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Aeham Ahmad und Lamis al-Khateed wollen in Reinstorf an die Hölle von Jarmuk erinnern. Foto: t&w

„Er gab sein Leben. Das verpflichtet uns.“

Reinstorf/Jarmuk. Die Schrecken von Krieg und Verfolgung haben lange einen Bogen um Reinstorf gemacht. Bis jetzt. Ab Donnerstag, 22. August, macht das Kulturzen trum „One World“ in der Ostheide erlebbar, wie es sich „im innersten Kreis der Hölle“ anfühlte. So hatte der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon das Stadtviertel Jarmuk im Süden von Damaskus bezeichnet, als er den „Horror von Syrien“ beschrieb.

Aeham Ahmad überlebte als „Pianist aus den Trümmern“ die Aushungerung, Bombardierung und völlige Zerstörung Jarmuks. Am Freitag, 23. August, gibt er um 20 Uhr im One World ein Konzert und liest aus seinem Buch.

Aber auch die Toten geben Zeugnis ab: 26 Fotos des von der UN ausgezeichneten und vom Assad-Regime in seinen Folterkellern ermordeten palästinensischen Fotografen Niraz Saied werden in einer Ausstellung gezeigt. Seine Ehefrau Lamis al-Khateeb, die mittlerweile als Zahnärztin in Lüneburg lebt, wird bei der Eröffnung dabei sein. Der Dokumentarfilm „Letters from Jarmuk“ erlebt seine deutsche Erstaufführung.

Jarmuk ist für den syrischen Bürgerkrieg das, was Leningrad für den Zweiten Weltkrieg war. Auf diesen zwei Quadratkilometern am Rande von Damaskus bündelte sich wie in einem Brennglas die Barbarei des Krieges.

Jarmuk, der „innerste Kreis der Hölle“

1957 hatte die syrische Regierung dort ein Zeltlager für palästinensische Flüchtlinge errichtet. Im Lauf der Jahrzehnte war die Hauptstadt von Norden näher gerückt, hatte schließlich das Camp eingemeindet. 2011 lebten 160.000 Palästinenser und 700.000 Syrer in Jarmuk, in dem es keine Zelte mehr gab, sondern Kliniken, Schulen, Strom und Müllabfuhr. Lange galten die Palästinenser von Jarmuk als loyal zu den Assads, weil die Diktatoren zumindest mit Worten ihr Rückkehrrecht nach Palästina garantierten. Doch als das Viertel, das nur wenige Kilometer von seinem Amtssitz entfernt war, ein Stützpunkt oppositioneller Kämpfer wurde, schlug Assad zu.

MiG-Bomben und Blockade

„Ich kann diese Nacht nicht vergessen“, sagt Lamis al-Khateeb. Die junge Palästinenserin arbeitete Ende 2012 als Zahnärztin in Damaskus. „Plötzlich rückten Einheiten der syrischen Armee und andere bewaffnete Gruppen in Jarmuk ein, MiG-Kampfjets warfen Bomben ab. Um fünf Uhr morgens floh ich.“ Und mit ihr 80 Prozent der syrischen Palästinenser aus Jarmuk, die Syrer waren schon vorher geflohen.

Knapp 20.000 Menschen blieben: Alte; Menschen, die nicht bei Angehörigen außerhalb des Viertels unterkommen konnten; Islamisten; palästinensische Kämpfer – und Niraz Saied. „Mein Mann war Journalist. Er trug nie eine Waffe, nur seine Kamera. Er wusste, dass er sich in Lebensgefahr bringt, aber er wollte die Wahrheit über das Leiden der Schwächsten dokumentieren.“

Drei Brüder werden zu den „Three Kings“

Also fotografierte Niraz. Die alte Dame, die wegen ihrer unbehandelten Diabetes ihre Zähne verlor. Die drei Brüder mit kahlrasierten Köpfen, denen die Ausreise aus dem von der syrischen Armee abgeriegelten Viertel sogar für eine medizinische Behandlung verweigert wurde. „Three Kings“ nannte Saied das Foto. 2014 wurde er für dieses Foto von der UN-Agentur für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) ausgezeichnet. Seine Bilder zeigen ausgemergelte Gestalten. Zweieinhalb Jahre ließen die Belagerer kaum Lebensmittel in das Viertel. Wie die Leningrader im Zweiten Weltkrieg mussten sich die Einwohner Jarmuks von Unkraut, Katzen und Hunden ernähren.

Musik lässt die Vögel wieder singen

Es entstanden aber auch Bilder, die Trotz und Hoffnung ausstrahlen – wie „Der Pianist in den Trümmern“. Aeham Ahmad blinzelt lausbubenhaft in der Reinstorfer Sonne, während er die traurig-schöne Geschichte hinter diesem Bild erzählt: „Den Chor, mit dem einige Jungs aus dem Viertel und ich eine zeitlang gegen den Hunger angesungen hatten, gab es schon nicht mehr. Ich konnte es den anderen nicht verübeln. Das Wasserholen von einer der letzten funktionierenden Leitungen und das tagelange Anstehen nach ein paar Kilo Reis von der UN forderten ihren Tribut. Also sollte ich allein für ein Foto an meinem Klavier in den Ruinen singen. Mein Freund war gereizt, weil er das 250 Kilo schwere Klavier alleine durch die Straßen schob, während Niraz lieber fotografierte. In der Palästinastraße sagte Niraz plötzlich: ‚Das ist es.‘ Früher war dort alles voller Geschäfte, jetzt – nach Wochen der Bombardements und einer Autobombe – nur noch Trümmer. Eine Frau brachte uns ihren letzten Kaffee, den sie für einen besonderen Anlass aufbewahrt hatte.

Erst wusste ich nicht, was ich singen sollte. Dann stimmte ich das Gedicht an, das mir wenige Tage zuvor Ziad, der Honiverkäufer, gegeben hatte. Er hatte es für seine Frau geschrieben, die hochschwanger nicht durch den Checkpoint gelassen worden war, weil ein Bürokrat ihren Namen im Passierschein falsch geschrieben hatte. Nach Stunden war sie kollabiert und gestorben. Als ich die Klaviertasten drückte, bemerkte ich drei Vögel auf einem Balkon im ersten Stock vor mir. Sie zwitscherten. Ein kleines Wunder, denn die Vögel verstummen bei all den Granaten und Schüssen als erstes – wenn sie nicht ohnehin für den Kochtopf geschossen werden. Meine Musik ließ sie wieder singen. In diesem Moment muss Niraz auf den Auslöser gedrückt haben.“

Die Rache des Regimes

Während die Bilder, die Niraz Saied in Jarmuk schoss, von Nachrichtenagenturen gedruckt wurden, konnte Lamis al-Khateeb ihren Mann nicht sehen – obwohl sie nur wenige hundert Meter voneinander entfernt lebten. Zu lückenlos war der Belagerungsring, den die syrische Armee um das Viertel gezogen hatte, in das im Jahr 2015 Einheiten des IS eingerückt waren.

In dem Jahr nutzte die Zahnärztin einen Forschungsauftrag einer spanischen Stiftung, um nach Europa zu fliehen. Sie landete in Lüneburg. Als die IS-Dschihadisten Jarmuk als Brückenkopf gegen das Regime nutzten, wollte auch Saied sein Viertel verlassen, das laut UN-Chef Moon einem „Todeslager“ glich. „Das Regime sicherte meinem Mann freies Geleit zu“, sagt Lamis al-Khateeb. Zunächst hieß dies Hausarrest. „Dann wurde er im Oktober 2015 von einem Geheimdienstmann verraten und verhaftet.“

Sie hoffte und bangte, mied die Medienöffentlichkeit, um ihren Mann nicht zu gefährden. Vergeblich. Im Sommer 2018 teilten ihr syrische Behörden mit, dass ihr Mann anderthalb Jahre zuvor gestorben sein soll. Vermutlich wurde er 27 Jahre alt. „Sie haben meine Liebe getötet“, schrieb sie auf Facebook.

Zweierlei Leid

Niraz‘ Mutter will bis heute nicht glauben, dass ihr Sohn tot ist. Aber Lamis al-Khateeb ist davon überzeugt, dass ihr Mann als unbequemer Zeuge der Gräueltaten auch gegenüber Zivilisten von Anfang an keine Chance hatte. Das Leiden der palästinensischen Flüchtlinge in Syrien entspräche dem Leiden der Syrer im Bürgerkrieg, betont sie. Zugleich ist sie aber auch überzeugt, dass Assad „die Chance genutzt hat, um sich der Palästinenser zu entledigen.“

Selbst wer mühselig zu Fuß über die Balkanroute entkommt, wie Aeham Ahmad, seine Frau Tahani und ihre beiden Kinder, fühlt sich oft wie ein Flüchtling zweiter Klasse. „Ich war von der EU und der Regierung in Rom eingeladen worden, im Vatikan ein Konzert zu geben. Als der Beamte am Mailänder Flughafen aber meinen Pass mit dem Vermerk ‚staatenlos‘ sah, musterte er mich von oben bis unten nach Indizien dafür, dass ich ein Terrorist sei.“

Saieds Botschaft

Viele Zufälle sorgten dafür, dass das „One World“ in Reinstorf ein Schlaglicht auf die Hölle von Syrien werfen kann. So hatte das unter anderem in der Flüchtlingshilfe aktive Ehepaar Mechthild und Hans Karl Henne vor einiger Zeit ein Konzert Aeham Ahmads organisiert. Anschließend las der Pianist aus seinem berührenden Buch „Und die Vögel werden singen“ (S. Fischer), in dem er die versunkene Welt von Jarmuk wiederauferstehen lässt. Als in einer Passage die Frau von Niraz erwähnt wurde, „schoss mir das Blut in den Kopf“, wie sich Lamis al-Khateed erinnert, die damals unerkannt im Publikum saß.

Sie stand auf und sagte: „Ich bin diese Frau.“ Mechthilde Henne: „Mir wäre fast das Herz stehen geblieben.“ Seitdem sorgt das rührige Quartett dafür, dass das Schicksal der Bewohner von Jarmuk nicht vergessen wird.
An guten Tagen lindert es seine Schuldgefühle, überlebt zu haben, wenn er die Musik aus den Trümmern spielt, sagt Aeham Ahmad. Und die Angst um den Bruder, der vor acht Jahren in die Hände der Schergen Assads fiel.

„Niraz hat sein Leben gegeben, deshalb müssen wir seine Botschaft weitertragen“, sagt seine Frau.

Von Joachim Zießler

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Never forget Jarmuk

Aeham Ahmad (v.l.), Hans Karl und Mechthild Henne, Lamis al-Khateeb und Jens Thomsen, Vorsitzender des „One World“ in Reinstorf. Foto: t&w

Das One World in Reinstorf, Alte Schulstraße 1, bietet im August zwei besondere Veranstaltungen: Am Donnerstag, 22. August, 19 Uhr, wird die Ausstellung mit Fotos des preisgekrönten Journalisten Niraz Saied eröffnet. Dazu wird in deutscher Erstaufführung der Dokumentarfilm „Letters from Jarmuk“ in arabischer Sprache mit deutschen Untertiteln gezeigt. Am Freitag, 23. August, 20 Uhr, gibt Aeham Ahmad – der „Pianist aus den Trümmern“ – ein Konzert. Anschließend liest er aus seinem Buch „Und die Vögel werden singen“.