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Jana Warnck ist in diesem Bauwagen zu Hause, Sven Schupp lebt ebenfalls in einem solchen Zimmer auf Rädern. Beide hoffen auf Gesetzesänderungen, die Wohnformen wie den Bauwagen zulassen. Foto: t&w

Wo das Leben im Bauwagen an seine Grenzen kommt

Lüneburg. Vier hölzerne Stufen führen ins 16 Quadratmeter große Reich von Jana Warnck. Was sich nach wenig anhört, ist in Wahrheit ein Platzwunder. Links ein kleiner Schreibtisch, daneben ein Kamin, Regale, ein Sofa aus Holz, rechts Kleiderstange, Schuhregal und ein Hochbett mit reichlich Stauraum darunter. Unter dem Bauwagen und ringsherum wuchern Blumen und Kräuter. Die Naturnähe ist es, die die 32-jährige Studentin an dieser Wohnform so schätzt. „Ich verlasse den Wagen und bin draußen.“

Im wenige Meter entfernten Haus stehen ihr Küche, Wohnzimmer, Esszimmer, Bäder und ein Büro zur Verfügung. Die Gemeinschaftsräume teilen sich neun Erwachsene und Mana (2). Sie alle sind Teil des Wohnprojekts „Unfug“, das seit rund eineinhalb Jahren an der Konrad-Adenauer-Straße existiert. Ob es weiter in dieser Form bestehen kann, ist unklar. Für Probleme sorgen die sechs Bauwagen, die auf dem Grundstück stehen. Die Stadt hat Bedenken angemeldet.

Anstelle von zwei Personen leben dort jetzt neun

Im August 2017 hat die Gruppe das Haus auf dem 2300 Quadratmeter großen Grundstück in Kaltenmoor gefunden – und ziemlich schnell gemerkt, dass es in ihr Konzept passen könnte. „Vorher haben hier zwei Personen gelebt“, sagt Warnck und umreißt kurz, welche Arbeiten nötig waren, um aus dem Objekt eines zu machen, das als Wohnprojekt taugt. „Wir haben viel Zeit mit dem Garten verbracht, der war dicht bewachsen.“ Und auch Erd- und Schotterhügel waren nicht unbedingt bauwagenfreundlich. Denn die Häuser auf Rädern gehörten von Minute eins an zum Konzept des Projekts.

„Uns war nicht klar, dass das so ein Stress wird“, sagt Sven Schupp (25), er bewohnt einen Bauwagen etwas weiter hinten im Garten. „Wir schaffen Wohnraum, wo vorher keiner war – ohne, dass dafür Flächen versiegelt werden müssen. Ich finde, das ist verdammt großartig und erstrebenswert.“ Zudem ermögliche das Zusammenspiel aus Gebäude und Bauwagen für alle eine günstige Miete, ein wichtiger Faktor in einer Gruppe, die sich größtenteils aus Studenten zusammensetzt.

Die Stadtverwaltung hat von den Wohnanhängern zufällig erfahren: Im Herbst vergangenen Jahres war das Bauamt vor Ort, um sich eine andere Baustelle anzusehen. „Bei der zweiten Begehung im Frühjahr wurden dann die Bauwagen beanstandet und Fotos gemacht“, erzählt Jana Warnck. „Danach haben wir angefangen, uns ernsthaft Sorgen zu machen, und die Stadt um ein Gespräch gebeten.“ Dazu kam es Ende Juni.

Gesetzliche Abstände werden nicht eingehalten

Die Argumentation des Bauamts fassen Warnck und Schupp so zusammen: In einem Bauwagen zu wohnen, sehe die Niedersächsische Bauordnung nicht vor. Sie seien als feste Bauten zu werten und damit genehmigungspflichtig. „Das ist eine Grauzone, schließlich ist ein solcher Wagen ja mobil“, hält das Duo dagegen. Weil Wagenplätze in Lüneburg eine lange Historie haben, habe man sich als Gruppe damals keine Gedanken darüber gemacht.

Auf Nachfrage weist die Stadt auf weitere Hürden hin: „Die Bauwagen halten an der jetzigen Stelle weder den vorgeschriebenen Abstand untereinander noch den vorgeschriebenen Abstand zur Grundstücksgrenze ein“, sagt Pressesprecher Sebastian Koepke-Millon. Hinzu käme, dass das Grundstück planungsrechtlich im „Außenbereich“ liege, es müsste also eine land- oder forstwirtschaftliche Nutzung vorliegen, um dort Bauten aufstellen zu dürfen, die keine Ergänzung oder Erweiterung des Haupthauses darstellen.

Ob sich ein Kompromiss finden lässt? „Wir sind mit den Anwohnern im Gespräch.“ Ihnen sei angeboten worden, das Haus durch einen Anbau zu erweitern. „Auch denkbar ist die Aufstellung der Bauwagen auf einem dafür baurechtlich geeigneten Grundstück.“

„Die Zahl der Menschen wird stetig größer“

Jana Warnck sieht mit der sich andeutenden Absage an die Anhänger zumindest Teile des Konzepts auseinanderbrechen. „Unser Selbstverständnis enthält auch das Bauwagen-Leben. Uns war klar, dass wir kein Haus finden werden, das ausreichend Platz für uns alle bietet.“ Sie appelliert an die höhere Entscheidungsebene: „Dass es von der Landesgesetzgebung her nicht geregelt ist, stellt uns und die Stadt vor Probleme.“ Die Zahl der Menschen werde stetig größer, die verfügbare Fläche kleiner. Angesichts dieser Entwicklung führe an neuen Lösungen kein Weg vorbei. „Das sollte auf politischer Ebene gelöst werden“, sagt sie und führt auch die immer populärer werdende Tiny-House-Bewegung als Argument an.

Nachgefragt beim Bauministerium, ob es Überlegungen in die Richtung gibt, teilt Pressesprecherin Justina Lethen mit: „Wir brauchen mehr bezahlbaren Wohnraum – nicht nur in Ballungsräumen. Deshalb hat auch das Bündnis für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen empfohlen, eine Nachverdichtung durch den Einsatz von Wohnboxen oder ähnlichen Konzepten in Form von Modellversuchen zu erreichen.“ Diesem Thema stehe man sehr aufgeschlossen gegenüber, allerdings seien derzeit keine Gesetzesänderungen geplant.

Von Anna Paarmann

Hintergrund

Mietshäuser Syndikat

Zum Modell, in dem das Wohnprojekt „Unfug“ organisiert ist: Die Bewohner entscheiden über alle Belange des Hauses, sind aber nicht dessen Eigentümer. Dieser ist vielmehr die besitzende GmbH, deren Gesellschafter zum einen der Verein „Unabhängig, frei und gemeinsam wohnen“ (Unfug) ist, zum anderen auch das Mietshäuser Syndikat werden soll. Während der Verein bereits Mitglied in diesem Verbund aus 144 Projekten und 16 Initiativen ist, steht die Aufnahme der GmbH noch aus. Dem Syndikat anzugehören, heißt auch, das Haus zu sichern und damit zu verhindern, dass es zum Spekulationsobjekt wird. Ein Wohnprojekt kann somit dauerhaft bestehen bleiben, selbst wenn Bewohner aus- oder einziehen. In der Lüneburger Gruppe musste sich niemand mit seinem Privatvermögen einbringen – auch um Hierarchien zu vermeiden. Abwickeln konnte die Unfug-Verwaltung GmbH den Hauskauf, weil sie Direktkredite von Privatpersonen eingeworben und Geld von der Bewegungsstiftung erhalten hat. Das Eigenkapital machte es möglich, dass die Bank einen größeren Kredit gewährte. Getilgt wird dieser durch die Miete. Wer wie viel zahlt, hat sich aus einem Finanzplan ergeben, den die Bewohner erstellt haben. Erklärtes Ziel des Wohnprojekts ist es, günstigen Wohnraum zu schaffen und kein exklusiver Kreis zu sein. ap