Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Befreundet sind Jürgen (l.) und Ingrid Hammer (r.) nicht mit Dirk und Martina Müller. Gleichwohl pflegen die Vermieter mit ihren Mietern aber einen offenen und ehrlichen Umgang. Ab und an wird auch über Privates gesprochen. (Foto: t&w)

Wenn es einfach passt…

Lüneburg. Jürgen Hammer hatte keine einfache Kindheit, er hat früh gelernt, mit wenig auszukommen. „Meine Eltern hatten wirtschaftlich schlimme Schwierigkeiten“, sagt er und berichtet vom Hungern, seinem Aufwachsen in einem Armenhaus, aber auch von sehr viel Herzenswärme. Seine Schwester musste mit 13 Jahren fort und ein Pflichtjahr absolvieren, weil ihre Eltern kein Geld hatten, um sie mit durchzubringen. Eingeführt wurden die zwölf Monate Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft damals von den Nationalsozialisten. Eine Zeit, in der Jürgen Hammer herangewachsen ist.

Heute ist der Lüneburger 84 Jahre alt, längst noch nicht im Ruhestand und besitzt mit seiner Frau 64 Wohnungen in der Stadt – eine Wendung um 360 Grad. „Wir sind fast 58 Jahre zusammen, dadurch habe ich die andere Seite des Lebens kennengelernt.“

Auf das, was er sich in vielen Jahrzehnten mühsam und größtenteils mit seinen eigenen Händen aufgebaut hat, ist Hammer stolz. Der Elektromeister hat das erste Haus im Jahr 1962 selbst gebaut. Da wusste er noch nicht, dass weitere folgen würden.

Bei Mängeln sofort zur Stelle

Die Bodenhaftung hat der Mann, der aus dem Kreis Celle stammt und durch seine Frau nach Lüneburg kam, jedoch nie verloren. Auch um sicherzugehen, dass kein falsches Bild entsteht, sagt er: „Für uns zählt nicht nur das Geld, wir wollen wirtschaftlich zurechtkommen, schließlich haben wir auch Verpflichtungen gegenüber der Bank.“

Dass es sich bei Ingrid und Jürgen Hammer um Eigentümer handelt, die sich den Artikel aus dem Grundgesetz „Eigentum verpflichtet“ auf die Stirn geschrieben haben, ist von ihren Mietern zu hören. Sie seien immer erreichbar, „sehr freundlich“ und bei Mängeln meist innerhalb von ein oder zwei Tagen zur Stelle. Aus diesem Grund haben Dirk und Martina Müller, sie leben seit sechs Jahren in einer der Hammer-Wohnungen im Stadtteil Neu Hagen, ihre Vermieter im Rahmen der LZ-Aktion auch als FAIRmieter vorgeschlagen.

„Für uns zählt nicht nur das Geld, wir wollen wirtschaftlich zurechtkommen, schließlich haben wir auch Verpflichtungen gegenüber der Bank.“
Jürgen Hammer, Vermieter

Die Szene, die sich Dirk Müller bot, nachdem er die Anzeige seiner aktuellen Wohnung 2013 in der Zeitung entdeckte, und kurz darauf, mittags um 12 Uhr, bei Familie Hammer klingelte, hat sich in seinem Gedächtnis eingebrannt. Monate zuvor hatten seine Frau und er entschieden, den nächsten Schritt zu wagen und nach einer gemeinsamen Wohnung zu suchen. „Herr Hammer“, so nennt Müller seinen Vermieter, der ihn wiederum seit Jahren unverändert mit „Herr Müller“ anspricht, habe die Tür aufgemacht und noch gekaut. „Normalerweise kriegt man ja was auf die Ohren, wenn man genau zur Mittagszeit stört. Aber Herr Hammer, der hat mir gesagt, ich möge doch bitte im Wohnzimmer auf ihn warten, er müsse noch eben mit seiner Frau zu Ende zu Mittag essen.“

Die komplette Wohnung saniert

Für Dirk Müller war das Eis da schon gebrochen. Eine Weile Wartezeit, ein Gespräch, in dem er erfuhr, dass die Wohnung in dem 10-Parteien-Haus noch grundsaniert werden müsse, und eine Besichtigung eines vergleichbaren Apartments im Stockwerk darunter später, dann kam der Handschlag und die Ansage, doch bitte ihre jeweiligen Wohnungen zu kündigen. Die Müllers hatten fest damit gerechnet, sich bis zur Zusage noch eine Zeit lang gedulden zu müssen.

Nicht so bei Jürgen Hammer, er ist jemand, der nicht lang fackelt und zu seinem Wort steht. So war es auch bei der Sanierung. „Er hat wirklich alles neu gemacht, bis zur letzten Türzarge“, sagt Martina Müller, die sich nicht vorstellen kann, aus der 5-Zimmer-Wohnung, die sich auf 97 Quadratmeter erstreckt und über einen Balkon mit Blick ins Grüne verfügt, jemals wieder auszuziehen. Wie viel ihr Mann und sie zahlen, möchte sie nicht sagen, nur: „Die Miete ist wirklich okay von der Höhe her.“

Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit: Nicht nur die Mieter loben ihre Vermieter, weil diese sich sofort ins Auto setzen, wenn sonntags nach der Tagesschau das Heißwasser ausfällt oder der Heizkörper im Bad entscheidet, sich nicht mehr abschalten zu lassen. „Herr Hammer hat hier dann am Esstisch gesessen und versucht, einen Notdienst zu erreichen“, sagt Dirk Müller, der andersherum mit seiner Frau für die Hammers als das Mieter-Paradebeispiel dient. „Mit den Müllers haben wir erlebt, dass Vermieten wirklich Spaß macht“, sagt Jürgen Hammer, der auch schon Probleme mit Mietern hatte und der Verzweiflung nahe war. Nicht so bei Dirk und Martina Müller: „Die Art, wie die beiden Probleme ansprechen, ganz klar und direkt, ohne Rumeiern, das ist einfach super.“ Ist „Herr Hammer“ morgens mal am Nachbarhaus zugange, freut er sich, wenn er „Frau Müller“ trifft, die sich auf den Weg zur Arbeit macht. „Wir nehmen uns dann immer Zeit für einen kleinen Plausch.“

Es sind die Gespräche und Kontakte, die er so schätzt. Von Anonymität hält Jürgen Hammer nichts. „Auch mal etwas Privates zu erfahren, ist gut und wichtig. Dann kann ich auch den Mieter, der mal zwei Monate nicht zahlen kann, besser verstehen und auf ihn eingehen.“

Was macht einen fairen Vermieter aus?

FAIRmieter – die Bezeichnung, die sich die LZ für ihre Aktion ausgedacht hat, setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: „fair“ und „Vermieter“. Doch wann ist ein solcher eigentlich anständig oder gerecht? Eine Einschätzung dazu hat Philipp Aderhold, Rechtsanwalt des Lüneburgers Mietervereins.

Sie sind meist gefragt, wenn Mieter und Vermieter in Streit geraten. Was sind die häufigsten Konfliktherde?
Philipp Aderhold: Beratungen landen in der Tat nur auf meinem Schreibtisch, wenn etwas hakt. Viele Mieter informieren sich aber auch über Rechte, dann geht es um den Ein- oder Auszug, die Frage, ob man dann renovieren muss, welche gesetzlichen Möglichkeiten es gibt, die Kaution zurückzufordern. Etwa die Hälfte der Beratungen sind eher vorbeugender Natur oder dienen der Gewissensberuhigung. Dann gibt es natürlich noch anlassbezogene Situationen: Miet-erhöhungen und Mängel sind die bekanntesten Streitigkeiten, auch Eigenbedarfskündigungen sind ein großes Thema geworden. Fristlose Kündigungen sind dagegen eher die Ausnahme.

Was braucht es für ein gutes Verhältnis?
Die Grundlage müssen stets die gesetzlichen Regelungen sein, oft findet keine Kommunikation statt. Ein Vermieter empfindet schon die Tatsache als unfair, dass ein Mieter den Mieterverein einschaltet und sich rechtlichen Rat einholt. Das ist nicht gesetzeswidrig und auch keine Beleidigung, sondern sein Recht. Es sollte die Regel sein, dass beide Seiten in der Lage sind, auf einer rechtlich fundierten Grundlage ein ergebnisoffenes Gespräch zu führen, sich auf Augenhöhe zu begegnen und da vor allem ohne Vorurteile reinzugehen. Daran fehlt es leider häufig, Vermieter hoffen, Mieter in ihrer Unwissenheit zu übertölpeln. Dem Mieterverein gegenüber stellen sie sich in Schreiben dann doof und erklären, dass sie gar nicht wussten, dass sie das nicht dürfen. Dabei wissen sie das ganz genau. Man darf nie vergessen: Ein Mieter steht immer schlechter da, er kann dabei seine Wohnung verlieren. Das Gericht rät im Zweifel immer dazu, doch besser auszuziehen und weist dann auf ein zerrüttetes Vertragsverhältnis hin. Das ist ein Totschlagargument. Wenn man sich von Anfang an die rechtlichen Rahmenbedingungen anschaut, muss es so weit gar nicht kommen. Denn dann wissen Mieter und Vermieter, was sie maximal verlangen können – und treffen sich in der Mitte. Eine solche Ausgangssituation gibt es leider viel zu selten.

Wann würden Sie einen Vermieter als fair bezeichnen?
Von Unfairness würde ich in jedem Fall sprechen, wenn ein Mieter den Forderungen seines Vermieters ausgesetzt ist und nicht weiß, was er dafür bekommt. Er sieht dann zum Beispiel nur, dass dieser nie Instandsetzungen durchführt und fünfmal angerufen werden muss, wenn es Mängel zu beseitigen gibt. Ein fairer Vermieter ist also jemand, der sich in solchen Fällen schnell mit seinem Mieter in Verbindung setzt. ap

Von Anna Paarmann