Aktuell
Home | Lokales | Bleckede | Schwärme wie Rauchwolken
Zu Tausenden umschwirren Zuckmücken Claudia Harms nahe ihrem Wohnhaus hinterm Elbedeich in Hohnstorf. Der sogenannte Massenschlupf der Insekten kommt nur alle paar Jahrzehnte vor. Foto: t&w

Schwärme wie Rauchwolken

Hohnstorf/Elbe. Claudia Harms, Ralf Brügmann und Luca Hadeler sind nur drei von vielen Menschen an der Elbe, die in diesen Tagen einem seltenen Naturphänomen begegnen. Abermillionen von kleinen Mücken tanzen zurzeit in Elbnähe, bilden mächtige Schwärme wie Rauchwolken. Die Mücken kleben massenhaft an Wänden und bevölkern Litfaßsäulen. Sie machen Spaziergänge für Mensch und Hund auf dem Deich zur Last, weil sie Hustenattacken auslösen, wenn sie bei der Begegnung mit einem der Schwärme eingeatmet werden.

„Wir haben es mit einem Massenschlupf von Zuckmücken zu tun“, erklärt Dr. Franz Höchtl von der Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsische Elbtalaue in Hitzacker. Mehrfach seien er und Kollegen in den vergangenen Tagen auf die enormen Mückenschwärme angesprochen worden. „Es handelt sich um ein seltenes Naturphänomen, das nur alle paar Jahrzehnte passiert. Nach einigen Tagen ist es aber auch wieder vorbei.“

Durch jeden Spalt dringen die Tiere durch

Er hält die schwüle Wärme für einen möglichen Grund für die massenhafte Vermehrung der Zuckmücken. „Das Wetter im Zusammenspiel mit den feuchten Bedingungen, welche die Elbe und ihre Nebengewässer wie etwa Altarme als Lebensraum bieten, könnten Auslöser sein.“

Die winzigen Mücken hält nichts auf. Claudia Harms aus Hohnstorf erzählt: „Selbst durch die Insektenschutzgitter hindurch schlüpfen sie mühelos durch geöffnete Fenster ins Haus. Lasse ich zurzeit die Haustür nur einen kurzen Moment offen stehen, sammeln sich sofort Hunderte Mücken an den Innenwänden.“ Ähnliches hat Ralf Brügmann aus Artlenburg beim Versuch erlebt, nachts das durch die Hitze am Tag aufgeheizte Schlafzimmer mit einer mobilen Klimaanlage zu kühlen.

„Ein kleiner Schlitz am geöffneten Fenster für den Lüftungsschlauch der Anlage reichte aus und diente als Einfallstor für mehrere Hundert Insekten in kürzester Zeit. Die Wand war ruckzuck schwarz“, sagt er. Luca Hadeler (16) hat bereits mehrfach beim Angeln riesige Schwärme aus Gebüschen aufsteigen sehen: „Sobald man Zweige mit dem Fuß berührt, schießen schwarze Wolken in die Höhe – mit einem unüberhörbaren Summen.“ Und Autofahrer fluchen, wenn mit ihnen beim Ein- und Aussteigen in den Wagen zeitgleich viele Dutzend der Insekten einfallen und sich sofort auf den Armaturen wie kleine Dünen auftürmen.

In kürzester Zeit war die Feuerwehr da

„Die Mücken sind Plagegeister, aber zum Glück völlig ungefährlich. Sie stechen nicht“, weiß Franz Höchtl. Was dem Menschen ordentlich auf die Nerven geht und lästig ist, bedeutet für Schwalben und andere Insektenfresser bei den Singvögeln allerdings, dass sie sich über einen reichlich gedeckten Tisch freuen können. „Für die Zugvögel, die noch da sind, heißt das, dass sie sich vor ihrem Abflug noch ordentlich Speck auf die Rippen futtern können.“

Der Naturschutzbund (Nabu) Schleswig-Holstein hat auf seiner Internetseite ebenfalls einen Bericht über das Naturphänomen – aus dem Jahr 2003: „In kürzester Zeit war die Feuerwehr da: Anwohner hatten schwarze Rauchschwaden an der Spitze des Kirchturmes aufsteigen sehen. Schnell aber beruhigten sich die Gemüter. Kein Großbrand, sondern ein Naturphänomen war die Ursache des Fehlalarmes. Millionen von Zuckmücken waren geschlüpft und bildeten Tanzschwärme über den höchsten Erhebungen der Uferregion.“

Zum Anlocken der Weibchen, so der Nabu, bilden die Männchen oft riesige auf- und niederwogende Tanzschwärme, die aus Millionen Individuen der gleichen Art bestehen. Diese Schwärme finden sich dann an exponierten Stellen zusammen. Aber, so der Nabu weiter: „Nach dem nächsten Gewitterregen, drehenden Winden oder sich ändernden Temperaturen ist der ‚Spuk‘ meist schnell schon wieder vorbei.“

Von Stefan Bohlmann

Hintergrund

Artenreichste Insektenfamilie

Zuckmücken sind die artenreichste Insektenfamilie der Binnengewässer. Allein in Mitteleuropa sind mehr als 1000 Arten, weltweit mehr als 5000, bekannt. Es gibt praktisch kein Gewässer, das nicht mindestens eine Art beherbergt. Zudem kommen sie häufig in großer Anzahl vor, mehr als 50.000 Individuen pro Quadratmeter Bodenoberfläche wurden schon gezählt.

Zuckmücken haben eine wichtige Rolle im ökologischen System. Wegen ihrer „Allgegenwart“ stellen ihre Larven wohl die wichtigste Nahrungsgrundlage für viele Fischarten und räuberisch lebende Wasserinsekten dar. Der Aquarianer kennt die Larven aus dem Fachhandel als sehr geeignetes Fischfutter. Angler füttern an ihren Fangplätzen gerne mit Zuckmückenlarven an. (Quelle: Nabu)