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Zu Beginn des neu angesetzten Prozesses um die Schüsse von Kaltenmoor versteckten die Angeklagten Mohamed E. (l.) und Farrid M. (r.) ihre Gesichter. (Foto: be)

„Mir gehört Lüneburg“

Lüneburg. Die Schüsse von Kaltenmoor haben einen langen Nachhall, aber auch eine lange Vorgeschichte. Zum Auftakt des neu angesetzten Prozesse auch wegen versuchten Mordes kristallisierte sich heraus, dass ein Revierkampf die Gewalteskalation am 4. April 2018 ausgelöst haben könnte. Mehrfach zitierten Zeugen den Satz: „Mir gehört Lüneburg!“ Ein Besitzdenken, das gerade in der Drogenszene den Adrenalinspiegel von Clan-Mitgliedern hochtreibt.

Damit alle Beteiligten bei dem Verfahren gegen den Türken Farrid M. (26) und den Staatenlosen Mohamed E. (23) ihre Nerven im Zaum halten können, müssen sie eine Sicherheitsschleuse absolvieren, bevor sie in den Saal 21 gelassen werden. Die Metalldetektoren helfen der 4. großen Strafkammer allerdings nicht bei der Wahrheitssuche.

Klar ist, dass in dieser Nacht mehrere Schüsse über den St.-Stephanus-Platz peitschten, von denen zwei Hüseyin O. (21) trafen: eine Kugel aus einer Sig Sauer-Pistole durchschlug den linken Oberschenkel glatt, eine traf das linke Schulterblatt. Abgefeuert wurden sie aus dem schwarzen Audi A5 von Mohamed E. Ein Zeuge sagte aus, dass Mohamed E. als Fahrer aus dem rollenden Wagen geschossen habe, ein anderer, dass nur der Beifahrer auf die Gruppe von sieben Männern an der Bushaltestelle gefeuert habe, ein Dritter, dass dies beide Insassen getan hätten. Ein LKA-Gutachter sagte, dass die Schmauchspuren eher auf den Beifahrer als Schützen wiesen.

Wer feuerte vom Beifahrersitz?

Aber wer hat dort gesessen? Der Polizei hatte Ibrahim O. (24), Bruder des Verletzten, noch zu Protokoll gegeben, dass es zu dunkel gewesen sei, um den Beifahrer zu erkennen. Tage später legte er sich dagegen auf Farrid M. fest, den er auf einem Schwarz-Weiß-Foto, das ihm ein Freund gezeigt habe, erkannt haben will. Auch gestern war er sich sicher, dass ihn zunächst Mohamed E. mit einer Geste gewarnt habe, besser wegzubleiben („Bis dahin waren wir befreundet“), und dass beide Angeklagten geschossen hätten.

Was für Farrid M. schwierig gewesen sein dürfte. In der Nacht, als Querschläger durch Kaltenmoor jaulten, war er von einer Zollstreife kontrolliert worden – in Hamburg-Billwerder.

Nach der Bluttat floh Mohamed E. zu Farrid M. nach Hamburg, in einem Hostel am Hauptbahnhof sollte sein Cousin ihn beraten. Der erlebte Mohamed E. „in Schockstarre, weil sein Beifahrer durchgedreht“ sei. Er sei dies nicht gewesen, beharrte Farrid M.. Sein Wissen, wer es war, wollte er aber nicht mit dem Gericht teilen.

„Aggressive Übermacht“

Schon Monate vor der Tat kam es zu Konflikten zwischen den Gruppen. Vor der Disco „Garage“ verteilte Mohamed E. Hiebe, nachdem er sich provozierend angestarrt wähnte. Bei einem eigentlich als Vermittlungstermin geplanten Treffen auf dem Parkplatz von McFit sah sich der ortsfremde „Schlichter“ Farrid M. nach eigenen Worten plötzlich einer aggressiven Übermacht gegenüber. Es seien die Sätze gefallen: „Ganz Lüneburg hasst Mohamed. Wir sind Kurden und wollen jetzt Blut sehen.“ Als seine Gegner eine Machete zückten und Ketten schwangen, habe er die Pistole eines Freundes gezückt, um die Gegner aufzuhalten.

Später sollen Mohamed und Nelson L. Freunden von Diyar K. (27) Drogen und Geld gestohlen haben. Der Abend des 4. April sollte eine Aussprache „an der Uhr“ bringen. Mit Mitstreitern brach Diyar K. von der Shisha-Bar auf, die mittlerweile von Brandstiftern abgefackelt wurde, „zufällig“ seien noch weitere „Kollegen“ am St.-Stephanus-Platz gewesen. Bei der Frage nach dem Motiv hinter den Schüssen blieben die Zeugen schmallippig. Aber die Szene war aufgeheizt, wie Farrid M. einräumte: „Es ging um Drogen. Die wollten nicht, dass Mohamed und sein Freund etwas in Lüneburg verkaufen.“

Der Prozess wird fortgesetzt. Mehr dazu lesen Sie am Donnerstag in der der gedruckten Ausgabe der Landeszeitung.

Von Joachim Zießler