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Auch im Oberhafen des Schiffshebewerk in Scharnebeck liegen immer mehr Schiffe in Warteposition. (Foto: Boldt)

Ist die Fischtreppe schuld?

Geesthacht/Scharnebeck. Hat die Lockströmung der Fischtreppe zu der massiven Unterspülung am Stauwehr geführt? Davon gehen die Experten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) und der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) derzeit aus. „Das war kein kurzzeitiges Versagen des Dammes, das muss sich langsam entwickelt haben“, erklärte Stefan Lühr, Ingenieur beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) in Lauenburg. Er plant aktuell eigentlich die Sanierung des Stauwehrs und hatte die massiven Schäden am Freitag bei einem Ortstermin zufällig entdeckt. Und das wohl auch nur, weil gerade Ebbe herrschte. Bei Flut im Tidebereich hätte er die gefährlichen Risse und Absackungen nicht sehen können.

Vier Rinnen im Überlauf 

Am Dienstag wurde mit dem Einbau von Wasserbausteinen zur Abdeckung des Schadens begonnen. Auch tonnenweise Kies wird geschüttet. (Foto: tja)

Die Fischtreppe gilt in Europa als größte Fischaufstiegsanlage ihrer Art. 2010 wurde das vom Energiekonzern Vattenfall als Kompensation von ökologischen Eingriffen in die Elbe durch den Bau des Kohlekraftwerkes in Hamburg-Moorburg errichtete Bauwerk in Betrieb genommen. Die Fischtreppe befindet sich am nördlichen Ufer der Elbe und kreuzt den so genannten festen Überlauf des Wehres. Damit Fische, die in ihre Laichgebiete elbaufwärts wandern, das Stauwehr überwinden können, war die Aufstiegshilfe nötig. Und damit Fische den Eingang in die Treppe finden, wurden durch den Überlauf vier Rinnen angelegt. Dadurch fließt Wasser elbabwärts und lockt mit seiner Strömung Fische an. Lühr: „Wahrscheinlich hat dieses Wasser den Boden ausgespült.“ So bildete sich ein sogenannter Kolk, wie die Experten Ausspülungen bezeichnen. Schließlich hielt das Deckwerk nicht mehr und rutschte auf etwa 300 Quadratmetern ab.

Mega-Stau im Elbe-Seitenkanal

Nachdem am Freitagabend aus der Notsituation heraus die Absenkung des Pegels der Oberelbe eingeleitet wurde um den Damm von Wasserdruck zu entlasten, wurden am Sonnabend auch die Zuläufe der vier Rinnen für die Lockströmung mit Bohlen, Planen und Sandsäcken verschlossen. Unklar ist aktuell, was das für den Weiterbetrieb der Fischtreppe bedeutet. Die Rinnen sind mittlerweile komplett mit Kies verfüllt.

Wegen des Defekts am Stauwehr Geesthacht hat sich die Zahl wartender Schiffe allein im Elbe-Seitenkanal auf mehr als 60 erhöht. Jeder Liegetag bedeutet für die Schiffer beziehungsweise Charterer um die 1000 Euro Verlust. „Das Schiff steht! Kein Geld!“ Auf diese Formel bringt es Hendrik Kajewski vom Binnenschiff „Este“. Der Frachter transportiert Schüttgut: rund 940 Tonnen Sojaschrot. Aus Hamburg kommend wollte er spätestens Donnerstag die Ladung in Sedelsberg löschen. Das wird er nicht schaffen, wie so viele andere ihr Ziel auch nicht mehr rechtzeitig erreichen werden.

Logistiker spricht von „Katastrophe“

Binnenschiffer Henning Jahn wollte  seine 96 Container am Montag in Braunschweig abliefern. (Foto: dth)

Mit der Zwangspause geht nicht nur Zeit und Geld verloren, sondern auch Ansehen für das Binnenschiff als Verkehrsträger, sagt René Ohloff, Niederlassungsleiter von der Deutschen Binnenreederei in Hamburg. Die Situation sei „eine Katas­trophe“. „Wir haben allein zehn Schiffe im Kanal stehen. Viele sind zudem in Hamburg erst gar nicht mehr losgefahren. Hamburg als zweitgrößter Binnenhafen Deutschlands ist abgeschnitten“, sagt Ohloff. Er richtet seine Kritik an die Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen des Bundes. „Es gibt kaum eine Schleuse, die 100-prozentig läuft und an den Binnenwasserstraßen wird gespart und weggeguckt. Dadurch verlieren wir so viel an Reputation. Wir kämpfen mit jedem Spediteur und Verlader, damit sie auf das umweltfreundliche Binnenschiff für den Containertransport setzen, und dann werden uns solche Knüppel zwischen die Beine geworfen.“

Auch Freizeitkapitän mit Yacht betroffen

Eine Zwangspause musste derweil auch Karsten Höltig einlegen mit seiner Yacht „Ocean Alexander“. Der zweite Vorsitzende des Hamburger Yacht-Clubs wollte eigentlich bereits am Sonntag in seinen Heimathafen an der Dove-Elbe einlaufen. Stattdessen sitzt er nun seit Tagen im Oberhafen des Schiffshebewerks Scharnebeck die Zeit ab. „Ich habe zum Glück jemanden getroffen, der mich mit dem Auto zum Einkaufen mitgenommen hat.“ Problematisch sei aber die Wasserversorgung an Bord, beispielsweise für Dusche und Toilette. Höltig: „Ich hoffe, dass es Mittwoch endlich weitergeht.“

Laut Treber vom WSA Lauenburg soll „ab Mitte der Woche“ bei Geesthacht das Wasser wieder aufgestaut werden können. Bis sich die Pegelstände dann auch in Scharnebeck wieder heben, könnte dann noch eine Weile dauern.

Von Dennis Thomas und Timo Jann

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