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Am häufigsten berichten Menschen am Opfer-Telefon des Weißen Rings von Körperverletzung und häusliche Gewalt, gefolgt von Stalking und Sexualdelikten. (Foto: A/t&w)

Häusliche Gewalt wird zur Epidemie

Lüneburg/Hannover. Wer die 116 006 wählt braucht Hilfe und ein offenes Ohr. Das Opfer-Telefon des Weißen Rings besteht seit zehn Jahren. Während sich die Polizei um die Straftäter kümmert, kümmern sich die ehrenamtlichen Berater des Weißen Rings um die Opfer. Ein Modell, mit dem der Weiße Ring in Europa eine Vorreiterrolle einnahm.

Der Bedarf für das niedrigschwellige Beratungsangebot ist riesig, wie die Organisation in einer Pressemitteilung vorrechnet: Mehr als 150 000 Gespräche führten die Berater bundesweit seit 2009. Auch in Lüneburg fanden Opfer unbürokratische Hilfe. So leistete die hiesige Außenstelle des Weißen Rings seit 2009 in 558 Fällen eine finanzielle Hilfe in Höhe von insgesamt 221 399 Euro, wie die Organisation auf Anfrage mitteilt. „Hinzu kommt aber noch die immaterielle Hilfe unserer Mitarbeiter in unzähligen Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit“, sagt Marion Branding vom Landesbüro Niedersachsen, „diese ist um drei- bis vierfach höher“.

Zwei Drittel der Anrufer sind Frauen

Körperverletzung und häusliche Gewalt sind die Delikte, wegen denen sich die meisten Menschen hilfesuchend an das Opfer-Telefon wenden, gefolgt von Stalking und Sexualdelikten. Im Bereich Körperverletzung und häusliche Gewalt registrierten die Mitarbeiter des Opfer-Telefons bundesweit allein im vergangenen Jahr mehr als 2300 Anrufe. 2017 waren es noch fast 1700 solche Telefonate – das bedeutet ein Plus von etwa 40 Prozent. Insgesamt steigerte sich das Gesprächsaufkommen beim Opfer-Telefon 2018 um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Gut zwei Drittel der Anrufer sind Frauen. Auch bei den Beratern sind Frauen mit einem Anteil von knapp zwei Dritteln in der Mehrzahl.

„So erreichen wir Menschen in Not, die sich sonst nie bei uns gemeldet hätten.“ – Bianca Biwer , Bundesgeschäftsführerin Weißer Ring

„Nicht jeder kann oder will nach einer durchlebten Straftat sofort offen und persönlich mit anderen Menschen sprechen“, sagt Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin von Deutschlands größter Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Für manche sei es einfacher, erst einmal anonym am Telefon über das Erlebte zu reden. Oft würde der telefonische Zugangsweg als unverbindlicher und niedrigschwelliger angesehen. „Und so erreichen wir Menschen in Not, die sich sonst nie bei uns gemeldet hätten“, sagt Biwer.

Zweistufige Ausbildung

Angehende Telefonberater müssen eine zweigliedrige Ausbildung absolvieren. In einem ersten Seminar werden Kenntnisse zu Themen wie Stalking oder häuslicher Gewalt sowie rechtliche Grundlagen vermittelt. Ein zweites, ebenfalls verpflichtendes Seminar widmet sich der Praxis – unter anderem auch mit Simulationen. Dabei schlüpfen Schauspieler in die Rolle von Opfern und spielen mit den künftigen Mitarbeitern am Telefon Szenarien durch, die sie auf ihren Beratungsalltag vorbereiten sollen.

Mittlerweile gibt es in elf europäischen Ländern ein Opfer-Telefon. Die Außenstelle in Lüneburg besteht sogar schon seit 1986. Insgesamt wurde in unserer Region in 1144 Fällen eine finanzielle Hilfe mit einem Gesamtvolumen von 487 834 Euro geleistet, teilte Marion Branding vom Hannoveraner Büro mit.

Von Jaochim Zießler