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In Lüneburg werden pro Jahr rund 75 Krankenpfleger ausgebildet. (Foto: Adobe Stock)

„Geeignete Bewerber zu finden, ist schwieriger geworden“

Lüneburg. Bundesweit sollen mehrere zehntausend Pflegekräfte in Kliniken fehlen. Doch trotz des Fachkräftemangels bildet nur jede zweite Klinik in Deutschland Personal aus. Das Lüneburger Klinikum und die Psychiatrische Klinik Lüneburg machen es. Antje Schäfer fragte dazu Dr. Michael Moormann, Geschäftsführer des Klinikums (SKL), und Rolf Sauer, Geschäftsführer der Psychiatrischen Klinik (PKL) und der Gesundheitsholding Lüneburg.

Herr Dr. Moormann und Herr Sauer, laut Bundesagentur für Arbeit bleiben Stellenangebote für examinierte Krankenpflegefachkräfte im Bundesdurchschnitt mehr als ein halbes Jahr vakant. Wie sieht das im Klinikum und der Psychiatrischen Klinik aus?

Dr. Michael Moormann: Abhängig von Zeitpunkt und Bereich können wir freie Stellen in der Pflege des Klinikums innerhalb von vier bis sechs Monaten wiederbesetzen.

Rolf Sauer: Auch in der Psychiatrischen Klinik benötigen wir weniger als ein halbes Jahr, um frei werdende Stellen mit neuen Pflegekräften zu besetzen.

Ist der Grund dafür, dass vor Ort selbst ausgebildet wird und wie läuft das?

Sauer: Wir profitieren sehr von unserem Engagement in der Ausbildung und sind stolz darauf, aus beiden Pflegeschulen viele neue Kolleginnen und Kollegen für unsere Häuser zu rekrutieren. Stellen, die während der Sommermonate frei werden, werden im Herbst überwiegend mit frisch examinierten Pflegekräften aus unseren Schulen besetzt.

Wie viele Plätze gibt es pro Ausbildungsjahr und sind die nachgefragt oder bleiben manche unbesetzt?

Moormann: Das Klinikum Lüneburg bildet an der Schule für Pflegeberufe zusammen mit der DRK Augusta-Schwesternschaft aus. Pro Jahr bieten wir 45 Ausbildungsplätze für Gesundheits- und Krankenpfleger/Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger an. Bisher konnten meistens alle Plätze besetzt werden, es ist aber schwieriger geworden, da es nicht mehr so viele geeignete Bewerber wie früher gibt.

„In diesem Jahr werden wir wahrscheinlich zum ersten Mal nur 28 Plätze besetzen können.“ – Rolf Sauer , Geschäftsführer der Psychiatrischen Klinik

Sauer: An der Krankenpflegeschule der PKL werden pro Jahr 30 Ausbildungsplätze angeboten. In diesem Jahr werden wir wahrscheinlich zum ersten Mal nur 28 Plätze besetzen können, da es nicht ausreichend viele passende Bewerbungen gab.

Gibt es oder gab es schon immer bestimmte Angebote, die eine Ausbildung hier besonders attraktiv machen?

Michael Moormann, Geschäftsführer des Klinikums Lüneburg. (Foto t&w)

Moormann: Unsere Schule ist eine relativ kleine Schule mit 135 genehmigten Schulplätzen. Das bedeutet, dass wir unsere Auszubildenden sehr gut kennen. Dadurch sind wir in der Lage, sie eng zu begleiten und Unterstützung zu geben, wenn dies gewünscht wird. Die theoretische Ausbildung erfolgt ausschließlich im Blockunterricht. Unsere Erfahrung ist, dass die Auszubildenden so an den unterrichteten Themen dranbleiben und nicht den gedanklichen Anschluss verlieren. Unterrichtsausfall gibt es an unserer Schule nicht. Wenn ein Kollege erkrankt, wird das Thema eines anderen Kollegen vorgezogen und der Inhalt des ersetzten Unterrichts so zeitnah wie möglich nachgeholt. Daneben bieten wir den Auszubildenden die Möglichkeit des Lerncoachings an. Manche benötigen nur einige wenige Sitzungen bei einer speziell ausgebildeten Kollegin und können dann alleine vorankommen. Andere benötigen eine längere Unterstützung.

In den Einsatzgebieten der praktischen Ausbildung am Klinikum werden die Schüler von speziell ausgebildeten Praxisanleitern begleitet. Während ihrer Praxisphasen am Klinikum, der Psychiatrischen Klinik, in Rehabilitationskliniken, der ambulanten Pflege der DRK Augusta-Schwesternschaft und bei weiteren kooperierenden Einrichtungen werden sie von unseren Lehrkräften besucht. Dadurch halten wir auch außerhalb der Schule Kontakt mit ihnen, und mögliche Probleme in der praktischen Ausbildung können schnell geklärt werden.

Erfreulich ist auch, dass unsere Ehemaligen sich weiter der Ausbildung des Nachwuchses verpflichtet fühlen und sich zu Praxisanleitern ausbilden lassen. Auf diese Weise behält die Schule über eine lange Zeit Kontakt mit den ausgebildeten Pflegefachkräften.

Rolf Sauer, Geschäftsführer der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (Foto: be)

Sauer: Auch wir machen die Erfahrung, dass eine „kleine“ Schule für Bewerber attraktiver ist als ein Massenbetrieb in einer Großstadt. Unsere individuelle Ausbildungsbegleitung und -förderung wird sehr geschätzt. Wie in der Schule des Klinikums fördern wir die Lernfähigkeiten durch einen Lerncoach, die Anleitung auf den Stationen durch Bezugspersonen für jeden Schüler, Begleitung durch die Lehrkräfte bzw. Kursleitungen und Praxisanleiter. Im Rahmen von Erst- und Zwischengesprächen reflektieren wir unter anderem die persönliche Entwicklung und unterstützen in besonders belastenden Situationen auch durch Zusammenarbeit mit der Betriebsärztin und einer psychologischen Notfallbetreuung.

Noch eine Anmerkung zur praktischen Ausbildung: Am Klinikum haben die Auszubildenden beider Schulen die Möglichkeit, neben der stationären Pflege auch die Funktionsbereiche, wie Endoskopie, OP, Anästhesie und Zentrale Notaufnahme, kennenzulernen. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir an beiden Pflegeschulen im Rahmen der praktischen Ausbildung das gesamte pflegerische Berufsfeld abdecken und unseren Auszubildenden einen wirklich breiten Einblick in das Arbeitsfeld der Pflege geben können.

Wird nach dem Examen jeder übernommen oder streben manche von sich aus Arbeitsplätze in anderen Einrichtungen an?

Moormann: In den letzten Jahren konnte allen Auszubildenden ein Arbeitsplatz entsprechend ihrer Vorlieben angeboten werden. Dadurch, dass wir mit der Gesundheitsholding zwei große Kliniken plus der Orthoklinik und dem Seniorenzentrum Alte Stadtgärtnerei im Verbund haben, ist die Auswahl sehr groß und jeder Auszubildende kann „seinen“ Arbeitsplatz hier finden. Nicht zu vergessen ist die gute Zusammenarbeit mit der DRK Augusta-Schwesternschaft, in der auch eine ganze Reihe unserer ehemaligen Auszubildenden arbeiten.

Sauer: Alle Schüler, die sich bewerben, werden bei persönlicher Eignung übernommen. Aber natürlich gibt es in jedem Kurs auch Auszubildende, die sich nach dem Examen für eine andere Klinik, ein anderes Land oder ein weiterführendes Studium entscheiden. Manche von ihnen kommen danach auch wieder zu uns zurück.

„Bei der Verantwortung, die Pflegekräfte tragen, sollte die Bezahlung höher sein.“– Michael Moormann , Geschäftsführer des Klinikums

Hohe Belastung, schlechte Bezahlung – der Pflegeberuf leidet unter einem schlechten Image. Was kann seitens der Kliniken und Ausbildungseinrichtungen getan werden, damit sich das ändert?

Moormann: Bei der Verantwortung, die Pflegekräfte tragen, sollte die Bezahlung höher sein. Sie ist aber – zumindest in tarifgebundenen Häusern – besser als ihr Ruf. Das Tabellenentgelt liegt bereits zu Berufsbeginn zwischen 2 800 und 2 970 Euro brutto. Dazu kommen Schichtzulagen, Zeitzuschläge und Altersversorgungsleistungen, sodass das Einkommen schon im ersten Jahr nach der Ausbildung monatlich zwischen 3 300 und 3 500 Euro brutto liegt. Zur Verringerung der Belastung investiert das Klinikum Lüneburg viel in Personalausstattung, Infrastruktur und Führung. Für die Pflegekräfte sind eine gute Schichtbesetzung zur Versorgung der Patienten sowie gutes Versorgungsequipment sehr wichtig. Darüber hinaus bieten wir viele Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für unsere Pflegekräfte an.

Weiterhin sind regelmäßige Gespräche zwischen Mitarbeitern und Führungskräften wichtig, um Mitarbeiterfähigkeiten zu fördern, Ideen der Mitarbeiter zu unterstützen sowie Sorgen abzubauen. In diesem Bereich schulen wir im SKL die Führungskräfte regelmäßig.

Um die Arbeitsbelastung durch Prozessanpassungen zu senken sowie kurzfristige Personalausfälle durch innovative Maßnahmen zu bewältigen, werden die Mitarbeiter in Projektgruppen von Beginn an einbezogen. Darüber hinaus wird zusätzliches Engagement unserer Mitarbeiter im SKL honoriert. Wir bieten den Pflegekräften einen sicheren, attraktiven und vielfältigen Arbeitsplatz, den sie mitgestalten können.

Sauer: Ergänzend zur genannten guten Schichtbesetzung, zahlreichen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, Führungskräfteschulung und Mitarbeitergesprächen haben wir an der PKL ein Personalentwicklungskonzept etabliert. Unter anderem fördern wir genauso wie die Schule des Klinikums ein Pflegestudium im Rahmen der Pflegeausbildung. Eine regelhaft stattfindende Supervision hilft dabei, belastende berufliche Situationen besser verarbeiten zu können. Das zahlenmäßige Verhältnis der Mitarbeiter zu den zu versorgenden Patienten ist eine stabile Größe in der PKL. Außerdem investieren wir sehr viel in neue Möglichkeiten der ambulanten Behandlung, was zu einer Entlastung der vollstationären Versorgung führt.

Perspektivisch wird die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen eine der großen Herausforderungen bleiben, denn insbesondere bei jüngeren Kollegen verlagert sich der Schwerpunkt von der Arbeit hin zur Wahrnehmung von Individualinteressen und Freizeit.

Unabhängig vom Engagement unserer Häuser gilt, dass der Pflegeberuf eine extrem hohe soziale Anerkennung genießt. Leider wird das in der bundesweiten Berichterstattung über den Pflegenotstand und dessen Folgen viel zu wenig beachtet, was auch zum „schlechten Image“ dieses wertvollen Berufs beiträgt.

Von Antje Schäfer