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Der Nächste bitte: Im Wartezimmer müssen sich die Patienten gedulden, bis sie an die Reihe kommen. Doch oft ist schon der Weg ins Wartezimmer mit Warten verbunden. Foto: Adobe Stock

Gut gemeint, schlecht gemacht

Lüneburg. Für gesetzlich versicherte Patienten soll es zügiger gehen, einen Termin bei einem Arzt oder Psychotherapeuten zu erhalten. Das ist das Ziel des „Terminservice- und Versorgungsgesetzes“ (TSVG). Umsetzen sollen es in der Praxis die Kassenärztlichen Vereinigungen. In Lüneburg lud die KVN am Donnerstag zu einem Gespräch ein. Kurzgefasste Botschaft: Für Betroffene dürfte es am Ende wohl nicht viel besser laufen als vorher. Zudem fühlen sich Mediziner gegängelt, Gesundheitsminister Jens Spahn sei „übergriffig“, akzeptiere die Berufsfreiheit und -gestaltung der Ärzte nicht, er hätte ihnen durch ihre Selbstverwaltung überlassen sollen, wie sie Vorgaben umsetzen.

Zunächst klingt es gut, was der Gesetzgeber erreichen möchte: Ärzte sollen ihre Mindestsprechzeiten von 20 auf 25 Stunden erhöhen, sie müssen zudem fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde anbieten. Für Jörg Berling, er ist stellvertretender KVN-Vorstandsvorsitzender, den KVN-Bezirksvorsitzenden Holger Schmidt und Detlef Haffke, verantwortlich für Kommunikation, kann das Vorhaben zum Boomerang werden, eine schlechtere medizinische Versorgung könne die Folge sein. „Auf dem Land arbeiten Ärzte über die Rente hinaus, weil es kaum Nachwuchs gibt“, sagt Schmidt. „Kollegen überlegen, ihre Kassenzulassung zurückzugeben.“ Zu viel Bürokratie. Bei rund fünf Prozent Landärzten könnte das ein Versorgungsproblem werden.

Ärzte arbeiten im Schnitt 55 Stunden pro Woche

Haffke nennt Zahlen: Es praktizieren rund 14.500 Ärzte in Niedersachsen, die im Durchschnitt 35 Sprechstunden pro Woche anbieten. Lediglich bei 99 sei der Wert von 20 Stunden unterschritten worden. Im Mittel arbeite ein Arzt inklusive organisatorischer Aufgaben und Fortbildungen 55 Stunden pro Woche.

Berling macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Es liege beim Arzt, wann er offene Sprechstunden anbiete. Verteilt er die, könne es sein, das zu einer offenen Stunde 20 Patienten erscheinen: „Was macht der nach der Stunde? Schickt er zehn wieder nach Hause?“ Schmidt, Hausarzt in Uelzen, findet die Vorgabe überflüssig: Er und seine Kollegen schickten schon heute niemanden mit akuten Beschwerden vor die Tür.

Natürlich gebe es Probleme, waren sich die drei mit dem Lüneburger KVN-Geschäftsführer Oliver Christoffers einig. Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass es schwierig sei, einen Termin beim Facharzt zu erhalten. Sie sehen dafür mehrere Gründe: Die Bevölkerung werde älter, mehr brauchen einen Arzt; die Anspruchshaltung sei gewachsen, es müsse im Nu auch bei kleineren Beschwerden Hilfe her; der Patient informiere sich im Internet und komme mit einer eigenen Beurteilung. Oftmals müssten die Mediziner Menschen beruhigen, überspitzt formuliert: Der Kopfschmerz ist nicht Folge eines Hirntumors, sondern ein weniger dramatischer Spannungskopfschmerz. Das glaube nicht jeder und hole sich mehrere Befunde ein – und blockiert Kapazitäten.

Das neue Angebot soll auch online funktionieren

Die KVN-Vertreter plädieren dafür, den Hausarzt als Lotsen zu nutzen, der an den Fachmann vermittelt – was eben nicht immer notwendig sei. Nicht jedes Zwicken und Stechen im Rücken bedeute einen Bandscheibenvorfall.

Das neue Gesetz schreibe zudem vor, dass zum Jahreswechsel unter einer bundeseinheitlichen Rufnummer (116117) Termine vereinbart werden können, auch der kassenärztliche Bereitschaftsdienst soll so zu erreichen sein. Künftig müsse das Telefon rund um die Uhr besetzt sein. Um das zu organisieren, will die KVN ein Serviceunternehmen einschalten statt eigenes Personal vorzuhalten. Denn man wisse gar nicht, wie viele Anrufe es gebe.

Das neue Angebot, es soll auch online funktionieren, übernimmt eine steuernde Funktion: Über einen Fragenkatalog werde eingeschätzt, was dem Anrufer fehlt, wie dringend sein Fall ist und wer ihm helfen kann. Also Arztpraxis, Bereitschaftsdienst oder Notaufnahme eines Krankenhauses, möglicherweise kommt der Rettungswagen.

Problem des Mangels an Landärzten bleibt

Auch hier haben die Ärzte Zweifel, wie effektiv die Neuerungen sind. Denn in der in Niedersachsen schon jetzt bestehenden Terminservicestelle gehen im Jahr knapp 80.000 Anrufe ein. Das mache weniger als ein Prozent der Vermittlungen an Fachärzte aus, denn in der Regel überweist ein Doktor an seinen Kollegen. Zur Einordnung: Fachärzte behandelten laut KVN vergangenes Jahr 32 Millionen „Fälle“, 9,5 Millionen davon auf Überweisung.

Einen weiteren Service bietet die KVN im kommenden Jahr an. Im Internet können Patienten unter der Adresse arztauskunft-niedersachsen.de die Sprechzeiten von Ärzten als auch deren offenen Sprechstunden abrufen. All das werde eine Herausforderung nicht beantworten, nämlich den Arztmangel auf dem Land: Es fänden sich nur schwer Kollegen, die in abgelegene Orte zögen.

Von Carlo Eggeling