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Ein Kuhstall: Für die meisten Austauschschüler unbekanntes Terrain. (Foto: be)

Vom Großstadtdschungel in den Kuhstall

Echem. Gewisse Berührungsängste sind nicht von der Hand zu weisen: Den Kühen im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum Echem nähern sich die 25 chinesischen Austauschschüler zunächst mit einem gehörigen Sicherheitsabstand. Ihre Smartphones dienen ihnen nicht nur dazu, wie wild Fotos zu knipsen, sondern auch als Schutzschild gegen den typischen Stallgeruch. Kein Wunder, die meisten von ihnen haben noch nie eine echte Kuh aus der Nähe gesehen, die Teenager stammen aus Wen-zhou, einer Stadt mit 10 Millionen Einwohnern.

Eintauchen in eine völlig fremde Welt

Bereits zum achten Mal findet in diesem Sommer der zweiwöchige Schüler-Austausch mit China statt. In der ersten Woche steht immer eine Reise durch Deutschland auf dem Programm, die zweite Woche verbringen die Achtklässler in Scharnebeck, besuchten schon das Freilichtmuseum am Kiekeberg und machten eine Stadtführung durch Lüneburg.

„Sie tauchen hier wirklich in eine völlig fremde Welt ein, weil sie das Landleben einfach nicht kennen“, weiß Lehrer Konstantin Kliem, der die deutschen Schüler regelmäßig nach China begleitet. Fragt man die Schüler, was ihnen in Deutschland besonders gut gefällt, dann ist das vor allem die Natur und die ruhige Umgebung. Kliem: „Das beschauliche Scharnebeck bildet einen absoluten Kontrast zum hektischen Alltag in Wenzhou.“

Sie wohnen fast alle in Hochhäusern

Die chinesischen Schüler seien auch vom Schulleben an dem Gymnasium begeistert, sagt Zhou Minque, Lehrerin in Scharnebeck. „Primär, weil der Unterricht hier schon am Nachmittag vorbei ist“ sagt die Chinesin schmunzelnd. „Dass viele Familien hier in eigenen Häusern mit Garten leben, ist für unsere Gäste kurios, sie wohnen zu Hause fast alle in Hochhäusern und kennen maximal einen Balkon.“ Zhou Minque unterrichtet am Gymnasium Scharnebeck unter anderem ihre Muttersprache. Vier Unterrichtsstunden zusätzlich sind das für die Schüler, freiwillig. Das Wahlfach wird gut angenommen, sicherlich nicht zuletzt wegen des Austauschs.

Wie es zu dem kam erzählte Schulleiter Thomas Müller der LZ bereits im vergangenen Jahr: „2011 habe ich meine Herbstferien in China verbracht. Dort habe ich an einer Internationalen Schulkonferenz teilgenommen und einen anderen Schulleiter kennengelernt. Da kamen wir auf die Idee, und 2012 ging es dann auch schon los. Zum Glück haben wir schnell Sponsoren gefunden.“

Der Andrang bei den Zehntklässlern ist groß, Wartelisten sind die Regel. Zwar hätten viele seiner Schüler schon etwas von der Welt gesehen, aber China sei eben immer noch exotisch. Die Scharnebecker gehen im kommenden Herbst wieder auf große Reise.

Ein halbes Jahr China-AG ist Pflicht

Der Austausch ist übrigens nichts für Kurzentschlossene: Voraussetzung ist es, mindestens ein halbes Jahr an der China-AG teilzunehmen, um ein bisschen mit Kultur, Geschichte und Sprache des Landes vertraut zu werden. „Das ist ganz wichtig, denn man lebt ja in den Familien“, betont Kliem. Aufgrund der kulturellen Unterschiede sei auch nicht alles von Anfang an reibungslos verlaufen, verrät er.

„Bei uns in China fährt man nur Auto und Bus.“ – Zhen Yile , Austauschschülerin

Austauschschülerin Zhen Yile gefällt es sehr gut in Deutschland, sie möchte nun auch noch andere Länder in Europa kennenlernen. Was sie in Deutschland erwartet habe? „Ganz viele schicke Männer und schöne Frauen“, antwortet die 13-Jährige. Eine Vorstellung, die sich erfüllt habe, wie sie kichernd sagt. Positiv aufgefallen ist ihr, dass so viele Fahrräder und E-Scooter auf den Straßen zu sehen sind. „Bei uns in China fährt man nur Auto und Bus“, erklärt Yile. Gewöhnungsbedürftig sei für sie das Frühstück. Kühe habe sie aber sehr wohl schon einmal gesehen, berichtet sie stolz. „Im Urlaub in der Mongolei.“

Von Lea Schulze