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AWO Lüneburg
Die SPD-Ratsfrau Anna Vogeley, hier mit Enkelsohn Jürgen Bruhnke, gehörte zu den Gründerinnen der Awo in Lüneburg. Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Als ihr Mann im Ersten Weltkrieg verwundet wurde, musste sie ihn und zwei Töchter durchbringen. Sie pachtete eine Schweineräucherei an der Heiligengeiststraße. Trotzdem engagierte sie sich für die SPD und Arme. Sie richtete beispielsweise eine Nähstube ein, um jungen Frauen eine Perspektive zu geben. (Quelle: Archiv)

Die Nächstenliebe der Arbeiter

Lüneburg. Es ging gar nicht anders: Die Arbeiterwohlfahrt gründete sich als Teil der SPD. Im Reich und in Lüneburg. Es waren Genossen, die erlebten, wie Familien zu kämpfen hatten und hungerten. 1919, ein Jahr nach Ende des 1. Weltkriegs, wurde die Awo auch an der Ilmenau aus der Taufe gehoben. Am Freitag feierte der Regionalverband Lüneburg, Uelzen, Lüchow-Dannenberg seinen 100. Geburtstag.

An der Spitze in Lüneburg agieren als Vorsitzender Achmed Date, viele Jahre in der Region Chef der Gewerkschaften DAG und ver.di, und als Geschäftsführer Günter Wernecke. Ihre Bilanz fällt gemischt aus: Hatte der Verband vor zehn Jahren noch 1000 Mitglieder sind es nun 200 weniger. „Die gesellschaftliche Entwicklung ist nicht an uns vorbeigegangen“, sagt Date. „Wir haben Leute, die sich in Projekten einsetzen, aber die nicht bei uns Mitglied werden wollen.“ Dass andere Sozialorganisationen steigende Zahlen vermelden, hat aus seiner Sicht eine Ursache: „Wenn Sie dort Hilfe wollen, müssen Sie eintreten.“ Bei der Awo erhalten Menschen eine Beratung auch ohne Mitgliedschaft. Die Crux: „Wer viele Mitglieder besitzt, hat eine lautere Stimme in Richtung Politik. Da habe ich schon Sorge, dass unsere Bedeutung sinkt.“ Daher sei es eine Frage der Solidarität, dem Verband beizutreten.

Mitgliederzahl sinkt, das Engagement aber nicht

Wernecke unterstreicht, dass sich nach wie vor viele für andere einsetzen und nennt Beispiele: Bei den Bildungspaten büffeln Ehrenamtliche mit Schülern für bessere Ergebnisse. Im Umsonstladen in Kaltenmoor packt mancher mit an, dort werden unter anderem gebrauchte Möbel oder Küchenutensilien an Bedürftige abgegeben.

Neben 250 Ehrenamtlichen, das waren 2009 noch 300, setzen sich 300 Mitarbeiter für die Anliegen der Awo ein, 80 mehr als vor zehn Jahren. Gemeinsam decken sie ein breites Spektrum ab: Beratung bei Kuranträgen, Erwerbslosigkeit, Renten und Insolvenz, dazu Selbsthilfegruppen. In der Jugendhilfe ist die Awo ambulant und stationär im Einsatz, dazu gibt es für Senioren Treffen und einen Hausnotruf. Das Thema Zuwanderer beschäftigt die Awo seit langem, Mitarbeiterinnen stehen Jugendlichen bei, haben Tipps für Eltern, arbeiten mit Kulturmittlerinnen zusammen.

In Stadtteilen wie Kaltenmoor bietet der Verband verschiedene Hilfen an. Zum Teil mit Partnern betreibt der Verband Sozialkaufhäuser in Lüneburg und Dahlenburg dazu Jugendwerkstätten. Als Partner der LZ begleitet die Awo die Ferienaktion Fresh.

Für die beiden Awo-Kitas in Lüneburg am Liebesgrund und in Kaltenmoor zeichnet der Bezirksverband verantwortlich. Wichtig ist Date und Wernecke: „Wir sind parteilich.“ Im Sinne desjenigen, der um Hilfe bittet. „In einer Behörde ist der Kollege auch seinem Haushalt verpflichtet“, sagt Wernecke. Das könne heißen, dass einem Klienten eben nicht alle Ansprüche aufgezeigt würden. Da eine andere Position vertreten zu können, mache die Stärke der Sozialverbände aus.

Preiskampf bei Sozialarbeit geht zu Lasten der Qualität

Die Lüneburger hätten eine Situation – auch im Vergleich zu anderen Awo-Verbänden –, die schwierig, aber gleichwohl eine Chance sei: „Wir betreiben beispielsweise keine Wohnheime“, sagt Wernecke. Stationäre Angebote bringen über entsprechende Belegung und die Bezahlung durch Ämter verlässliche Einnahmen. So müssten er und seine Kollegen immer wieder überlegen, welche Angebote sie machen und wie sie die finanzierten: „Wir müssen uns ständig neu erfinden, weil wir in Projekten arbeiten.“ Eben dadurch hinterfrage man das eigene Wirken.

Es ärgert das Duo, dass auch gut funktionierende Projekte, die zum Beispiel von der EU oder dem Bund gefördert werden, nach einer bestimmten Zeit auslaufen. Das sei misslich, wenn die Teilnehmer etwa in Bildungsangeboten nachweislich profitieren, dann aber ein neuer Antrag gestellt werden müsse.

Ausschreibeverfahren würden mitunter europaweit aufgelegt. Date sagt: „Ein Preiskampf bei der Sozialarbeit geht immer zur Lasten der Qualität.“ Für die lokalen Akteure, egal ob andere Verbände, Politik oder Verwaltung, attestieren sie allerdings eine gute Zusammenarbeit. Wernecke: „Das ist von gegenseitiger Wertschätzung geprägt.“

Ein Blick auf die Geschichte

Das soziale Gewissen der Stadt

Es gibt kaum Quellen, doch als erste engagierten sich der spätere Oberbürgermeister Wilhelm Hillmer, Marie Diedrich und Anna Vogeley für den kleinen Verein. Der ehemalige und inzwischen verstorbene SPD-Bundestagsabgeordnete Helmuth Möhring hat sich intensiv mit der Geschichte beschäftigt. Er kommt auf ein Gründungsdatum im Dezember 1919, ein Ortsausschuss findet sich Anfang 1922 zusammen. Sieben Jahre später kommt ein Ortsausschuss in Adendorf dazu. Im selben Jahr erschüttert die Wirtschaftskrise die Welt. Marie Diedrich berichtet 1930: Viele Awo-Mitglieder helfen ehrenamtlich, obwohl es ihnen selbst nicht gut gehe. „Kindern können Wanderungen und Beköstigung ermöglicht werden, den ganz Armen wurden Stiefel und Kleidung beschafft.“

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht inne haben, nehmen sie dem Arbeiterverein sein Vermögen weg und verbieten ihn. Die Nazis stecken Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Awo-Aktive in Zuchthäuser, darunter Ernst Braune und Käthe Krüger, die sich über Jahrzehnte für Lüneburg und seine Bürger eingesetzt haben. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg entsteht die Awo 1945 neu. Männer wie Helmuth Möhring bauen den Verein zu einem modernen Sozialverband auf – unabhängig von der SPD.

Von Carlo Eggeling