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Das kennen Radfahrer: Autos parken auf Radfahrstreifen wie hier am Ochtmisser Kirchsteig, dann heißt es ausweichen. Lassen sich solche Situationen durch eine bessere Verkehrsplanung vermeiden? Foto: A/t&w

Zwischen Kritik und Kooperation

Lüneburg. Es war ein Balanceakt, den Sebastian Heilmann am Montagabend zu absolvieren hatte. Der Radverkehrsbeauftragte der Stadt war auf Einladung des regionalen Ablegers vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) ins Glockenhaus gekommen. Dort sollte er Stellung nehmen zu der Kritik von LZ-Autor Hans-Herbert Jenckel, der Lüneburg jüngst als fahrradunfreundliche Stadt gebrandmarkt hatte. Heilmanns Erwiderung kam trotz wohlwollender Unterstützung des VCD dennoch nicht bei allen Teilnehmern gut an.

„Was soll das ganze Gerede, Sie versuchen, uns hier Dinge schönzureden“, entfuhr es einem der Teilnehmer, nachdem Sebastian Heilmann eine gute Viertelstunde lang die künftigen Wohltaten der Stadt in Sachen Radverkehr erläutert hatte. „Wir sind nicht hier, um uns das anzuhören“, ergänzte ein anderer, der sich von dem Abend wohl ebenfalls eher einen konfrontativen als einen konstruktiven Austausch versprochen hatte.

Von Leitlinien zu konkreten Maßnahmen

Heilmann ließ sich davon kaum irritieren und brachte seine Botschaften professionell unter die zahlreich erschienenen Radler. Gut 60 Interessierte waren gekommen, den weitaus größten Teil davon bildete die Radfahrergruppe der „Tour de Natur“, die am Montag auf ihrer 15-tägigen Fahrt von Hamburg übers Wendland nach Stralsund in Lüneburg Station gemacht hatte.

„Wir sollten einander mit mehr Respekt begegnen“, ermahnte Hans-Christian Friedrichs vom VCD-Regionalverband Elbe-Heide als Initiator und Moderator des Abends die Zwischenrufer. Das fand im Publikum breite Zustimmung, und so konnte Heilmann, dessen Herz selbst für die Kritiker erkennbar pro Radfahren schlägt, zwei Stunden lang ausführlich über Probleme, Ziele und Maßnahmen im Lüneburger Radverkehr referieren.

„Jetzt geht es in die Umsetzung“

Wesentliche Grundlage bildeten dabei die jüngst vom Verkehrsausschuss der Stadt verabschiedeten Leitlinien für die neue Radverkehrsstrategie 2025. Welche Konsequenzen sich daraus für den Stadtverkehr insgesamt, aber auch für den Haushalt der Stadt ergeben, machte Heilmann – wohl ein wenig unfreiwillig – deutlich: „Ich hoffe, dass dem Ausschuss klar war, was er da beschlossen hat, denn jetzt geht es in die Umsetzung.“

Dass zu einem Radverkehrskonzept längst mehr gehört als das Asphaltieren von Hochbord-Fahrradwegen oder Markieren von Schutzstreifen, wurde deutlich, als es um Themen wie „Vision Zero“, „Modal Split“, „Durchmesserlinien“, „Mobilitätsstationen“ oder „Multi-Modalität“ ging. Doch nicht nur die großen Linien wurden in den Blick genommen. „Der Teufel steckt im Detail“, wurde Heilmann nicht müde zu berichten. Er bat auch um Verständnis, dass bei der personellen Ausstattung seiner Abteilung „vieles einfach Zeit braucht“.

VCD sieht Lüneburg gut aufgestellt

Das fachkundige Publikum nahm es interessiert auf, sparte aber auch mit Fragen und Anregungen nicht. Und dass Radfahrer doch die besseren Verkehrsteilnehmer sind, versuchte ein Radverkehrsplaner aus Marburg deutlich zu machen: „Radfahrer überschreiten keine Regeln. Und wenn doch, war die Planung falsch.“

Eine Dame aus Frankfurt hatte einen Vorschlag für die Besetzung von Verkehrsausschüssen: „Solange Politiker nicht selbst ein Jahr lang tagein, tagaus in ihrer Stadt Rad gefahren sind, sollten sie in solchen Gremien nicht mitreden dürfen.“

Nicht als „Stachel im Fleisch“, wie ein Teilnehmer die Rolle des VCD verstanden wissen wollte, sondern als „Kooperation auf Augenhöhe“ bezeichnete Hans-Christian Friedrichs abschließend die Zusammenarbeit mit der Stadt. Und auch mit Lob sparte er nicht: „Hier in Lüneburg ist schon ganz viel passiert.“

Am Rande hatte Heilmann dann auch noch eine gute Nachricht für die Ebensberger mitgebracht. Dort waren im Zuge der Neuaufstellung des Nahverkehrsplans zwei Haltestellen weggefallen, das sorgte für viel Kritik. Heilmann versprach, dass sie nun doch bleiben werden. „Und wenn es dafür keine Zustimmung vom Kreis gibt, zahlen wir es selbst.“

Von Ulf Stüwe