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Markus Weinberg hat seinen Film „Die Mission der Lifeline“ jetzt im Scala-Kino präsentiert. Foto: t&w

Das Drama auf dem Mittelmeer

Lüneburg. Eigentlich wollte er nur einen Artikel über einen Spendenaufruf von Axel Steier schreiben, den Mitbegründer, Vorsitzenden und Sprecher des Vereins Mission Lifeline. Doch dann schaute der Filmemacher und Journalist Markus Weinberg genauer hin und entschloss sich, den Einsatz Steiers und weiterer Helfer für Geflüchtete filmisch zu dokumentieren – zwei Jahre lang. Das Ergebnis ist der Film „Die Mission der Lifeline“, er zeigt die Gruppe Dresdner, die gegen viele Widerstände ein Schiff ins Mittelmeer brachten, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Jetzt war der Film im Lüneburger Scala-Kino zu sehen. Filmmacher Weinberg präsentierte ihn dort persönlich und sprach mit dem Publikum über seine Erfahrungen bei dem Projekt.

Projekt stößt nicht überall auf Gegenliebe

Axel Steier und das Team des Dresdner Seenotrettungsvereins hatten für ihr Projekt erfolgreich Spenden gesammelt. In ihrer Heimatstadt stießen sie dabei nicht nur auf Nächstenliebe. Neben öffentlichem Hass sahen sie sich Angriffen, Ermittlungen und Prozessen ausgesetzt. „Ich war die Jahre zuvor auf der Balkanroute unterwegs und habe Geflüchteten geholfen. Zum ersten Mal habe ich gesehen, was Seenot wirklich bedeutet. Das war für mich der entscheidende Beweggrund, mir wurde klar: ‚Ich muss mehr tun‘“, erzählt Axel Steier, wie es im Mai 2016 zur Gründung des Vereins „Lifeline“ kam. Über Facebook und Twitter wurden Spenden gesammelt. Es habe mehr Zeit in Anspruch genommen als gedacht, bis genug für die Mission zusammenkam. Im August 2017 wurde das Schiff gekauft, damit konnte die Crew in See stechen.

Auf dem Meer sahen die Helfer Boote voller Schutzsuchender, die vor aller Augen zu sinken begannen. Und sie gerieten unter Beschuss durch libysche Milizen. Vor der libyschen Küste habe sich der Versuch, Leben zu retten, zunehmend auch zu einem Kampf um die europäische Idee entwickelt. So sei immer wieder deutlich geworden, dass auch Europa selbst die libysche Küstenwache benutze, um Kriegsflüchtige fernzuhalten, sagt Weinberg. Kinder, Frauen und Männer, die alles zurückließen, um ihr Leben zu retten.

Kapitän wurde vor Gericht gestellt

Internationale Bekanntheit erlangte die Mission Lifeline, als das Schiff im Juni 2018 mit 234 geretteten Menschen an Bord tagelang einen Hafen suchte, weil sich kein Mittelmeeranrainerstaat dazu durchringen konnte, der Crew das Anlegen zu erlauben. „Die EU will keine Zeugen für das Drama auf dem Mittelmeer. Sie will verhindern, dass wir sehen, wie die Menschen dort sterben“, erklärte der Verein auf seiner Internetseite. Das Schiff wurde schließlich von der Inselregierung Maltas beschlagnahmt, der Kapitän vor Gericht gestellt.

Die Mission der Lifeline war damit nicht beendet. Der Appell an die Politik lautet unverändert: „Seenotrettung ist eine Pflicht! Es handelt sich dabei um ein Gebot der Menschlichkeit und sie ist im internationalen Seerecht verankert. Mit allen Mitteln werden Menschen von der Flucht abgehalten, selbst wenn sie dabei ertrinken. Das lassen wir nicht zu“, sagen die Mitglieder von Mission Lifeline aus Überzeugung. „Dass die Rettungsschiffe nicht auslaufen dürfen, ist ein Akt politischer Willkür. Dass dadurch noch mehr Menschen sterben, ist unerträglich“, ist von Claus-Peter Reisch, Kapitän der Lifeline, zu hören.

Lüneburgs Verpflichtung als alte Hansestadt

Auch Lüneburg ist aufgerufen, zu helfen. „Migration ist und war schon immer Teil unserer Gesellschaft. Anstatt dass die Grenzen dicht gemacht werden, brauchen wir ein offenes Europa und sichere Häfen“, sagt Adriana Raczykowski, Mitglied der Initiative Seebrücke Lüneburg. Lüneburgs Stadtrat hatte sich erst in diesem Jahr dagegen entschieden, sich dem Städtebündnis für einen „Sicheren Hafen“ anzuschließen. Viele Städte in Europa, auch in Deutschland, haben sich bereits solidarisiert und angeboten, in Seenot geratene Menschen aufzunehmen. Die SPD-Fraktion im Rat stimmte jedoch dagegen – mit der Begründung, dass die Hansestadt die Aufnahmequote bereits seit längerem übererfüllt habe.

Adriana Raczykowski hält dagegen: „Die Stadt trägt eine alte Hansepflicht, die seit dem 14. Jahrhundert besteht und die Rettung von Schiffbrüchigen zur Pflicht für alle Schiffe und Matrosen macht. Gerade Lüneburg als Hansestadt stände es daher gut zu Gesicht, dieser Pflicht nachzugehen und als weltoffene, humane und vielfältige Stadt einzustehen.“

Von Malin Mennrich