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Der Polizist (r.) mit seinem Rechtsanwalt Lorenz Hünnemeyer. Der Beamte ist nur noch bedingt im Dienst einsatzfähig, wird ein Leben lang unter den Folgen der Attacke leiden. (Foto: A/phs)

Das Opfer leidet lebenslänglich

Lüneburg. Als das verhängnisvolle Dorffest in Meckelfeld zum nunmehr vierten Mal vor Gericht in Erinnerung gerufen wurde, bröckelte die Selbstbeherrschung bei der Frau des Opfers. Als der Vorsitzende Richter Kay Lange schildert, wie der Polizist Giulio F. nach einem Fausthieb ohnmächtig mit dem Kopf auf den Asphalt prallte, wie sein Körper verkrampfte und er sich erbrach, flossen die Tränen. Denn diese Nacht zum 30. August 2015 trieb einen Keil in das Leben des Paares. Nur knapp überlebte der damals 31-jährige Polizist die schweren Kopfverletzungen. An den Folgen trägt er lebenslänglich. Freiheitsstrafen wurden zwei Mal gegen Lars G. (35) wegen des Schlages verhängt. Zwei Mal ging er dagegen vor, gibt an, sich wegen eines Filmrisses nicht an das Geschehen zu erinnern. Jetzt startete das Berufungsverfahren.

Fremdsprachen sind verschüttet

Am ersten Verhandlungstag stand vor der 7. kleinen Strafkammer der mühselige Kampf des Opfers zurück ins Leben im Mittelpunkt. Durch den ungebremsten Aufprall auf den Asphalt vor der Gaststätte „Schnurr-Bart“ hatte sich der Polizist einen Schädelbruch und ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Ärzte entfernten ihm Schädelknochen, um Blutgerinnsel zu entfernen. Nur so überlebte er. In der Reha musste er erst wieder Sprechen und Gehen lernen. Doch nicht alle Fähigkeiten sind rückholbar. So bleibt die italienische Sprache, in der sich das Opfer zuvor mit seiner Familie väterlicherseits verständigt hatte, verschüttet.

„Der eigene Fleiß, aber auch die Fürsorge seiner Polizeidienststelle“ haben seinen Mandanten seit dem ersten Prozess Fortschritte machen lassen, sagte Rechtsanwalt Lorenz Hünnemeyer in einer Prozesspause. So arbeitet er wieder sieben Stunden am Tag als Polizist im Innendienst. Und dennoch wird der junge Mann bestimmte Grenzen nie mehr überschreiten können, wie er vor Gericht freimütig aussagte: „Ich bin nun Epileptiker, hatte mittlerweile drei Anfälle. Ich bin schnell müde, habe Schwierigkeiten, aufzupassen, Infos abzuspeichern und zu verstehen. Die Hirnleistung ist vermindert. Es ist peinlich für mich, mit Fremden zu telefonieren, die nicht wissen, warum ich manchmal die Worte nicht finde. Das Ganze ist auch eine Belastung für meine Frau. Die Entstellung meines Gesichtes erinnert mich immer an das Geschehen.“

An das Tatgeschehen selbst hat das Opfer keinerlei Erinnerung mehr. Er weiß nur aus den Akten, dass es damals in Meckelfeld (Kreis Harburg) vor 1 Uhr zu einer Prügelei von Dorffestbesuchern mit Türstehern kam. Polizisten wurden zu Hilfe gerufen. Der damals 31-Jährige war als Erster vor dem „Schnurr-Bart“, wo er sofort niedergestreckt wurde. Lars G. rannte zunächst vom Tatort weg, kam später wieder. Dabei wurde er von einem Türsteher als Täter erkannt, Polizisten nahmen ihn fest.

Der Angeklagte bleibt bei seiner bereits vor dem Amtsgericht Winsen gemachten Aussage, wonach er sich nur noch daran erinnere, vor dem „Schnurr-Bart“ Reizgas in die Augen bekommen zu haben. Danach setze seine Erinnerung erst wieder in der Zelle der Polizei ein. „Unter Alkoholeinfluss“ – sein Blut wies nach der Tat 2,1 Promille auf – „bin ich lustig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich es war.“ Keine Erklärung hatte der inzwischen 35-Jährige auch für die geröteten Knöchel seiner rechten Hand.

Celle sieht „fehlerhafte Beweiswürdigung“

Erklärungen forderte das Oberlandesgericht Celle aber für eine aus seiner Sicht „fehlerhafte Beweiswürdigung“. Insbesondere war der Revisionsinstanz aufgestoßen, dass die 9. kleine Strafkammer zwar die Aussage des Türstehers glaubte, dass Lars G. der Täter sei, zugleich aber einen anderen Tatablauf annahm. Während der Türsteher geschildert habe, dass sich der Täter an den Polizisten angeschlichen habe, ging das Gericht damals davon aus, dass der Angeklagte den Ort habe verlassen wollen und ihm der Polizist den Weg versperrt habe. Das Amtsgericht Winsen hatte Lars G. zu vier Jahren Haft verurteilt, seine Verteidiger Freispruch gefordert. Was steht dieses Mal am Ende?

Von Joachim Zießler