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Der abgestürzte Segelflieger ist am Sonntag in Lüne-Moorfeld in einen Gartenzaun gekracht. (Foto: be)

„Das ist Aktionismus“

Lüneburg. Der Absturz eines Segelflugzeuges über bewohntem Gebiet in Lüneburg hat umgehend Diskussionen über die Zukunft des Flugplatzes ausgelöst. Und über Aktionismus. Und Populismus.

Der Luftsportverein Lüneburg steht ohnehin schon mit dem Rücken zur Wand. Die Stadt will den Pachtvertrag über Ende Oktober 2020 hinaus nicht verlängern. Und nicht wenige Gegner des Flugplatzes dürften sich bestätigt sehen in ihren Sicherheitsbedenken.

„Wir sind sehr froh, dass kein Anwohner von den Wrackteilen getroffen und verletzt oder gar getötet worden ist und es den Piloten den Umständen entsprechend ganz gut geht“, sagt Richard Meier. Der 1. Vorsitzende des Luftsportvereins betont aber auch: Eine solche Kollision in rund 1000 Metern Höhe sei extrem selten.

Bereits am Abend trafen sich Vereinsmitglieder, um darüber zu beraten, ob „wir irgendetwas ändern oder besser machen können“. Für Meier steht aber fest: „Verhindern lässt sich ein solches Unglück letztlich aber leider nicht.“

Unfall hat nichts mit Flugplatz-Betrieb zu tun

Für die Aussage des Lüneburger Oberbürgermeisters hat er eher wenig Verständnis. Ulrich Mädge hatte am Vortag betont: „Der Unfall zeigt, dass wir mit unserer Entscheidung richtig liegen, dass wegen der Gefahr für die Menschen in den Wohngebieten im Osten Lüneburgs der Flugplatz geschlossen werden muss. Wir werden die Luftfahrtbehörde auffordern, keinen Flugbetrieb von Segelfliegern oder Motorsportflugzeugen über dem bewohnten Stadtgebiet mehr zuzulassen und das möglichst mit sofortiger Wirkung.“

Aus Meiers Sicht hat der Unfall nichts mit dem Betrieb des Flugplatzes Lüneburg zu tun, auch wenn die Segelflieger von hier gestartet seien. Es habe sich um einen Streckenflug gehandelt. Die Flieger hätten auch von einem anderen Flugplatz kommen können. Und: Wenn ein Motorflugzeug in Lüneburg startet und in Frankfurt abstürzt, würde ja auch nicht der Lüneburger Flugplatz geschlossen.

Wenig Verständnis für Mädges Äußerung haben auch einige Politiker. Frank Soldan (FDP) sprach von Aktionismus. Und Mädges Parteigenosse Jens-Peter Schultz, Stadtratsmitglied und Ochtmissener Bürgermeister, reagierte per Facebook: „Was wir alle nicht wollen. In HH startet ein Flieger und stürzt hier ab. Wird dann der Flughafen Hamburg den Flugbetrieb auf Dauer einstellen müssen? Auf der Bahnstrecke entgleist ein Zug. Wird dann die Bahnstrecke auf Dauer gesperrt? Auf der Ilmenau kommt es zu einem Paddelunfall. Wird dann die Ilmenau gesperrt? Ich gebe Frank Soldan recht, dass das Aktionismus ist.“

Kritik kommt auch vom CDU-Bundestagsabgeordneten Eckhard Pols: „Wichtig bei diesem Unglück ist festzuhalten, dass die Kollision der zwei Segelflugzeuge über Lüneburg hätte genauso passieren können, wenn die Segelflieger von den Flugplätzen wie Uelzen, Lüchow oder Uetersen gestartet wären. Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Flugplatz Lüneburg besteht nicht. Zumindest nicht, solange das Luftfahrtbundesamt die genaue Ursache geklärt hat. Hier gleich von einer, sogar vorzeitigen, Schließung unseres Flugplatzes zu sprechen, ist populistisch und wird der Sache nicht gerecht. Wer jetzt so vorschnell etwas fordert, stellt den gesamten Segelflug infrage und somit jeden Flugplatz.“

Oberbürgermeister weist Kritik zurück

Den Vorwurf des Populismus weist Ulrich Mädge weit von sich: „Ich bin nicht populistisch. Ich bin zuständig für die Sicherheit von 80 000 Menschen.“ Mädge stellt klar, dass „wir an einer Katastrophe vorbeigeschrammt sind“. Das Wrack hätte auch auf das vollbesetzte Freibad Hagen stürzen können. „Ich möchte nicht wissen, was ich dann gefragt worden wäre.“ Und: „Muss das sein, dass über meine Stadt geflogen wird? Wieso dürfen kleine Flugzeuge zu Übungszwecken immer noch über bewohntem Gebiet fliegen?“ Diese könnten auch über dünn besiedeltem Gebiet fliegen. Ihm gehe es darum, Gefahren zu minimieren. Deshalb werde er nach seinem Urlaub mit der Luftfahrtbehörde Gespräche führen.

Diese Behörde wäre zuständig für ein Verbot. Schon vor dem „Gespräch“ mit Mädge fiel deren Antwort auf LZ-Anfrage eindeutig aus: „Generell ist die Benutzung des Luftraums gem. § 1 des Luftverkehrsgesetzes frei, wobei es gilt Vorflugregeln einzuhalten. Der Unfall steht nach derzeitigen Erkenntnissen zudem in keinem Zusammenhang mit dem Betrieb des Sonderlandeplatzes in Lüneburg. Von daher kann die Luftfahrtbehörde den Flugbetrieb auf dem Sonderlandeplatz nicht stoppen oder verbieten.“

Von Werner Kolbe

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Von Werner Kolbe