Dienstag , 17. September 2019
Aktuell
Home | Lokales | Wie sicher sind Kutschfahrten?
Steffen (l.) und Klaus Meyer betreiben einen der größten Kutschbetriebe in der Region. (Foto: Eske Hansen)

Wie sicher sind Kutschfahrten?

Schneverdingen. Hätten die Unfälle verhindert werden können? Dieses Thema beschäftigt seit zwei Kutschunglücken in der Lüneburger Heide die Region. Einer der Unfälle passierte im Höpen mit einem der Kutschgespanne von Klaus Meyer aus Zahrensen. Die hydraulische Bremse war defekt, und die Kutscherin habe, so Meyer, die zweite Bremse nicht betätigt. So fiel die Kutsche mit 18 Passagieren um, und zwölf von ihnen wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Ermittlungen der Polizei haben bislang ergeben, dass ein technischer Defekt zum Bremsversagen geführt hat. Ob ein Verfahren gegen die Kutscherin eingeleitet wird, sei noch unklar, so ein Polizeisprecher.

Einen ähnlich schweren Unfall habe es zum letzten Mal vor 40 Jahren gegeben, erinnert sich Meyer. Dabei setzten er und sein Sohn Steffen Meyer alles daran, die Sicherheit ihrer Gespanne ständig weiterzuentwickeln. Meyer war 1993 einer der ersten, der den TÜV für Kutschen mit auf den Weg brachte. 1997 war er maßgeblich am Kutschenerlass der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland beteiligt.

Ab 2020 wird die Ausbildung umfangreicher

Die Gespanne würden geprüft. Dazu gehöre die Kontrolle der Bremsen, Lichtanlagen und Achsen wie auch die Untersuchung der Kutschpferde durch das Veterinäramt. Zusätzlich habe Meyer vor einigen Jahren bei den großen Wagen Überrollbügel für mehr Sicherheit installiert und Geschirr entwickelt, mit dem die Pferde die Kutsche selber halten können. „Sicherheit ist das oberste Gebot“, erklärt Meyer, der seit 50 Jahren Kutsche fährt. Doch gegen den Risikofaktor Mensch könne man wenig tun. Das könne nur über eine bessere Ausbildung minimiert werden.

Ab März 2020 soll die Ausbildung mit der verpflichtenden zusätzlichen Leistung „Gewerbliches Fahren“ intensiviert werden. Bislang ist für das gewerbliche Kutschfahren in Niedersachsen der Führerschein A nach einem zehntägigen Kursus ausreichend. Ab dem kommenden Jahr komme dann der Führerschein B hinzu, bei dem Elemente wie Fahrten mit einem großen Wagen, ein Hindernis-parcours und Reifen wechseln dazugehörten. „Das ist vergleichbar mit dem Lkw-Führerschein“, erläutert Meyer.

Während viele seiner Kollegen nur die Mehrkosten sehen, sieht er eine Absicherung wie zum Beispiel gegen Peta. Die Tierschutzorganisation prangert häufig an, Kutsche fahren sei Tierquälerei, und sehen sich durch Kutschunfälle mit verunglückten Pferden wie zuletzt in Sachsen bestätigt. Dass es den 60 Kaltblütern auf dem Meyerhof gut gehe, davon können sich die Menschen selbst überzeugen.

Bei seiner Zucht mit dem eigenen Hengst legen er und sein Sohn Steffen besonderen Wert auf einen nervenstarken Charakter und dass die Pferde selbst denken und Spaß an der Arbeit haben. Laut Erlass dürfen die circa 800 Kilo schweren Kaltblüter ihr zweifaches Körpergewicht ziehen. Theoretisch könnten sie laut Meyer ein Vielfaches mehr ziehen. Es sei auch nicht wichtig, was sie ziehen, sondern wer oben auf dem Kutschbock sitzt. „Der Kutscher braucht viel Gefühl und eine feine Hand.“

„Dialog Kutsche“ wird fortgesetzt

Alle vier Stunden ist eine Futterpause vorgeschrieben, doch bei aktuell ein bis zwei Touren am Tag haben die zwei Kutschpferde pro Gespann nicht mehr als zwei Stunden Arbeit am Tag. Früher liefen Touren von morgens bis abends. Früher dauerte die Saison von Ostern bis November, heute noch drei Wochen.

Das Projekt „Dialog Kutsche“, bei dem Meyer seit drei Jahren mit dabei ist, sei seiner Meinung nach ein Erfolg. „Das hat die Heide gerettet“, ist er sich sicher. Es habe zwar viel Zeit gekostet, doch die Mühe lohne sich, damit die Region belebt bleibt. Es herrschte ein tolles Miteinander mit allen beteiligten Akteuren, lobt der 59-Jährige. Schwerpunkte des Projekts liegen auf dem Wegenetz der Kutschfahrer und der Vermarktung. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen und den Touristikern habe sich gelohnt. Es sei geklärt worden, wer für die Pflege der Wege zuständig ist, und die Fördermitglieder der Leader-Region unterstützen die Maßnahmen.

Auch aus dem „Dialog Kutsche“ ist die Idee des Heide-Kutschers entstanden. Das Format des Kutschfahrers und Fremdenführers in einem gab es bereits vor einigen Jahren, berichtet Meyer, es sei aber eingeschlafen. Nun wurde es wieder aktiviert und erst Anfang August wurden qualifizierte Heidekutscher fortgebildet, damit sie ihre Mitfahrer über die Entstehung der Lüneburger Heide, die Heidebauernwirtschaft, Charakterarten der Heide und Landschaftsspflege informieren können.

Von Eske Hansen

Mehr dazu:

Nach erneutem Kutschenunfall in Lebensgefahr

Heide-Kutsche umgekippt