Unterstützung von Dritten erhalten.

Während des Workshops erarbeiteten die beiden das Konzept und die Organisation, beides mussten sie am Ende der Jury präsentieren. Merlin und Mark haben zwar gewonnen, aber „wir fühlen uns nicht wie Gewinner, sondern wir freuen uns über die Chance, das Ganze umzusetzen“, sagen sie. Beide sind der Meinung, dass Selbstmord das Schlimmste sei, es aber gar nicht so weit kommen müsse, wenn es die Chance zu reden und Austausch gebe.

Häufig dominierten Klischees

Dr. Alexaner Naumann, Chef der Kinderklinik in der PKL, und Physiotherapeutin Ulrike Naumann zeigten sich beeindruckt von dem Konzept und dem Engagement der 14-Jährigen und lauschten aufmerksam den Ausführungen der beiden.

Merlin und Mark sind auch in den sozialen Netzwerken aktiv. Hier hätten sie erkannt, dass immer mehr Zeit in den Medien „zu immer weniger Gesprächen führt“. Dabei sei Austausch wichtig, „je früher, desto besser“. Auch Schulen müssten mehr zur Entwicklung der Persönlichkeit ihrer Schüler tun, darüber waren sich alle einig. Depressionen seien so „normal“ wie andere Krankheiten auch, häufig dominierten jedoch Klischees, denen entgegenzuwirken sei.

Von Daniel Behrends

Depressionen

Millionen Erkrankte

Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen. Die Dunkelziffer ist nach Ansicht von Experten hoch. Und nur ein Drittel der Erkrankten ließe sich behandeln. Die Gründe für Depressionen können ganz verschieden sein, ob Tod von Familienmitgliedern, Erfahrungen mit Scheitern oder Ängsten. Jeder kann unabhängig vom Alter von Depressionen betroffen sein, das Krankheitsbild ist aber immer recht ähnlich: Häufig ziehen sich Betroffene zurück und meiden soziale Kontakte. Sie bauen symbolisch gesehen eine Mauer um sich, die es bei der Behandlung zu durchbrechen gilt. Der Verein World Youth Expedition unterstützt Maßnahmen und Projekte unter anderem für Mobilität, Unterkünfte oder Netzwerke, um Kontakt zwischen Betroffenen zu ermöglichen. Spenden sind willkommen.