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Mit Nackenstütze auf dem Sofa: Wochenlang konnte Athletin Hanna Loos ihr Wohnzimmer nur für kleine Runden um den Block verlassen. Beim Fahrradunfall vor der Haustür hatte sie sich schwer verletzt, die Wettkampf-Saison läuft erst einmal ohne sie. Foto: t&w

Wenn Frust zum Begleiter wird

Wer seinen Sport mit Leidenschaft betreibt, dürfte das kennen: Eine Erkältungspause im Trainingsplan gleicht schon einer Katastrophe. Was aber, wenn Krankheit o der Verletzung Sportler wochenlang ausbremsen, Wettkampfträume platzen lassen oder ganz zum Karriereende zwingen? Wie gehen ambitionierte Sportler aus der Region damit um, welche Gedanken quälen sie, wie motivieren sie sich? Wir stellen einige Pechvögel in einer Serie vor, mit der wir heute starten.

Lüneburg. Es sollte ihre Saison werden. Ein Jahr lang hatte sich Hanna Loos voll aufs Laufen konzentriert. Kein Alkohol, keine fetten Speisen, früh nach Hause von Feiern, um ja fit zu sein fürs Training am nächsten Tag. „Ich habe dem Sport alles untergeordnet und einen krassen Ehrgeiz entwickelt, weil ich so richtig einen raushauen wollte“, erklärt die Athletin von der LG Lüneburg. Eine Zeit von 10:10 Minuten waren angepeilt für den ersten Wettkampf über 3000 Meter Anfang Mai. Doch zwei Tage vor dem Start kam alles anders. Nur 100 Meter vor der Haustür knallte die 27-Jährige über ihren Fahrradlenker und kam mit dem Gesicht auf der Straße auf.

Sportlerin durch und durch

Wie es genau passiert ist, weiß sie nicht – vermutlich war sie vom Bürgersteig abgerutscht. „Ich dachte nur sofort, dass die linke Seite komplett Matsch ist.“ Notarzt und Rettungswagen mussten kommen. Im Lüneburger Krankenhaus dann die Diagnose: Kieferbruch, Risswunde am Kinn, Backenzahnfraktur, Schädelhirn- und Bauchtrauma. Erst hier registrierte sie endgültig, was passiert war – und schickte zuerst Trainer Steffen Brand noch von der Intensivstation eine Sprachnachricht, um sich für den Wettkampf abzumelden. Aufgrund der Kieferverletzung war sie kaum zu verstehen. „Wenn ich mir das jetzt anhöre, kann ich nicht glauben, dass ich das in dieser Situation gemacht habe.“ Sportlerin eben, durch und durch.

Eine Kiefer-OP im Uni-Klinikum Eppendorf in Hamburg folgte – und kurz vor der Verlegung auch der erste Nervenzusammenbruch. „Ich war wütend, habe geweint, weil ich nicht an der Startlinie stehen konnte.“ Bald zehn Wochen ist das her, eine zermürbende Zeit für Hanna Loos. Statt auf der Tartanbahn ans Limit zu gehen, arbeitete sie mit Physiotherapeuten Schritt für Schritt an ihrer Fitness.

Keine Kraft für das Ergometer

Anfangs bekam sie hier die Realität gnadenlos zu spüren. „Das Ergometer ging aus, weil ich zu langsam war, ich hatte null Kraft.“ Kleine Runden ums Haus wurden schon zur Herausforderung für die Athletin, Frust und Ungeduld ihre Begleiter. „Als Sportler ist man ein Machertyp und keiner, der den ganzen Tag rumliegt. Wir haben ja eine große Umdrehungszahl, die wir fahren.“

An die wird sie jäh erinnert, wenn die nächsten Wettkampftermine in ihrem Smartphone aufploppen. „Dann überlege ich schon, welche in dieser Saison noch realistisch sind, und studiere Ergebnislisten akribisch vom Sofa aus“, ertappt sich die Lüneburgerin und lässt ihren Blick zu den vielen Genesungskarten schweifen, die aufgereiht im Wohnzimmer stehen. Antrieb für eine, die eigentlich immer für andere die Motivationskanone ist. Doch diese kleinen Fortschritte spornen Hanna Loos an: Wenn ihr Team beim Bahntraining Gas gibt, kann sie sich hinten einreihen. „Was vor dem Unfall so mühelos lief, muss ich mir nun wieder hart erarbeiten.“

Suppe und Brei konnte sie endlich von ihrem Speiseplan streichen, der Kiefer kommt inzwischen mit festerer Nahrung klar. „Fleisch und knuspriges Brot aber gehen immer noch nicht.“ Einige Kilos hat die Lüneburgerin deshalb seit dem Unfall verloren. „Auch daran arbeite ich“, sagt sie zuversichtlich und freut sich nun über die Wiedereingliederung in ihren Beruf als Ergotherapeutin. „Endlich wieder einen strukturierten Alltag zu haben, danach habe ich mich wirklich gesehnt.“

Von Kathrin Bensemann