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Der Ausbau des Ostpreußischen Landesmuseums (vorne) ist noch frisch. So könnte sich die Erweiterung des Areals um einen Kant-Bau einfügen. Montage: Gregor Sunder-Plassmann

Auf dem Weg zur Kant-Stadt

Lüneburg. „Sie werden dann Kant-Stadt Lüneburg“ – mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Kultur-Staatsministerin Monika Grütters (CDU) bei der Wiedereröffnung die Pläne des Ostpreußischen Landesmuseums. Das war vor einem Jahr. Fünf Jahre sind jetzt noch Zeit, dann jährt sich 2024 zum 300. Mal der Geburtstag des großen Königsberger Gelehrten und Philosophen. Und dann soll das Museums-Areal zwischen Heiligengeiststraße und Ritterstraße mit einem weiteren Bau komplett sein.

Die Exponate dafür hat Museums-Direktor Dr. Joachim Mähnert bereits in seinem Magazin. Drei Lkw mit Hänger brachten die 5000 Exponate umfassende Königsberg-Sammlung von Duisburg nach Lüneburg. Das private Museum im Ruhrgebiet musste 2016 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden.

Die Planungen laufen jetzt an

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft stellt die wichtigsten Ausstellungsstücke dem Ospreußischen Landesmuseum als Dauerleihgaben zur Verfügung. Für Mähnert heißt es, dass er nach der dreijährigen Um- und Erweiterung seines Hauses einmal mehr zum Bauherren wird. Eine Aufgabe, auf die er sich freut, wenn er an das Ergebnis denkt.

Acht Millionen Euro werden in den dreistöckigen Bau fließen, der die Lücke an der Ritterstraße schließen soll. Das Geld hatten Bund und Land im Frühjahr 2018 zugesagt. Die Planungen laufen jetzt an. Mähnert hat die Raumbedarfsplanung für die Erweiterung um knapp 700 Qua­dratmeter Museumsfläche abgeschlossen und ist jetzt mit den Bundesbehörden im Kontakt. Anfang 2020 soll ein europaweiter Architektenwettbewerb starten.

Besucher sollen in den Dialog eintreten

Die wertvolle Fracht aus Duisburg ist so umfangreich, dass „wir noch nicht alles ausgepackt haben“. Es wird ohnehin jeweils nur ein Bruchteil zu sehen sein. Museums-Direktor Mähnert sieht in dem Erweiterungsbau insbesondere einen Ort, in dem der Geist des großen Vertreters der Aufklärung prägend sein soll. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – dieser Leitspruch des Philosophen und Denkers soll sich hier bei den Besuchern entfalten können. So will Mähnert Kants Idee des mündigen Menschen als Prozess auch museumsdidaktisch umsetzen. Besucher sollen in den Dialog eintreten, sich Erkenntnisse erarbeiten und Räume für den Diskurs nutzen können. „Es wird nur in einem kleinen Bereich eine Vitrinenausstellung geben“, verrät er.

Warum Kant und Lüneburg? Für den Museumsleiter gibt es darauf eine klare Antwort. So sehr Kant die Philosophie in ganz Europa geprägt hat, der gebürtige Königsberger hatte zu Lebzeiten seine Heimat nicht verlassen. Und im deutschsprachigen Raum beherbergt heute Lüneburg mit seinem Museum die größte Erinnerung an Ostpreußen.

Das habe sich „in der gesamten internationalen Kant-Community“ bereits herumgesprochen, berichtet Mähnert und erzählt von einer kürzlichen Begegnung bei einer Fachtagung. Da habe ihn ein Kollege aus Südkorea begeistert auf Kant angesprochen, als er erfuhr, dass sein Gegenüber aus Lüneburg kommt. In der Fachwelt „können wir eine internationale Reichweite erzielen“, ist Mähnert überzeugt.

Von Marc Rath

Zur Person

Der Aufklärer

In Königsberg geboren (22. April 1724) und gestorben (12. Februar 1804) gilt der Philosoph Immanuel Kant als bedeutendster Vertreter der Aufklärung. Sein Werk „Kritik der reinen Vernunft“ kennzeichnet einen Wendepunkt in der Geschichte der Philosophie und zugleich den Beginn der modernen Philosophie.

Immanuel Kant schuf eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins 21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Dazu gehört nicht nur sein Einfluss auf die Erkenntnistheorie und Metaphysik mit der „Kritik der reinen Vernunft“, sondern auch auf die Ethik mit der „Kritik der praktischen Vernunft“ und die Ästhetik mit der Kritik der Urteilskraft. Zudem verfasste Kant bedeutende Schriften zur Religions-, Rechts- und Geschichtsphilosophie sowie Beiträge zur Astronomie und den Geowissenschaften.

Zusammenarbeit mit der Leuphana

Bis in die Computerwissenschaften

Über eine Gastprofessur arbeiten Leuphana und Ostpreußisches Landesmuseum derzeit zusammen. Dr. Cheryce von Xylander lehrt nicht nur in den Kulturwissenschaften, sondern macht auch Angebote an Studierende aller Fächer im College der Leuphana. Zudem hat sie im Kunstraum der Uni die Ausstellung „Open Codes?“ mit Bezügen zu Kant im Sommersemester mit kuratiert.

Die Universität ist dabei, Forschungskonzepte zu Kant, zu seiner Aktualität und zur Vermittlung seines Denkens zu entwickeln, deren Förderfähigkeit einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen wird, berichtet Prof. Ulf Wuggenig, Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät.

Ein neues kulturwissenschaftliches Masterprogramm mit dem Titel „Kritische Kulturwissenschaften“ wird 2020 gestartet. „Die Kulturwissenschaften an der Leuphana bieten somit ideale Grundlagen für eine multi- und interdisziplinäre Befassung mit Kant und für die Profilierung von Lüneburg als Kant-Stadt“, betont Wuggenig. Die Bedeutung von Kant reiche heute bis in die Computerwissenschaften. „Sie umfasst zudem so wichtige Fragen wie die nach der Aktualität der Aufklärung für die Gegenwart unter Bedingungen des Erstarkens antidemokratischer Tendenzen.“ mr

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