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Anschauungsunterricht im Kornfeld: Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast lässt sich von Jochen Hartmann die Vorteile von Untersaaten für die Biodiversität auf Ackerböden erläutern. Foto: t&w

Das Bio-Paradebeispiel

Lüneburg. Hohen Besuch aus Hannover haben am Donnerstag Hilke und Jochen Hartmann in Rettmer empfangen. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Ki nast hatte sich im Rahmen ihrer Sommertour auf dem Hof über die Arbeit des Betriebes als Teil des Projekts F.R.A.N.Z. zur Verbesserung der Artenvielfalt informiert.

Beeindruckt zeigte sich die Ministerin von den Maßnahmen, die der Hof zur Förderung der Artenvielfalt in der Landwirtschaft bereits eingeleitet hat, sei es durch Schaffung von Blühstreifen oder Beimischung von Untersaaten auf dem Feld oder auch, indem Felder einfach unbestellt bleiben. Eingebettet sind diese Maßnahmen in das auf zehn Jahre angelegte Projekt F.R.A.N.Z. (Für Ressourcen, Agrarwirtschaft, & Naturschutz mit Zukunft) unter Federführung der Michael Otto Stiftung für Umweltschutz in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bauernverband. Ziel des Projekts ist es, die erprobten Naturschutz-Maßnahmen schließlich in Förderprogramme zu gießen und damit auf möglichst vielen Feldern Lebensräume für wildlebende Tier- und Pflanzenarten zu schaffen.

Naturschutz kein Selbstzweck

Ein „Weiter so“ in der Landwirtschaft dürfe es nicht geben, erklärte die Ministerin. „Der Klimawandel und die biologische Vielfalt werden für die Landwirtschaft eine große Herausforderung bleiben.“ Allerdings dürfe Naturschutz in der Landwirtschaft kein Selbstzweck sein, „Sie müssen damit auch noch Geld verdienen.“ Dass „Bio aber auch Spaß machen kann“ und Spaß der „Schlüssel zum Erfolg“ sei, beweise das Ehepaar Hartmann. „Ihr Hof ist ein Paradebeispiel dafür.“

Als im Ansatz richtig, aber noch nicht breit genug aufgestellt, bezeichnete Hans-Heinrich Ehlen, Vorsitzender der Stiftung Kulturlandpflege und früherer Landwirtschaftsminister, das angeschobene Projekt. Das Interesse an Förderprogrammen für mehr Biodiversität sei vorhanden, allein in seiner Stiftung gebe es 270.000 Grundstückseigentümer, die es mitzunehmen gelte. „Aber Programme müssen plausibel und einfach umsetzbar sein und dürfen Landwirte nicht in einer Papierflut untergehen lassen.“

„Das wäre kein kluger Weg“

Mehr Flexibilität bei der Umsetzung forderte Albert Schulte to Brink, Präsident des niedersächsischen Landvolks. Gleichwohl sieht auch er beim Thema Artenschutzförderung viel Zustimmung, aber auch klare Erwartungen: „Die Landwirte stehen Gewehr bei Fuß.“

Forderungen auch nach ordnungsrechtlichen Maßnahmen erteilte Ministerin Otte-Kinast indes eine Absage. „Alles, was wir vorschreiben, macht Landwirten keinen Spaß. Das wäre kein kluger Weg.“ Ihre Erfahrung zeige, dass es in Niedersachsen „viele Hartmanns“ gebe, „aber wir dürfen sie nicht gängeln“. Die von der Landesregierung gesteckten Ziele seien nur mit und nicht gegen die Landwirte zu erreichen. In diesem Sinne habe sie im Mai die „Niedersächsische Ackerbaustrategie“ auf den Weg gebracht, mit der Fragen wie die Stärkung der Fruchtbarkeit des Bodens oder der Beregnungsbedarf in Folge des Klimawandels oder auch die gesellschaftliche Akzeptanz des Ackerbaus betrachtet werden sollen.

Ziele nur gemeinsam mit Landwirten zu erreichen

Der Besuch des Hofes habe ihr verdeutlicht, dass vieles schon gehe wie der Getreideanbau ohne Düngung und Herbizide. Jetzt gelte es, „mutiger zu werden und die vielen neuen Ideen in Netzwerken auszutauschen“.

Das war auch im Sinne von Jochen Hartmann. Gleichwohl gebe es aus seiner Sicht noch viel zu tun, etwa beim Thema Verbleib von Ausgleichsflächen in der Landwirtschaft. Wenn neue Baugebiete erschlossen oder Autobahnen gebaut werden, dürfe das nicht zu Lasten der Landwirtschaft gehen. „Die Wertschöpfung muss beim Landwirt bleiben.“

Dass dies auch mit den Zielen der Biodiversität verbunden sei, machte er an einem erfreulichen Ereignis deutlich: „Nach Jahren gab es jetzt endlich wieder Nachwuchs bei Rebhühnern, zwölf gesunde Küken habe ich kürzlich an einem der Blühstreifen entdeckt.“

Von Ulf Stüwe