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Die Studentinnen Madelaine Rüger (v.l.), Sophie Bory und Merle Lange bei der Probennahme. Foto: t&w

Schattenseiten weißer Putzfassaden

Lüneburg. Weiße, verputzte Fassaden sind modern, in Lüneburg sind Häuser mit einer solchen Hülle unter anderem im Ilmenaugarten zu entdecken. 23 Studenten der Leuphana Universität haben sich das Neubaugebiet in den vergangenen Monaten vorgenommen, um den Biozid­austrag aus den Fassaden zu beproben. Solche Substanzen dürfen in Baustoffen eingesetzt werden, sie gelangen somit also in die Umwelt. Eingearbeitet in den Putz dienen Biozide vor allem dazu, Schimmel-, Algen- und Pilzbildung zu verhindern, sie sorgen dafür, dass weiße Fassaden auch weiß bleiben. Das studentische Seminar hat Häuser vom B&B Hotel bis hin zum Olympic-Fitnessstudio in den Blick genommen, ein 850 Meter langes Untersuchungsgebiet. Eine akute Bedrohungslage konnte das Forschungsprojekt nicht ausmachen, sehr wohl aber punktuelle Belastungen, die weiter untersucht werden sollten.

Probennahme auch im Kanal zur Ilmenau

Im Zeitraum vom 2. April bis 7. Juli haben die Studenten insgesamt sechs Beprobungen durchgeführt, um die Biozidmenge, die durch Niederschläge quasi aus den Fassaden ausgewaschen werden, messen zu können. Losziehen konnte das Seminar also nur bei Regen. „Wir haben dann eine Rekonstruktion unter der Betonkante aufgebaut, die Regentropfen wurden dann in eine Braunglasflasche geleitet“, sagt Sophie Bory (20) und ergänzt, dass sich mindestens ein Liter Wasser in einem solchen Behälter sammeln musste, damit im Labor vernünftiges Arbeiten möglich war.

Auch in die Versickerungskanäle, die in die Ilmenau geleitet werden, ist das studentische Team geklettert, um Proben zu entnehmen. Ursprünglich wollte es solche auch aus dem Grundwasser ziehen, um zu untersuchen, ob Biozidausträge dort eine Gefährdung darstellen. Weil es an Ressourcen mangelte, konnten die jungen Frauen und Männer den Bereich nur theoretisch beleuchten. „Wir haben uns über verschiedene Kartenserver die Bodenschichten angeschaut und überprüft, aus welcher Grundwasserleitung das Trinkwasser gefördert wird“, erklärt Tim Mauch und gibt im gleichen Atemzug auch Entwarnung: „Für den Bereich Lüneburg konnten wir keine Gefährdung feststellen, das Trinkwasser wird hier aus 200 Metern Tiefe gefördert. Die Wahrscheinlichkeit, dass Biozide dort ins Grundwasser eingetragen werden, ist gering.“

Dachüberstand kann helfen

Die Forschungsergebnisse, die da lauten, dass die Austräge aus den Fassaden meistens unter 100 Nanogramm pro Liter, in den Kanälen wegen der starken Verdünnung sogar noch weiter darunter lagen, möchten die Studenten nutzen, um für das Thema zu sensibilisieren. Sie erinnern daran, dass es bislang keine Langzeitforschungen, keine Daten dazu gibt. „Wir müssen an die Auswirkungen auf die Umwelt in 50 Jahren denken“, sagt Nadja Horacek. Die 24-jährige Studentin der Umweltwissenschaften hat in der Labor-Gruppe mitgearbeitet. Sie gibt zu bedenken, dass Versuche an Ratten, denen mehrere Milligramm verabreicht wurden, tödlich geendet seien. „Welche Folgen Biozide für Menschen haben, ist nicht bekannt. Für Organismen sind sie toxisch, deshalb wurden sie in Pflanzenschutzmitteln auch verboten.“

Ein verlängerter Dachüberstand kann helfen

Die angehenden Umweltwissenschaftler sind noch nicht am Ende. Sie möchten die Thematik, die ihrer Ansicht nach viel zu wenig bekannt ist, in die Öffentlichkeit tragen und Architekten, Bauherren, der Handwerkskammer, Malerbetrieben, dem Lüneburger Umweltamt, der Abwasser, Grün und Lüneburger Service GmbH (AGL) und vielen weiteren Behörden und Ämtern Einblicke in ihre Forschung geben und so für das Biozid-Problem sensibilisieren. „Schön wäre es ja, wenn ein Architekt etwa schon in der Planung weiß, worauf er achten muss“, sagt Seminarteilnehmerin Josefine Feldner. Für Hausbesitzer mit weißem Putz hat die 20-Jährige einen Tipp: „Eine einfache Möglichkeit, den Biozidaustrag zu verringern, ist die, zu verhindern, dass Fassaden durch starken Schlagregen beeinflusst werden. Da kann ein verlängerter Dachüberstand helfen.“

Ebenso sollte die Außenwand eines Gebäudes nicht zu viel Schatten bekommen, etwa durch große Baumbestände. „Dann hat man da eine permanente Feuchte in der Fassade.“

Personen, die neu bauen und nicht auf weißen Putz verzichten möchten, rät sie, Fassadenanstriche und Dämmstoffe zu nutzen, die ohne Biozide auskommen. Denn die gibt es. Die meisten sind mit dem Umweltzeichen Blauer Engel zertifiziert.

Von Anna Paarmann

Präsentation

Ausstellung im Wasserturm

Ihre Untersuchungsergebnisse stellt das Seminar am Mittwoch, 21. August, um 14 Uhr im Rahmen eines Vortrags im Wasserturm vor. Er richtet sich an geladene Gäste. Für die Öffentlichkeit zugänglich ist die aus dem Forschungsprojekt resultierende Poster-Ausstellung, sie kann vom 22. August an bis Mitte Oktober im 2. Stock zu den regulären Öffnungszeiten und den geltenden Eintrittspreisen des Wasserturms besichtigt werden.