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Vereinschef Wilfried Backeberg hatte sich die Entscheidung für den Insolvenzantrag für den Schützenverein nicht leicht gemacht. Foto: t&w

Ins Knie geschossen

Wittorf/Lüneburg. Der Vorstand des Schützenvereins Wittorf hat beim Landgericht Beschwerde eingereicht gegen das selbst angestoßene Insolvenzverfahren. Der Vors tand um Schützenpräsident Wilfried Backeberg hatte im Namen des Vereins die Finger gehoben. Ende April war das Insolvenzverfahren vor dem Amtsgericht Lüneburg eröffnet worden. Auslöser waren die befürchteten Entsorgungskosten für den – trotz Kugelfängen – mit Bleimunition belasteten Erdwall, auf den die Schützen über Jahrzehnte gefeuert hatten.

20.000 Euro Kosten hatte Backeberg anhand eines Angebots angepeilt. Das hätte die finanziellen Möglichkeiten des Vereins deutlich überschritten. Doch jetzt will Backeberg das Rad zurückdrehen. Die tatsächlichen Entsorgungskosten betragen nämlich nur einen Bruchteil. Wegen falscher Zahlen hat sich der Schützenverein mit dem Insolvenzantrag selbst ins Knie geschossen.

Bleibelastung wurde von einem Labor bestätigt

Der Landkreis Lüneburg hatte gegenüber dem Verein angeordnet, den bleibelasteten Boden fachgerecht zu entsorgen. Der war zuvor von einem Labor untersucht worden: Die Bleikonzentration wurde auf 1170 Milligramm pro Kilogramm Trockenmasse taxiert. Zu viel, denn der sogenannte Prüfwert, ab dem eine Gefahr von dem Stoff ausgehen kann, liegt laut Bundes-Bodenschutzgesetz bei 200 Milligramm Blei pro Kilogramm Trockenmasse auf Kinderspielflächen, 400 bei Wohngebieten und 1000 bei Park- und Freizeitanlagen. 21,5 Tonnen Material hatten die Schützen mit Unterstützung von Landwirten aus dem Schützenwall entfernt und in vier Mulden gefüllt. Die wurden aber über Wochen nicht abgefahren und waren Wind und Wetter ausgesetzt.

Backeberg sagt: „Da zwischenzeitlich das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet wurde, durften wir keine weiteren Aufträge zur Entsorgung erteilen.“ Der Landkreis Lüneburg einigte sich mit der Samtgemeinde Bardowick und der Gemeinde Wittorf auf eine Ersatzvornahme und ließ die Mulden auf eigene Rechnung zur Deponie fahren.

„Wir hätten niemals Insolvenz angemeldet“

Die Abrechnung des kommunalen Deponie-Betreibers „GfA“ landete trotzdem bei Backeberg im Briefkasten und der staunte. Die Kosten beliefen sich demnach für 21,5 Tonnen „Bau- und Abbruchabfälle“ auf 895 Euro und 48 Cent. „Das hätten wir locker bezahlen können“, sagt Backeberg, „wir hätten niemals Insolvenz angemeldet.“ Doch wie kommen diese niedrigen Kosten zustande? Hat die GfA versehentlich mit Blei belasteten Boden als Bauschutt günstig entsorgt? Günstig ja, aber regulär, heißt es auf LZ-Nachfrage bei der GfA.

„Das ist kein normaler Boden mehr“, sagt Reiner Jilg, Leiter des GfA-Vertriebs. Doch nach Deponielagerverordnung sei das Material für die Deponie in Bardowick unkritisch. „Wir dürfen Material mit einer Bleibelastung von bis zu 6000 Milligramm pro Kilogramm Trockenmasse auf dem Deponiefeld für Böden lagern.“ Zuvor habe sich die GfA das Ergebnis der Bodenbeprobung geben lassen. Erst bei Mengen von mehr als 50 Tonnen lässt der Deponiebetreiber zusätzliche Analysen anfertigen.

Für den angelieferten Boden aus Wittorf wurden Kosten in Höhe von 35 Euro pro Tonne berechnet, zuzüglich Mehrwertsteuer. Eine ähnliche Größenordnung habe die GfA auch in einer Kostenschätzung bereits im November 2018 sowohl dem Kreis als auch dem Schützenverein genannt.

„Ich bin richtig sauer!“

Wo letztlich das Missverständnis entstanden ist, ist unklar. Zuletzt Ende Juni hatte der Fachdienst Umwelt des Landkreises den Verein abermals aufgefordert, den Boden mit den Geschossresten zu entsorgen: „Mit dieser Sanierung sind voraussichtlich Kosten in Höhe von zirka 7000 Euro verbunden.“ Auf LZ-Nachfrage stellt Kreissprecherin Urte Modlich klar: „Die Kostenschätzung bezieht sich auf den Abtransport und das Beseitigen des gesamten zu entsorgenden Materials.“ Backeberg sagt: „Mir sind ganz andere Zahlen gesagt worden.“ Entspechend groß war nun die Überraschung über die Rechnung von 895,48 Euro. Backeberg: „Ich bin richtig sauer! Da versucht jemand gezielt, den Verein kaputt zu machen.“

Ob die Beschwerde gegen das Insolvenzverfahren den Verein noch retten kann, ist zumindest fraglich. Selbst die Vereinswaffen für den Schießbetrieb wurden schon abgeholt, bestätigt Insolvenzverwalterin Dorothee Mennrich von der Lüneburger Kanzlei Könemann. Mennrich: „Als Insolvenzverwalter sind wir für die Sicherstellung der Waffen verantwortlich.“ Nach Vereinsangaben hatte ein Waffenhändler die insgesamt 13 Kleinkaliber-Gewehre und drei Pistolen vor Wochen mitgenommen.

Parallel wartet noch die Räumungsklage

Sollte tatsächlich das Insolvenzverfahren aufgehoben werden, hätten die Wittorfer Schützen ein anderes Problem: Dann würde das Verfahren der Räumungsklage gegen den Verein bezüglich des Schießstandes wieder aufgenommen, das seit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens ruht.

Seit Jahren streiten sich die Schützen mit dem Grundstückseigentümer des Schützenhauses Marco Rybarczyk über eine angemessene Pacht. Zumal der Verein sich als säumiger Zahler erwies. Zwischenzeitlich war sogar die Gemeinde Wittorf mit Mietzahlungen dem Verein zur Seite gesprungen.

Frieden hatte dennoch nicht einkehren wollen, bis Rybarczyk den Verein aufforderte, auch den Schießstand zu räumen und zu übergeben. Weil der Eigentümer aber nicht auf der da noch vermuteten Bleibelastung auf seinem Grundstück sitzen bleibe wollte, schaltete er den Landkreis ein. In der Folge zogen die Schützen die Insolvenz-Karte.

Wie es weitergeht, wird also vor dem Landgericht entschieden. Ausgang offen. Was aber bereits feststeht: Der nach jüngster Zählung nur noch etwas mehr als 80 Mitglieder zählende Verein wird dieses Jahr definitiv kein Schützenfest ausrichten.

Von Dennis Thomas

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