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Das Zeugnis sollte bei der Suche nach neuem Personal nur eine Nebenrolle spielen. Foto: t&w

Gefangen in einer Leistungsgesellschaft

Lüneburg. Marie Müller* begann letzten Sommer ihre Ausbildung in einem Unternehmen als Fachverkäuferin. Leider fand sie das Betriebsklima nicht besonders angenehm. „Bereits am dritten Tag wurde ich angeschrien“ berichtet die 20-Jährige. Der Grund war wohl, dass sie die falschen Unterlagen aus einem Schrank geholt hatte.

Nicht nur Marie Müller fühlte sich unwohl in ihrem Ausbildungsbetrieb. Eine andere Auszubildende kündigte bereits nach zwei Wochen. „Ich wurde immer wieder als dumm betitelt. Das verunsicherte mich noch mehr“, erzählt Marie Müller. Schließlich entschied sie sich nach einem Jahr, die Ausbildung abzubrechen. Doch damit begannen erst die eigentlichen Probleme. Die Suche nach einer neuen Ausbildungsstelle gestaltete sich schwieriger als erwartet, denn ihre Schulnoten waren nie die besten und ihr Lebenslauf bisher leer.

Kündigung ohne Begründung

Nicht viel anders erging es Tim Lüttner*. Auch er begann im letzten Jahr eine Ausbildung, und zwar bei einer Lüneburger Versicherung. Eigentlich fühlte sich der 22-jährige wohl in dem Unternehmen. Nach acht Wochen dann der Schock: Tim Lüttner bekam ein Kündigungsschreiben ausgehändigt. Einen Grund für die Kündigung wollte ihm keiner nennen, obwohl er mehrfach das Gespräch mit seinen Chefs suchte. Weil er weiterhin in diesem Berufsfeld lernen wollte, bewarb er sich sofort bei anderen Versicherungen, scheiterte jedoch immer wieder in den Auswahlverfahren.

Obwohl laut der Agentur für Arbeit in Deutschland zurzeit ein Überangebot an freien Ausbildungsplätzen besteht, finden einige ausbildungswillige junge Menschen trotzdem keine Lehrstelle. „Es ist gar nicht immer so einfach, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden. Die Einstellungstest sind meistens sehr verschult. Die Praxis bleibt dabei zurück, obwohl gerade diese später zählt“, berichtet Dörte Grimm von der Neuen Arbeit Lüneburg. Für einige Menschen sei es besser, wenn sie vor Ausbildungsbeginn in einem Betrieb hospitieren könnten, um ihre Ausbildungsbereitschaft unter Beweis zu stellen. Doch dazu benötige es Unternehmen, die dies den Bewerbern auch ermöglichen. Als Tochtergesellschaft des Lebensraums Diakonie e.V. bietet die Neue Arbeit Lüneburg verschiedene Projekte und Maßnahmen der Berufshilfe an. Diese richten sich insbesondere an Menschen, deren Einstieg in den Arbeitsmarkt aus den unterschiedlichsten Gründen erschwert ist.

Erfahrung spielt ein große Rolle

Die Neue Arbeit berät, qualifiziert und bereitet gezielt auf die Aufnahme eines Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnisses vor. Durch die Verzahnung mit den angegliederten Zweckbetrieben aus den Bereichen Bau, Gartenbau, Gastronomie, Transport und Handel sowie Wäscherei und Reinigung können sich Menschen durch praktische Tätigkeit verschiedene Qualifikationen erarbeiten und wieder an das Arbeitsleben gewöhnen. Ziel ist immer der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt oder in eine Ausbildung. „Die Neue Arbeit versteht sich als Unternehmen, das Arbeit für Frauen und Männer schaffen will, die auf dem ersten Arbeitsmarkt geringe Chancen haben. Wir wollen eine Alternative zur Leistungsgesellschaft bieten, in der zunehmend nur die „Stärksten“ mithalten können. Wir arbeiten damit gegen Ausgrenzung und für die Teilhabe aller Menschen, die arbeiten wollen“, erklärt Dörte Grimm.

Ein großes Ausbildungsunternehmen in Lüneburg ist die Krankenkasse AOK. Die Versicherung ist Marktführer in Niedersachsen. „Dieses herausragende Resultat verdanken wir auch der engagierten Arbeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, so steht es auf ihrer Website. Die AOK bildet landesweit aus und wird auch in diesem Jahr wieder mehr als 130 Auszubildende aufnehmen. „Die Grundvoraussetzung für eine Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellte oder -angestellter in unserem Unternehmen ist die mittlere Reife. Natürlich gibt es immer Mitbewerber mit einem höheren Abschluss. Um eine Chancengleichheit zu schaffen, werden alle zu einem Eignungstest geladen. Wer dort gut abschneidet, wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen“, erzählt Tanja Thomas, Mitarbeiterin der AOK Lüneburg. Insgesamt bewerben sich aber nur wenige Schüler mit mittlerer Reife auf eine Stelle bei der Krankenversicherung. Außerdem ziehen die Real- oder Oberschüler im Vergleich zu ihren Mitbewerbern mit Abitur oft den Kürzeren. Oft fehle ihnen die Orientierung auf dem Markt selbst. Hinzu komme, dass ihnen im Vergleich zu den Abiturienten zwei bis drei Jahre Lebenserfahrung fehlen. Dies mache sich beim Auftreten und bei der Kommunikation bemerkbar

Zu wenige Vorbilder

Einige Jugendliche haben keine Vorbilder zuhause, die ihnen beim Weg in die Berufswelt behilflich sind, erklärt Dörte Grimm. Sie kriegen keine Anregungen von Mama oder Papa und fixieren sich auf wenige, ihnen bekannte Berufe. Dabei gibt es unglaublich viele Berufsbilder. „Auch sensibilisiert sie keiner dafür, was es bedeutet einen Beruf zu erlernen und sich später in diesem Beruf weiterzuentwickeln“, sagt Dörthe Grimm. Aufgabe der Firma sollte darin bestehen, Motivation zu schaffen und zu zeigen, dass Arbeit Spaß machen kann und Unabhängigkeit bietet. „Die Motivation spielt eine große Rolle“, äußert sich Heide Ebelling vom Verein Lebensraum Diakonie dazu: „Wir schauen uns die Bewerber genau an, lassen sie ein Praktikum machen, um festzustellen, wie motiviert sie sind und was für Fähigkeiten sie haben. Der persönliche Eindruck sollte zählen. Zeugnisse sind zweitrangig.“

Dass ihre Schulnoten nicht die besten sind, ist sich Marie Müller bewusst. Doch sie ist sich sicher, dass Verkaufen und Kundenberatung das ist, was sie machen möchte. Noch immer ist sie auf der Suche und hat das Gefühl, dass sie den angeblichen Grundvoraussetzungen zur Einstellung nie genügt. „Ich habe das Gefühl, dass die Unternehmen immer mehr Abiturienten fordern und alle anderen Schulabsolventen auf der Streck bleiben“.
* Name geändert

Von Malin Mennrich