Donnerstag , 14. November 2019
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Vor dem Landgericht findet derzeit ein nicht alltäglicher Prozess gegen einen 90-Jährigen statt, dem versuchter Mord an seiner Frau vorgeworfen wird. Foto: Lion Grote

Angeklagter und Opfer mit Rollator

Lüneburg. In 58 Ehejahren haben Edelgard F. (84) und Werner F. (90) viel bewältigt. Etwa den Verlust von Haus und Hof bei der Hamburger Flutkatastrophe 1962 und den Neuanfang mit minimaler Nothilfe. Die Not konnten sie hinter sich lassen. Als sie schon über 80 Jahre alt waren, dürften 175 000 Euro in ihrem hauseigenen Safe gewesen sein, schätzten beide am Donnerstag vor dem Landgericht. Und doch war Geld ein ständiger Streitpunkt. Am Ende soll der Senior zwei Mal versucht haben, seine Ehefrau zu ermorden – im Februar, indem er sie mit einem Sofakissen ersticken wollte, und eine gute Woche später, indem er ihr einen Hammer auf den Kopf schlug. Den Hammerschlag räumte Werner am Donnerstag ein, bestritt aber jede Tötungsabsicht. An die Attacke mit dem Kissen wollte er sich vor der 4. großen Strafkammer nicht mehr erinnern, sprach von „Gekabbel“. Vor Polizeibeamten, dem Haftrichter und dem psychiatrischen Gutachter hatte er dagegen angegeben, dass er seine Frau habe töten wollen.

Fünfstellige Geldgeschenke

Die Szenen dieser Ehe, die zur Anklage des versuchten Mordes geführt haben, waren für das Gericht zum Prozessauftakt nicht leicht aufzuklären. Schwiegertochter Irene F. (66) vermochte sich weder daran zu erinnern, ob sie von Werner F. telefonisch über die Kissen-Attacke informiert worden war, noch, ob ihr Sohn Robert F. (26) ihr etwas über den zweiten Angriff erzählt hatte, nachdem sie und ihr Mann aus ihrem jährlichen Südafrika-Urlaub zurückgekehrt waren. Fahrzeugbau-Student Robert wusste zwar, dass ihm sein Opa mal 10.000 Euro zu Weihnachten geschenkt hatte, bestritt aber, dass seine Familie immer wieder größere Beträge zugesteckt bekommen habe, was seine „Stiefgroßmutter“ argwöhnte. Als die Kammer nach einer anderen Geldübergabe am Safe durch den Senior an Robert und dessen Vater Harald fragte, zog sich der 26-Jährige auf sein Zeugnisverweigerungsrecht zurück. Vorher klassifizierte er die häufigen Nachfragen von Edelgard F. nach dem Verbleib des Geldes des Ehepaares als „mentale Tortur“ für seinen Großvater, seine Mutter sprach von „psychologischem Druck“.

Sofakissen als Tatwaffe

Druck muss Werner F. auch am Abend des 22. Februar empfunden habe, als es wieder einmal Streit um das Geld gab, das Edelgard für einen möglichen Lebensabend im Heim und die Beerdigungen beiseite legen wollte. „Ihm wäre der Kopf geplatzt“, habe er wenige Tage später seinem Enkel erzählt. „Deshalb habe er ihr die Luft nehmen wollen“, sagte dieser vor der Polizei aus.

Edelgard F. kam wie ihr Mann auf den Rollator gestützt in den Saal 21. Ihr Mann wirft ihr wegen ihrer vermeintlich haltlosen Anschuldigungen Demenz vor. Als Zeugin berichtete sie hingegen klar und strukturiert von den Tagen ihrer Todesangst. Am frühen Morgen sei sie aufgewacht, weil sie keine Luft mehr bekam. Sie habe das Kissen, das ihr Mann ihr aufs Gesicht gedrückt habe, wegzerrt und ihn angeschrien: „Werner, was machst du denn?“ Immer wieder habe er das Sofa-Kissen angesetzt. Sie strampelte und trat, biss ihm in einen Finger, schließlich rutschte der Gehbehinderte vom Bett, sie nahm ihn in den Schwitzkasten. Als sie schilderte, wie sie ihm anschließend ins Bett half, streichelte und küsste, um ihn zu beruhigen, weinten vor Gericht beide.

Eine Nacht schlief die Seniorin bei ihrer Nichte, erstattete Anzeige. Als Edelgard F. zurückkam, nahm ihr Mann sie an der Tür in den Arm und sagte: „Ich tu dir nichts mehr“. Doch wenige Tage später zerbröckelte das trügerische Gleichgewicht, wie Werner F. vor Gericht schilderte: „Nach einem Einkauf klopfte sie mit dem Zeigefinger auf den Tisch und sagte: ,Erst die 1,39 Euro auf den Tisch, dann gibt es die Fernsehzeitschrift‘. Das war der Auslöser.“ Wütend zählte Werner F. sieben 20-Cent-Stücke auf den Tisch, doch die Wut kochte weiter.

Fingerklopfen als Tatauslöser

Am Morgen danach ging er zum Schuppen, holte einen Gummihammer, und stellte sich hinter Edelgard, die am Küchentisch Kartoffeln schälte. Mit rechts stützte er sich auf seinen Stock, dann schwang Linkshänder Werner den einen Kilo schweren Hammer gegen den Kopf seiner Frau. Sie stürzte zu Boden mit einer blutenden Platzwunde, ergriff den Hammer, der ihrem Mann aus der Hand entglitten war. „Das haste davon!“, habe er gesagt, während er weiter mit dem Krückstock drohte, erinnerte sie sich. „Töte mich nicht“, habe sie gefleht, räumte er ein.

Als Werner F. die Haustür abschloss, floh Edelgard aus einer Seitentür. Ihr Mann versuchte, sich die Pulsadern mit einem Skalpell aufzuschneiden, das er am Vortag in der Küche deponiert hatte.

Vehement bestritt der Senior gegenüber dem Vorsitzenden Richter Franz Kompisch die vordem mehrfach zu Protokoll gegebene Tötungsabsicht. „Dann hätte ich einen Eisenhammer genommen. Ich wollte nur, dass sie einige Tage Kopfschmerzen hat und darüber nachdenkt, was sie mit ihrer Demenz angerichtet hat.“

Der Prozess geht am nächsten Freitag um 9.30 Uhr weiter.

Von Joachim Zießler